Nach der Diät ist vor dem Jo-Jo-Effekt. Könnte ein Darmbakterium diesen Kreislauf durchbrechen – und die Adipositastherapie erleichtern?
Kaum ist die Diät vorbei, schleichen sich die Kilos zurück. Das sogenannte Weight Regain nach erfolgreicher Gewichtsreduktion ist eines der hartnäckigsten Probleme in der Adipositastherapie. Eine neue randomisiert kontrollierte Studie, erschienen in Nature Medicine, liefert nun erstmals belastbare Hinweise, dass ein mikrobiombasiertes Nahrungsergänzungsmittel genau hier ansetzen könnte – mit dem Darmbakterium Akkermansia muciniphila als Wirkprinzip.
Die Studie testete das pasteurisierte A. muciniphila-Präparat „MucT“ in einer zweiphasigen Untersuchung: Zunächst absolvierten 90 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas – ohne Typ-2-Diabetes und ohne Darmerkrankungen – eine achtwöchige Formuladiät mit täglich 900 Kilokalorien. Wer dabei mindestens acht Prozent seines Körpergewichts verlor, wurde randomisiert: 84 Teilnehmer erhielten entweder 24 Wochen lang dreimal täglich „MucT“ als Kapsel oder ein Placebo. Begleitend fanden regelmäßige Ernährungsberatungen statt. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung in der Erhaltungsphase.
Das Ergebnis ist statistisch signifikant: Die MucT-Gruppe nahm im Schnitt nur 1,2 Kilogramm wieder zu, die Placebogruppe hingegen 3,2 Kilogramm (p = 0,012). 16 Teilnehmer der Verumgruppe nahmen sogar weiter ab – in der Kontrollgruppe waren es nur zwei. Zusätzlich zeigte MucT einen positiven Effekt auf die Insulinsensitivität. Eine Subgruppenanalyse ergab, dass Patienten mit initial niedrigerem A. muciniphila-Spiegel im Stuhl besonders von der Behandlung profitierten. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.
Dr. Stefan Kabisch von der Charité Berlin bewertet die Methodik grundsätzlich positiv: Das Design sei „darauf optimiert, den Nachweis dafür zu erbringen, dass das spezielle Akkermansia-Präparat den Gewichtserhalt unterstützt“ – verblindet, vorab registriert, mit ausreichend langer Behandlungsdauer und ergänzenden Stoffwechselmessungen. Gleichzeitig betont er: „Der Wirkungsnachweis gilt nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung.“
Dr. Rima Chakaroun vom Universitätsklinikum Leipzig sieht den absoluten Effektunterschied von rund zwei Kilogramm als „statistisch signifikant, aber klinisch nicht sehr stark“. Sie weist zudem auf das Fehlen einer aktiven Kontrollgruppe mit einem inaktivierten Bakterienstamm ohne die relevante Komponente Amuc_1100 hin – ohne diesen Vergleich lasse sich keine Aussage über die Spezifität des Effekts treffen.
Für die beobachteten Effekte diskutieren die Autoren mehrere biologisch plausible Mechanismen: A. muciniphila kann über sein äußeres Membranprotein Amuc_1100 die Darmbarrierefunktion stärken. Zudem korrelierte in der MucT-Gruppe eine erhöhte Energieausscheidung im Stuhl invers mit dem Gewichtswiederanstieg – ein Hinweis auf reduzierte Kohlenhydrataufnahme im Darm, konsistent mit Befunden aus Mausmodellen. Im subkutanen Fettgewebe fanden sich Hinweise auf eine Hochregulation mitochondrialer und thermogener Signalwege sowie eine verminderte Expression von Entzündungsmarkern. Kabisch merkt allerdings an, dass weder für GLP-1 noch für kurzkettige Fettsäuren ein mechanistischer Beleg gefunden wurde.
Relevant für die Einordnung: Die Studie wurde von der „The Akkermansia Company“ finanziert, die das Präparat herstellt und vermarktet. Mehrere Erstautoren sind leitende Mitarbeiter oder wissenschaftliche Berater des Unternehmens. Kabisch gibt zu bedenken, dass ein schlüssiges, vorab registriertes Design ohne Hinweise auf methodische Verzerrungen vorliegt und die Publikation in Nature Medicine üblicherweise eine unabhängige Qualitätskontrolle sicherstellt. Chakaroun betont dennoch: Die Interessenkonflikte „bedeuten nicht, dass die Ergebnisse falsch sind, aber es bedeutet, dass Replikation durch unabhängige Gruppen dringend erforderlich ist.“
Für die Praxis gilt: A. muciniphila ist kein zugelassenes Arzneimittel, sondern ein Nahrungsergänzungsmittel. In keiner aktuellen Leitlinie – weder der Deutschen Adipositas-Gesellschaft noch internationaler Fachgesellschaften – spielen Probiotika oder mikrobiombasierte Präparate bisher eine Rolle bei der Gewichtserhaltung. Kabisch fasst es präzise zusammen: „Für eine Empfehlung ist es trotzdem noch zu früh.“ Bestätigungsstudien mit deutlich größeren Fallzahlen seien notwendig, um auszuschließen, dass der beobachtete Vorteil auf Zufall beruht.
Patienten, die das Präparat eigenständig einsetzen wollen, sollten über die engen Studienbedingungen informiert werden: Der Effekt wurde ausschließlich nach einer Formula-Diät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes, nachgewiesen – eine Übertragbarkeit auf andere Diätformen oder Patientengruppen ist nicht belegt.
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