KOMMENTAR | Während Deutschland über Datenschutz, Hackerangriffe und die ePA streitet, ist die moderne Medizin in anderen Nationen längst auf dem Vormarsch. Braucht digitaler Fortschritt mehr Risikobereitschaft?
In den Ohren vieler Datenschützer mag es wie Frevel klingen: Der britische National Health Service (NHS) erlaubt dem US-Datenkonzern Palantir den Zugriff auf identifizierbare Patientendaten, um Künstliche Intelligenz-Systeme zur Analyse und Steuerung des Gesundheitssystems aufzubauen. Kritiker sprechen von einem „gefährlichen“ Schritt und warnen vor Kontrollverlust bei sensiblen Gesundheitsdaten. Die Vorstellung, dass ein privates US-Unternehmen Zugriff auf Millionen Gesundheitsdaten erhält, wirkt verstörend. Doch gleichzeitig drängt sich eine Frage auf: Macht sich Deutschland inzwischen so viele Sorgen um Datenschutz, dass dadurch reale medizinische Chancen verloren gehen?
Das Problem begann nicht erst mit dem Aufstieg von KI-Tools. Kaum ein anderes Land diskutiert seit Jahren so emotional über Gesundheitsdaten wie Deutschland. Die elektronische Patientenakte (ePA) ist dafür zum Symbol geworden: Datenschützer warnen vor Hackerangriffen, Datenmissbrauch und vor dem „gläsernen Patienten“; viele Bürger begegnen der Digitalisierung des Gesundheitswesens grundsätzlich mit Skepsis.
Diese Sorgen sind nicht unbegründet. Doch in der öffentlichen Debatte gerät häufig aus dem Blick, welche Risiken der Verzicht auf eine sinnvolle Datennutzung mit sich bringt. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Medikationssicherheit.
Millionen ältere Menschen nehmen täglich mehrere Arzneimittel als Dauertherapie ein. Oft werden diese von unterschiedlichen Ärzten verordnet, ohne dass jemand einen vollständigen Überblick über die gesamte Medikation hat. Die Folge sind gefährliche Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und vermeidbare Medikationsfehler.
Die Auswirkungen sind erheblich: Laut ABDA gehen in Deutschland jedes Jahr rund 250.000 Krankenhauseinweisungen auf vermeidbare Medikationsfehler zurück. Schätzungen zufolge sterben zudem zwischen 16.000 und 25.000 Menschen jährlich im Zusammenhang mit Polymedikation. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr kamen 2023 bundesweit rund 2.800 Menschen ums Leben – nur ein Bruchteil der möglichen Todesfälle durch Medikationsprobleme.
Trotzdem werden digitale Medikationspläne oder zentrale Gesundheitsdaten häufig vor allem als Risiko wahrgenommen und weniger als Teil der Lösung. Dabei könnten elektronische Patientenakten und KI-gestützte Systeme genau hier einen entscheidenden Beitrag leisten: Sie wären in der Lage, gefährliche Wechselwirkungen automatisch zu erkennen, Doppelverordnungen zu verhindern und Ärzte frühzeitig zu warnen.
Doch damit sind die Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Die Medizin der Zukunft basiert auf Big Data und auf Künstlicher Intelligenz. Moderne KI-Systeme analysieren schon heute Millionen Datensätze, erkennen Muster in Bildgebungen, Laborwerten oder Krankheitsverläufen und unterstützen Ärzte dabei, Krankheiten früher zu erkennen und Therapien gezielter auf einzelne Patienten zuzuschneiden.
Besonders groß sind die Erwartungen in der Onkologie. Datengetriebene KI gilt als einer der wichtigsten Hoffnungsträger im Kampf gegen Krebs. Bereits heute kommen KI-Modelle bei der Früherkennung von Brustkrebs und Hautkrebs zum Einsatz. Auch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit zeigen erste Anwendungen vielversprechende Ergebnisse. Dabei gilt eine einfache Regel: Je größer und vielfältiger die verfügbaren Datenmengen, desto präziser die Systeme. Genau deshalb investieren die USA und China seit Jahren Milliardenbeträge in medizinische Datenplattformen und KI-Infrastrukturen.
Wir tun uns noch immer schwer mit der systematischen Nutzung von Gesundheitsdaten. Hierzulande werden sie häufig vor allem als potenzielle Gefahrenquelle betrachtet – und weniger als Ressource für bessere Medizin. Doch wer Daten nicht nutzt, kann auch keine leistungsfähigen KI-Systeme entwickeln. Wer keine großen, vernetzten Datenräume schafft, verliert bei personalisierter Medizin, Arzneimittelentwicklung und Prävention rasch den Anschluss.
Das Paradoxe daran: Ausgerechnet Deutschland, ein Land mit exzellenter medizinischer Forschung, renommierten Universitätskliniken und hoher wissenschaftlicher Kompetenz, droht den Anschluss an die datengetriebene Medizin zu verlieren. Nicht, weil es an Wissen oder technologischen Fähigkeiten mangelt, sondern weil kulturelle Vorbehalte, regulatorische Hürden und ein tief verwurzeltes Vorsichtsdenken den Fortschritt ausbremsen.
Mittlerweile wird die Kritik immer lauter – nicht nur in der Tech-Szene. Gemäß einer Bitkom-Umfrage fühlen sich zwei Drittel deutscher Unternehmen durch Datenschutzvorgaben bei Innovationsprojekten ausgebremst. Und 70 Prozent haben Innovationsprojekte wegen Datenschutzanforderungen oder rechtlicher Unsicherheiten bereits gestoppt. Der Branchenverband spricht von einer „Digitalisierungs-Bremse Nummer eins“.
Ähnliche Töne waren auf dem WELT-KI-Summit im Herbst 2025 zu hören. Dort warnte KI-Forscher Richard Socher vor einer europäischen Kultur aus Regulierung und Risikoangst. Man brauche „Wagemut statt Regulierung“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder formulierte es noch drastischer: Europa diskutiere über das Tempolimit, „bevor die Straße überhaupt gebaut ist“. Selbst Bundestagspräsidentin Julia Klöckner räumte ein, man klinge „sehr deutsch“, wenn man zuerst über Risiken spreche.
Tatsächlich scheint die deutsche Debatte weniger technisch als kulturell geprägt zu sein. Digitalisierung wird hier oft nicht als Chance, sondern zuerst als Bedrohung betrachtet. Der Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi beschreibt genau dieses Phänomen in seinem Buch „Die verblendete Republik“. Digitalisierung werde in Deutschland häufig nicht faktenbasiert, sondern emotional und meinungsgetrieben diskutiert. Wir nutzen soziale Netzwerke, Chat-Apps und Cloud-Dienste, ohne darüber nachzudenken, wo die Daten landen, lehnen jedoch staatlich kontrollierte Gesundheitsplattformen oder Datensilos ab.
Natürlich wäre es falsch, Datenschutz pauschal als überflüssig abzutun – und Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Informationen überhaupt. Die Herausforderung besteht darin, Datenschutz und medizinischen Fortschritt intelligent miteinander zu verbinden. Doch genau daran scheitert Deutschland. Statt pragmatische Lösungen zu entwickeln, sehen wir ein reflexhaftes Vorsichtsdenken. Die Folge ist ein Gesundheitssystem, das digital hinterherläuft – obwohl die technischen Möglichkeiten längst existieren.
Um wieder den Lead zu übernehmen, könnten sich diese fünf Strategien eignen:
Niemand fordert, Gesundheitsdaten frei verfügbar zu machen. Aber wenn eine KI gefährliche Arzneimittelwechselwirkungen erkennen, Krebs früher diagnostizieren oder Behandlungsfehler verhindern kann, sollte der potenzielle Nutzen Teil der Abwägung sein.
Moderne Technologien ermöglichen Pseudonymisierung, Verschlüsselung, Zugriffsprotokolle und differenzierte Berechtigungen. Die Frage sollte daher nicht lauten: „Darf jemand auf Daten zugreifen?“ Sondern: „Wer darf wann, warum und unter welchen Kontrollen zugreifen?“
Sinnvoll wäre ein Modell nach dem Motto: Wer Daten für Versorgung und Forschung nutzt, erhält klare und praktikable Regeln. Wer Daten missbraucht, wird konsequent sanktioniert. Das schafft Sicherheit ohne Innovationsblockade.
Datenschutz sollte Patienten schützen, nicht Innovation bremsen. Er soll Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Fortschritt sicher stattfinden kann. Die beste Regulierung verhindert nicht alles – sie ermöglicht das Richtige.
Die deutsche Debatte ist häufig von Misstrauen geprägt. Manchmal klingt es, als seien Patienten grundsätzlich gegen Datennutzung. Dabei zeigen Umfragen regelmäßig, dass viele Menschen bereit sind, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, zumindest anonymisiert, wenn sie erkennen, dass dadurch Forschung, Prävention oder bessere Therapien möglich werden. Patienten wollen nicht nur Datenschutz. Sie wollen vor allem gute Medizin.
Die Frage lautet nicht, ob Gesundheitsdaten genutzt werden sollen. Die eigentliche Frage lautet: Will Deutschland bei der Medizin der Zukunft mitgestalten oder nur noch zuschauen?
Bildquelle: Mahdis Mousavi, Unsplash