Weniger Verlangen, weniger Exzess: Wo bisherige suchtkontrollierende Medikamente an ihre Grenzen stoßen, könnte Semaglutid bei Alkoholabusus wirken. Wer hoffen darf.
Rund 4,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind alkoholabhängig – und die pharmakologischen Optionen sind seit Jahren dieselben: Acamprosat und Naltrexon. Wirksam, aber begrenzt. Jetzt liefert eine randomisierte, placebokontrollierte Studie im Lancet erstmals belastbare Hinweise, dass Semaglutid den Alkoholkonsum bei Menschen mit Übergewicht und Alkoholabhängigkeit signifikant senken kann.
Die Studie schloss 108 Personen mit einem BMI von mindestens 30 kg/m² und mittlerer bis schwerer Alkoholkonsumstörung ein. Eine Hälfte erhielt wöchentlich 2,4 mg Semaglutid subkutan, die andere Placebo – begleitend nahmen alle an Psychotherapie teil. Als zentrales Outcome erfassten die Forschenden die sogenannten „Heavy Drinking Days“ – also Tage, an denen Frauen mehr als 48 g und Männer mehr als 60 g Reinalkohol tranken. Das Ergebnis: In der Semaglutid-Gruppe sanken diese Tage um 41,1 Prozentpunkte, in der Placebo-Gruppe um 26,4 – ein Unterschied von 13,7 Prozentpunkten zugunsten des Wirkstoffs. Außerdem tranken die Teilnehmenden in der Verumgruppe durchschnittlich 467,5 g Alkohol weniger pro 30 Tage und berichteten von deutlich weniger Craving. Zum Vergleich: 60 g Reinalkohol entsprechen etwa 1,25 Litern Bier oder einer Flasche (0,7 L) Wein.
Prof. Patrick Bach, Leiter der Arbeitsgruppen Verhaltenssüchte und Neuroenhancement am Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, ordnet die Zahlen ein: „Die Effektgrößen liegen im mittleren Bereich – Cohen's d zwischen 0,45 und 0,57. Das ist klinisch relevant, besonders weil für die bisher zugelassenen Medikamente – wie Acamprosat und Naltrexon – lediglich kleine bis moderate Effekte beobachtet wurden.“ Dr. Sophia Khom-Steinkellner, Assistenzprofessorin für Pharmakologie an der Universität Wien, hebt einen weiteren Befund hervor: Unter Semaglutid seien nicht nur Craving und Trinkmenge pro Tag gesunken, sondern auch der starke Alkoholkonsum – und das zusätzlich zu einer begleitenden kognitiven Verhaltenstherapie. Für sie spricht das dafür, dass der Nutzen von GLP-1-Rezeptoragonisten „mehr sein könnte als nur ein indirekter Effekt über Gewichtsreduktion oder verändertes Essverhalten.“
Der Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Tierstudien zeigen, dass GLP-1-Rezeptoragonisten die Dopaminausschüttung nach Alkoholkonsum im Nucleus accumbens dämpfen – jenem Belohnungszentrum, das zentral für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit ist. Khom-Steinkellner ergänzt die neurobiologische Perspektive: GLP-1-Signalwege modulierten auch den präfrontalen Cortex und die zentrale Amygdala – Hirnregionen, die für Impulskontrolle, Stressverarbeitung und Rückfallverhalten entscheidend sind. Ihr Fazit aus der Präklinik: „GLP-1-Signalwege wirken wie eine Art natürliches Bremssystem für belohnenden Substanzkonsum.“
Bach verweist zusätzlich auf überlappende neurobiologische Veränderungen im Belohnungssystem bei Personen mit Alkoholabhängigkeit und Übergewicht, insbesondere bei solchen mit Anzeichen einer „Food Addiction“. Das könnte erklären, warum der Effekt in dieser spezifischen Patientengruppe besonders ausgeprägt ist – und warum er sich nicht automatisch auf Normalgewichtige übertragen lässt. Khom-Steinkellner teilt diese Einschätzung: Ob die beobachteten Effekte sich in gleicher Weise auf normalgewichtige Betroffene übertragen lassen, sei derzeit noch offen.
Trotz des positiven Signals bleiben zentrale Fragen offen. Bach benennt das für die Praxis entscheidende Problem direkt: Semaglutid reduziert den Konsum – aber es gibt bislang keine Belege dafür, dass es Abstinenz fördert oder erhält. Für die meisten Patienten mit Alkoholabhängigkeit ist komplette Abstinenz jedoch das Therapieziel – so auch nach den deutschen S3-Leitlinien. Dazu kommen fehlende Langzeitdaten. Was passiert, wenn das Medikament abgesetzt wird? Bach zieht eine naheliegende Parallele: Beim Körpergewicht wurde nach Absetzen eine deutliche Wiederzunahme beobachtet. Ein ähnlicher Rebound-Effekt beim Suchtverhalten sei nicht unplausibel – mit entsprechenden Konsequenzen für die Therapieplanung. Khom-Steinkellner formuliert es als offene Forschungsfrage: Entscheidend werde sein, „wie stabil diese Effekte langfristig sind und welche Patientengruppen am meisten davon profitieren.“ Auch die Nebenwirkungen sind nicht zu ignorieren: Sieben Prozent der Semaglutid-Gruppe brachen die Studie wegen gastrointestinaler Beschwerden ab – deutlich mehr als unter Placebo.
Für eine breite Off-Label-Empfehlung ist es noch zu früh, so Bach. Aber: Patienten mit Alkoholabhängigkeit und komorbider Adipositas, bei denen eine Indikation für Semaglutid ohnehin besteht, könnten potenziell doppelt profitieren. Den Blick weitet Khom-Steinkellner: Sollte sich der Effekt in weiteren Studien bestätigen, könnte die Substanzklasse auch über die Alkoholkonsumstörung hinaus relevant werden – präklinische Daten gibt es bereits für Nikotin-, Opioid- und Kokainkonsum. „Erstmals zeichnet sich ab, dass ein ursprünglich für Stoffwechselerkrankungen entwickelter Wirkstoff direkt auf zentrale Mechanismen von Suchtverhalten wirken könnte", so Khom-Steinkellner.
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