Das Gesundheitssystem muss sich ändern – so viel ist klar. Als Hausärztin sorge ich mich aber, was die Reformen für meine Praxis wirklich bedeuten. Aus Erfahrung weiß ich: Spätfolgen können heftig sein.
Ich lese sehr gern, vor allem Fantasy. In Robert Jordans Welt aus „Das Rad der Zeit“ ist ein Gesetz verewigt, das ich auch meinen Kindern weitergegeben habe. Das Gesetz der „unbeabsichtigten Konsequenz“ besagt: Egal, ob das, was man tut (oder nicht tut), den Effekt hat, den man wollte, es wird mindestens drei Konsequenzen haben, die man nicht erwartet hatte – und meistens ist eine davon unangenehm.
Mir kam dieses Gesetz wieder in den Sinn, als ich über die ganzen Reformen nachdachte, die jetzt geplant sind. Es ist völlig klar und außer Frage, dass unser Gesundheitssystem reformiert werden muss. Und ja, natürlich finde ich es auch sinnvoll, nicht politisch vorzupreschen anhand von Parteilinien, sondern eine Expertenkommission zu beauftragen, damit das Ganze erst einmal durchgerechnet werden kann. Aber klar denke ich als Hausärztin auch darüber nach, wie mich die kommenden Reformvorschläge als Praxis treffen.
Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater als Hausarzt von der letzten großen Gesundheitsreform Mitte der 90er Jahre getroffen wurde. Das war relativ kurz, nachdem er seine Praxis aufgebaut hatte (mit noch viel höheren Kreditzinsen als heute). Da wurde es dann doch wirklich knapp und er kam nur an den Wochenenden zum Familien-Camping-Urlaub nach Holland, weil er die komplette Zeit durchgearbeitet hat. Sowas prägt natürlich auch meine Wahrnehmung.
Versuchen wir erst einmal, die geplanten Änderungen zu sortieren – primär als rein subjektive Bewertung der vor allem finanziellen Folgen für meine Praxis. Mir ist klar, dass das aber je nach Praxisaufstellung anders aussieht.
Grundsätzlich verständlich (und nicht unerwartet) – diese Maßnahmen waren ja als Anschubfinanzierungen gedacht. Diese Änderungen werde ich definitiv finanziell merken, weil wir sehr viele EPAs erstbeladen haben, was wirklich auch eine Finanzspritze war. Wobei ich sagen muss, dass es eine weitere, für mich positive (unerwartete?) Konsequenz hatte: Es war für viele MFA einfacher, den Sinn hinter einer vergüteten Leistung zu sehen als das Abstrakte „dann kann jemand anderes auf diese Informationen zugreifen“. Denn letztlich finde ich bis heute nur selten relevante Informationen anderer Ärzte – vielleicht mal Zahnarzt-Abrechnungsunterlagen oder ähnliches. So wirklich durchgesetzt hat sich die EPA (bislang) nicht, auch wenn ich weiter an das Potenzial glaube. Und hoffe, dass wir irgendwann von unserem hohen Ross absteigen und von anderen Ländern lernen, wie man so etwas günstiger und effektiver umsetzt.
Ja, auch das ist ein finanzieller Einschnitt, aber wahrscheinlich kein medizinischer Verlust – meines Wissens hat es (außerhalb der vorherigen Pilotstudie) nicht wirklich eine Verbesserung gebracht und ich werde ja weiter auch die Haut meiner Patienten anschauen, wenn ich sie für den Check-up sehe. Schon jetzt kann ich es bei diversen Hausarztverträgen nicht wirklich abrechnen (oder nur, wenn ich die Patienten dafür separat einbestelle und das mache ich nicht, sondern kombiniere es mit der GU, weil sich die Patienten da eh ausziehen). Was ich aber schön fände: Eine wissenschaftliche Begleitung und Überprüfung, wie sich das auf die Hautkrebs-Versorgung auswirkt (ggf. auch da ein Blick in andere Länder?)
Klingt erstmal super – wundert mich aber, was da als Sparmaßnahme noch kommen soll. Denn letztlich reden wir eigentlich ja nur von Glukose und Blutfetten. Und einmalig HepB- und HepC-Screening, was ich immer interessant finde, weil ich ja bei Zugezogenen oder Wechslern oft genug gar nicht weiß, ob die das irgendwann mal bekommen haben.
Auch da wieder: Ich hab viele Patienten im HZV und zahle damit das Basislabor aus eigener Tasche. Da die allermeisten Patienten ja auch andere Medikamente nehmen, kommt bei uns zum eigentlichen GU-Labor normalerweise auch ein Blutbild sowie Leber- und Nierenwerte dazu. Und ganz ehrlich: WENN jemand uns bei der GU auffällt mit einer Gesundheitsstörung, sind es oft eher die letztgenannten „Eigentlich-nicht-GU“-Werte, die zu relevanten Ergebnissen führen. Eine neu aufgetretene Anämie beispielsweise als Alarmsignal für bösartige Erkrankungen. Oder die erhöhten Leberwerte im Rahmen einer beginnenden Fettleber. Gerade, wenn man das dann auch sonografisch dem Patienten ZEIGEN kann, ist das eine interessantere Motivation für einen gesunden Lebensstil als nur „Ihr Cholesterinwert ist zu hoch“.
Wie man also merkt, schützen mich die Hausarztverträge bislang oft vor dem größten Ärger. Aber auch da droht Ungemach – und der bereitet mir gerade etwas mehr Bauchschmerzen: Wenn man mehr Patienten in die HZV aufnimmt, sollen die Vergütungen abgestaffelt werden. Und das hier auf dem Land, wo jetzt schon mehrere Hausarztsitze unbesetzt sind und zwei weitere Kollegen zum Jahresende in den Ruhestand gehen wollen. Was für Konsequenzen wird das haben? Soll ich dann Patienten ablehnen?
Am Ende kann ich nur spekulieren, aber ich rechne mit folgender Entwicklung in den nächsten Jahren: Die Einsparungen bei Organspende und EPA-Beladung werden durch andere, dann lukrativere Maßnahmen ersetzt werden (aktuell werden ja eher z. B. geriatrische Assessments und Osteoporose-DMP gepusht), weil die Ärzte eine gewisse Menge Geld verdienen wollen und als Unternehmer (denn Praxen sind Unternehmen) ja auch müssen. Womit wir beim nächsten Kostenpunkt wären:
Was bedeutet das für die MFA, wenn der Punktwert gar nicht mehr oder nur noch marginal steigt, weil die Einnahmen der Krankenkassen kaum steigen? MFA-Gehälter sind nicht wirklich luxuriös und dann noch solche Aussichten? Das führt zu noch weniger Fachkräften – in einer Zeit, in der wir eh schon immer häufiger lange suchen müssen. Das trifft mich aktuell noch nicht, aber ich zahle auch deutlich über Tarif, biete Diensträder, jährliche Fortbildung, etc. an – weil ich es momentan noch finanzieren kann.
Und last, but not least: Wie sieht das mit den Jung-Ärzten aus? Die fragen sich nämlich zurecht, ob und warum sie sich in dieser Konstellation – und mit dieser Perspektive – noch niederlassen sollen. Viele möchten im Team arbeiten, was ja für größere Praxen spricht. Aber wenn man nicht weiß, wie man das finanzieren kann, dann lieber eine kleine Einzelpraxis – oder angestellt bei einem Konzern? Was zu mehr Konzentration in Praxis-Ketten (wie aktuell in der Augenheilkunde und Radiologie) führt, die DANN wiederum häufig mehr abrechnen und damit zu mehr Kosten im Gesundheitssystem führen (ich hatte mal von ca. 20 % höheren Abrechnungen gelesen). Wurde so etwas eigentlich bei den „Einsparungen“ einberechnet?
Um das nochmal ganz klarzustellen: Ich weiß, dass gespart werden muss und ja, da müssen alle zu beitragen. Aber es wäre schön, wenn das ein bisschen besser kommuniziert würde, damit man als Selbständiger auch eine grobe Ahnung hat, was da auf einen zukommt. Ich liebe meinen Job, aber ja, ein bisschen Sorge schleicht sich da bei mir auch ein.
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