Für kaum eine Autoimmunerkrankung gibt es so viele Ernährungsempfehlungen wie für die Hashimoto-Thyreoiditis. Was wissenschaftlich belegt ist – und was ins Reich der Mythen gehört.
Die Hashimoto-Thyreoiditis gehört zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen weltweit. Schätzungen zufolge sind etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer. Allein in Deutschland gibt es mehrere Millionen Patienten. Charakteristisch ist eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Schilddrüsengewebe, die langfristig zur Hypothyreose führen kann. Während die Standardtherapie mit Levothyroxin die hormonellen Folgen der Erkrankung behandelt, richtet sich das wissenschaftliche Interesse zunehmend auf mögliche Einflussfaktoren der Autoimmunität selbst. Derzeit gibt es keine etablierte Therapie, um die Autoimmunreaktion dauerhaft zu stoppen oder zu heilen. Doch in den sozialen Medien werden Ernährung, Darmmikrobiom und die intestinale Barrierefunktion als Stellschrauben diskutiert. Wie ist die Datenlage?
In den vergangenen Jahren hat sich die Vorstellung einer Darm-Schilddrüsen-Achse (Gut-Thyroid-Axis) etabliert. Gemeint ist die enge Wechselwirkung zwischen Darmmikrobiom, intestinalem Immunsystem und Schilddrüsenfunktion. Untersuchungen zeigen, dass Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis eine veränderte Zusammensetzung ihrer Darmflora aufweisen. Gleichzeitig finden Wissenschaftler erhöhte Entzündungsmarker sowie Hinweise auf eine gestörte Darmbarriere.
Besonders interessant ist dabei das Konzept des „Leaky Gut“. Dabei kommt es zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand. Bakterielle Bestandteile oder Nahrungsantigene treten leichter mit dem Immunsystem in Kontakt. Studien konnten bei Hashimoto-Patienten erhöhte Konzentrationen des Proteins Zonulin nachweisen, das als Marker einer gestörten Darmbarriere gilt. Doch damit sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Zwar zeigen zahlreiche Assoziationsstudien Zusammenhänge zwischen Dysbiose, erhöhter Darmpermeabilität und Autoimmunität. Ein eindeutiger kausaler Beweis fehlt bislang jedoch. Die Frage, ob die Darmveränderungen Ursache oder Folge der Schilddrüsenerkrankung sind, bleibt offen.
Von der Forschung zur Anwendung: Unter den verschiedenen Ernährungsformen gibt es bei der mediterranen Ernährung die umfangreichste wissenschaftliche Grundlage. Mehrere Reviews beschreiben günstige Effekte auf Entzündungsprozesse, oxidativen Stress und Stoffwechselparameter bei Autoimmunerkrankungen, einschließlich der Hashimoto-Thyreoiditis. Darüber hinaus liefert die mediterrane Kost zahlreiche für die Schilddrüse relevante Mikronährstoffe wie Selen, Zink, Eisen und Omega-3-Fettsäuren. Im Unterschied zu restriktiven Eliminationsdiäten (siehe unten) erscheint die mediterrane Ernährung langfristig praktikabel und ernährungsphysiologisch ausgewogen. Daher gilt sie bei Experten derzeit als vernünftigster anti-entzündlicher Ernährungsansatz bei Hashimoto. Und nicht nur da: Wer eine Mittelmeerdiät konsequent einhält, senkt bekanntlich das eigene kardiovaskuläre Risiko.
Deutlich magerer sieht es beim Thema Gluten aus. Tatsächlich besteht eine Assoziation zwischen Hashimoto-Thyreoiditis und Zöliakie. Patienten mit Hashimoto weisen häufiger eine Zöliakie auf als die Allgemeinbevölkerung. Für diese spezielle Patientengruppe ist eine strikt glutenfreie Ernährung medizinisch notwendig. Für Hashimoto-Patienten ohne Zöliakie ist die Situation weniger eindeutig. Einige kleinere Studien berichten über sinkende TPO-Antikörper und verbesserte Entzündungsparameter unter glutenfreier Ernährung. Andere Untersuchungen konnten diese Ergebnisse allerdings nicht bestätigen. Übersichtsarbeiten kommen daher zu dem Schluss, dass die Evidenz für eine generelle Empfehlung einer glutenfreien Ernährung bei nicht-zöliakischer Hashimoto-Thyreoiditis bislang nicht ausreicht. Sinnvoll erscheint dagegen ein gezieltes Screening auf Zöliakie bei entsprechenden Symptomen oder Risikokonstellationen.
Sojaprodukte stehen ebenfalls im Verdacht, die Schilddrüsenfunktion bei Hashimoto zu beeinflussen. Das könnte an Isoflavonen wie Genistein und Daidzein liegen. Sie haben in älteren In-vitro- und Tierstudien die Aktivität der Thyreoperoxidase (TPO), eines zentralen Enzyms der Schilddrüsenhormonsynthese, gehemmt. Klinisch sieht die Sache anders aus: Bei ausreichender Jodversorgung konnte bislang kein relevanter negativer Einfluss moderater Sojazufuhr auf die Schilddrüsenfunktion nachgewiesen werden. Problematisch kann Soja allenfalls bei ausgeprägtem Jodmangel oder bei falscher Einnahme von Levothyroxin sein – da die Resorption des Medikaments beeinträchtigt werden könnte. Ein genereller Sojaverzicht bei Hashimoto wird von Fachgesellschaften nicht empfohlen.
Gefährlicher wird es da schon mit westlichen Ernährungsweisen. Beobachtungsstudien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass stark verarbeitete Lebensmittel entzündliche Prozesse fördern und möglicherweise zur Entstehung von Autoimmunerkrankungen beitragen können. Insbesondere verarbeitetes Fleisch wird aufgrund seiner Assoziation mit oxidativem Stress, Entzündungsreaktionen und Veränderungen des Darmmikrobioms als potenzieller Risikofaktor diskutiert. Unverarbeitetes Fleisch sollte dagegen nicht pauschal angeprangert werden, da es zugleich Nährstoffe wie Eisen, Zink, Selen und Vitamin B12 liefert und es kaum Daten für schädigende Effekte gibt.
Während viele Eliminationsdiäten nur schwach belegt sind, existieren für einzelne Mikronährstoffe deutlich robustere Daten. Besonders gut untersucht ist Selen. Eine Metaanalyse zeigt beispielsweise, dass Selensupplemente bei Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis die TPO-Antikörpertiter, den TSH-Wert und Marker von oxidativem Stress verringern können. Die klinische Relevanz dieser Veränderungen ist aber unklar. Auch für Vitamin D, Eisen und Zink existieren Hinweise auf Zusammenhänge mit Schilddrüsenautoimmunität. Die Studienlage reicht derzeit eher für eine Korrektur nachgewiesener Defizite als für eine generelle Supplementierung.
Die Vorstellung mancher Patienten, Hashimoto-Thyreoiditis allein durch Ernährung „heilen“ zu können, ist nicht mehr als ein Wunschtraum. Dennoch sprechen immer mehr Daten dafür, dass Ernährungsfaktoren die entzündliche Aktivität der Erkrankung beeinflussen können. Am besten belegt ist derzeit eine mediterran orientierte, ballaststoffreiche Ernährung mit hohem Anteil pflanzlicher Lebensmittel und möglichst geringer Menge ultraverarbeiteter Produkte. Für Gluten gilt: Bei nachgewiesener Zöliakie ist der Verzicht zwingend erforderlich. Für alle anderen Hashimoto-Patienten existiert bislang keine ausreichende Evidenz für eine generelle Empfehlung. Ähnliches gilt für Soja, das bei ausreichender Jodversorgung überwiegend als unproblematisch angesehen wird.
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