Betroffene sind körperlich und psychisch massiv belastet — dennoch bleibt die Hidradenitis suppurativa oft jahrelang unerkannt. Was Apotheke und Praxis in puncto Beratung und Behandlung wissen müssen.
Hidradenitis suppurativa (HS), auch Acne inversa (AI) genannt, ist keine gewöhnliche Akne und auch keine Folge mangelnder Hygiene. Es handelt sich um eine chronisch-rezidivierende, entzündliche Erkrankung des terminalen Haarfollikels, die vor allem intertriginöse Hautareale betrifft. Typisch sind schmerzhafte, entzündliche Knoten, Abszesse, sezernierende Läsionen, Tunnelgänge und Narben, bevorzugt axillär, inguinal, genital, perineal, perianal, gluteal und submammär. Die deutsche S2k-Leitlinie betont, dass die Diagnose in erster Linie klinisch gestellt wird, durch Inspektion, Palpation und gegebenenfalls Sondierung von Tunnelgängen. Gerade hier kann die Apotheke eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen: Viele Betroffene sprechen zunächst von „Furunkeln“, „eingewachsenen Haaren“, „Abszessen“ oder wiederkehrenden Entzündungen in Hautfalten, ohne die Diagnose HS zu kennen.
Die diagnostische Verzögerung ist klinisch bedeutsam. Nach der S2k-Leitlinie wird die Diagnose international durchschnittlich erst nach mehreren Jahren gestellt. Für Deutschland wird eine Verzögerung von rund zehn Jahren genannt. Diese Zeit ist therapeutisch verloren, und mit fortschreitender Erkrankung entstehen irreversible Gewebeschäden, Narbenstränge und Tunnelgänge, die medikamentös allein oft nicht mehr ausreichend kontrollierbar sind. Für die Beratung bedeutet das: Wiederkehrende schmerzhafte Knoten oder Abszesse in typischen Arealen sollten nicht dauerhaft mit Selbstmedikation, Desinfektion oder wiederholten kurzfristigen (topischen) Antibiotikagaben begleitet werden, sondern Anlass zur dermatologischen Abklärung sein.
In der Offizin sind mehrere Gesprächsanlässe typisch: Kunden fragen nach antiseptischen Waschlösungen, Wundauflagen, Schmerzmitteln, Narbenpflege, Zugsalben oder berichten von wiederholten Antibiotikaverordnungen. Verdächtig sind rezidivierende, sehr schmerzhafte „Beulen“ in Achseln, Leisten, Genital- oder Perianalregion, nässende Läsionen, unangenehmer Geruch, Blutflecken in Kleidung oder Unterwäsche, alte Narben in denselben Arealen und der Hinweis, dass „immer wieder an derselben Stelle“ Entzündungen auftreten. Wichtig ist eine entstigmatisierende Sprache. Aussagen wie „Das müssen Sie besser sauber halten“ sind für Betroffene beschämend. Besser ist es, den Betroffenen nahezulegen, einen Arzt aufzusuchen, gerade wenn die Entzündung so hartnäckig ist.
Für die Schweregradeinteilung werden unter anderem Hurley-Stadien verwendet. Der Hurley-Score ist für strukturelle Veränderungen und chirurgische Entscheidungen hilfreich, bildet aber die Dynamik der Entzündung nicht ausreichend ab. Die Leitlinie verweist deshalb für Krankheitsaktivität und Verlaufskontrolle auch auf dynamische Scores wie den IHS4. Für die Apotheke ist nicht entscheidend, selbst zu scoren, sondern Warnzeichen zu erkennen: starke Schmerzen, Funktionseinschränkung, Fistel-/Tunnelverdacht, großflächige Sekretion, Fieber, perianale Beteiligung, rasche Verschlechterung oder erhebliche psychosoziale Belastung gehören in ärztliche Hand.
Bei milder HS/AI empfiehlt die S2k-Leitlinie eine topische Therapie mit Clindamycin 1-%-Lösung. Sie soll außerdem als Begleitmedikation zu systemischer oder chirurgischer Therapie bei mittelschwerer bis schwerer HS/AI eingesetzt werden. Gleichzeitig weist die Leitlinie darauf hin, dass die langfristige Anwendung topischer Antibiotika bei einer nicht primär infektiösen Erkrankung wegen möglicher Resistenzentwicklung kritisch zu sehen ist.
Als besondere topische Option nennt die Leitlinie Resorcinol-Peeling 15 %. Resorcinol wirkt keratolytisch, antimikrobiell und antientzündlich. In kleineren Studien und retrospektiven Daten wurden Verbesserungen von Schmerz, Läsionen und Lebensqualität bei milder bis mittelschwerer HS/AI beschrieben. Gleichzeitig sind irritative oder allergische Kontaktekzeme und bräunliche Verfärbungen möglich. Die Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass Resorcin wegen seines Nebenwirkungsprofils als obsolet eingeschätzt wird, aber nicht in der Liste bedenklicher Stoffe steht.
Die Zusatzfrage so mancher Apothekenkunden nach einer Behandlung mit Tretinoin – auf die man nach kurzem Googeln zur Akne-Behandlung durchaus kommen kann – lässt sich klar beantworten: Tretinoin-Rezepturen existieren im DAC/NRF, etwa hydrophile Tretinoin-Cremes nach NRF 11.100, sind aber nicht die naheliegende oder leitlinienrelevante Standardrezeptur bei HS/AI. Sie gehören eher in den Kontext Akne vulgaris, photoinduzierter Hautveränderungen oder retinoidtypischer dermatologischer Fragestellungen. Die Bezeichnung Acne inversa darf also nicht dazu verleiten, die Erkrankung therapeutisch wie eine gewöhnliche Akne zu behandeln.
Systemische Antibiotika werden bei HS/AI nicht nur wegen bakterieller Besiedelung eingesetzt, sondern, wie bei der Rosacea, vor allem wegen antientzündlicher Effekte. Die S2k-Leitlinie nennt unter anderem Doxycyclin 2×100 mg täglich, alternativ 2×50 mg täglich, bis maximal zwölf Wochen, außerdem die Kombination Clindamycin/Rifampicin für maximal zwölf Wochen. Spätestens nach drei Monaten soll die Sinnhaftigkeit einer verlängerten antibiotischen Therapie überprüft und gegebenenfalls auf eine andere Therapieform gewechselt werden.
Die apothekenrelevanten Beratungsaspekte sind erheblich. Doxycyclin sollte mit ausreichend Wasser und nicht unmittelbar vor dem Hinlegen eingenommen werden. Abstand zu mehrwertigen Kationen wie Calcium, Magnesium, Eisen oder Zink ist zu beachten, ebenso Photosensibilisierung. Bei Clindamycin gehören der Hinweis auf schwere Diarrhoe und die seltene, aber relevante pseudomembranöse Enterokolitis in die Beratung. Rifampicin ist interaktionsträchtig, kann Körperflüssigkeiten rot-orange verfärben und die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva abschwächen. Genau solche Punkte sind für die Beratung entscheidend, weil HS-Patienten häufig jung sind und Komorbiditäten, Kontrazeption, Schmerzmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder weitere Systemtherapien eine Rolle spielen.
Bei mittelschwerer bis schwerer aktiver HS/AI haben Biologika die Therapie deutlich verändert. Adalimumab wird in der S2k-Leitlinie ab dem Alter von zwölf Jahren in registrierter Dosis empfohlen. Secukinumab ist in der EU für Erwachsene mit aktiver mittelschwerer bis schwerer HS/AI nach unzureichendem Ansprechen auf konventionelle systemische HS-Therapie zugelassen. Bimekizumab ist ebenfalls für Erwachsene mit aktiver mittelschwerer bis schwerer HS/AI nach unzureichendem Ansprechen auf konventionelle systemische Therapie zugelassen.
Der G-BA stellte bei Secukinumab gegenüber Adalimumab fest, dass ein Zusatznutzen nicht belegt ist. Bei Bimekizumab bestimmte der G-BA Adalimumab oder Secukinumab als zweckmäßige Vergleichstherapie. Der Zusatznutzen gegenüber dieser Vergleichstherapie wurde mangels geeigneter direkter oder indirekter Vergleichsdaten nicht als belegt bewertet. Das ist keine Aussage gegen die Wirksamkeit der Substanzen, aber eine wichtige evidenzmethodische Einordnung für Ärzte und Apotheker.
In der Apotheke stehen bei Biologika vor allem Lagerung, Kühlkette, Injektionstechnik, Schulung zur Selbstinjektion, Rotieren der Injektionsstellen, Umgang mit vergessenen Dosen und rechtzeitige Folgeverordnungen im Vordergrund. Ebenso wichtig sind Warnzeichen für Infektionen, der Impfstatus und die Frage nach Komorbiditäten. Bei IL-17-Inhibitoren sind unter anderem Schleimhaut- und Candida-Infektionen sowie entzündliche Darmerkrankungen im Blick zu behalten. Bei Bimekizumab nennt die EMA obere Atemwegsinfektionen und orale Candidiasis als häufige Nebenwirkungen.
Systemische Retinoide sind bei HS/AI differenziert zu sehen. Orales Isotretinoin, das bei Akne vulgaris etabliert ist, ist laut S2k-Leitlinie bei HS/AI praktisch unwirksam und sollte nicht empfohlen werden. Acitretin oder Alitretinoin können in ausgewählten Situationen erwogen werden, bleiben aber Spezialtherapien mit hohem Beratungsbedarf: Teratogenität, Kontrazeption, Leberwerte, Lipide, Schleimhauttrockenheit, Alkoholhinweise und Interaktionen, etwa mit Tetrazyklinen oder Methotrexat, müssen berücksichtigt werden.
Bei Patientinnen mit zyklusassoziierter Aktivität, PMOS oder Hyperandrogenämie kann eine hormonelle antiandrogene Therapie eine Rolle spielen. Die Leitlinie nennt Ethinylestradiol in Kombination mit Cyproteronacetat bei entsprechenden Konstellationen, empfiehlt aber keine hormonelle antiandrogene Therapie als primäre Monotherapie. Auch hier ist die Apotheke gefragt: Thromboserisiken, Rauchen, Migräne, Adipositas, Hypertonie, Interaktionen und Kontrazeptionssicherheit sind relevante Punkte.
Die Leitlinie empfiehlt außerdem eine regelmäßige Hautpflege zur Verbesserung der Barrierefunktion in betroffenen Arealen. Das klingt unspektakulär, ist aber für Betroffene durchaus alltagsrelevant. Sinnvoll sind milde, parfümarme, nicht reizende Reinigungsprodukte, vorsichtiges Abtrocknen, Reduktion von Reibung, atmungsaktive Kleidung und der Verzicht auf traumatisierende Haarentfernung in aktiven Arealen. Antiseptische Waschlösungen können in Einzelfällen begleitend eingesetzt werden, sollten aber nicht den Eindruck erwecken, HS sei primär ein Hygieneproblem.
Bei nässenden Läsionen geht es um Exsudatmanagement, Geruch, Schmerz, Schutz der Umgebungshaut und atraumatische Verbandwechsel. In der Apotheke sollten nicht haftende Wundkontaktlagen, saugfähige Sekundärauflagen, weiche Fixierungen, Silikonprodukte oder, je nach Exsudatmenge, Hydrofaser- bzw. Alginatprodukte erwogen werden. Da die letztgenannten Produkte recht teuer sind, lohnt es sich auch hier, Patienten für eine solche Versorgung zur ärztlichen Praxis zu verweisen. Stark okklusive oder klebende Materialien können in Hautfalten problematisch sein. Bei zunehmender Rötung, Fieber, rascher Ausbreitung, starkem Geruch, nekrotischen Belägen oder massiver Schmerzverstärkung ist ärztliche Abklärung dringend erforderlich.
Rauchen und Adipositas sind mit HS/AI assoziiert. Die Leitlinie beschreibt Rauchen als potenziellen Triggerfaktor und verweist auf deutliche epidemiologische Zusammenhänge. Übergewicht und Adipositas können über mechanische Reibung, Follikelokklusion und inflammatorische Mediatoren zur Krankheitsaktivität beitragen. In der Beratung ist Fingerspitzengefühl entscheidend. Betroffene erleben oft Scham, Schmerzen und soziale Isolation. Sinnvoll sind konkrete Hilfen: Rauchstopp-Angebote, Unterstützung beim Gewichtsmanagement, passende Wundversorgung und die klare Botschaft, dass Lebensstilfaktoren die Erkrankung beeinflussen können, ohne das Gefühl zu vermitteln, dass die Patienten selbst schuld sind.
Der G-BA hat am 22. Januar 2026 beschlossen, die Bestrahlung der Haut mit einer Kombination aus intensiv gepulstem Licht und Radiofrequenz bei HS im Hurley-Stadium I und II als Add-on zur topischen Antibiotikatherapie in die Richtlinie „Methoden vertragsärztliche Versorgung“ aufzunehmen. Der Beschluss ist am 9. April 2026 in Kraft getreten. Voraussetzung ist eine diagnostizierte HS im Stadium I oder II nach Hurley und eine topische Antibiotikabehandlung. Vorgesehen sind Behandlungszyklen von höchstens acht Sitzungen, in der Regel alle zwei Wochen, mit standardisierter Dokumentation des Behandlungsergebnisses.
Damit wird HS/AI noch deutlicher als multimodale Erkrankung sichtbar: Topische Therapie, Systemtherapie, apparative Verfahren, Chirurgie, Wundversorgung und Lebensstilinterventionen greifen ineinander. Für die Apotheke ist IPL/RF zwar keine eigene Leistung, aber beratungsrelevant, weil Patienten nach neuen Optionen fragen und topisches Clindamycin in diesem Kontext weiterhin eine Rolle spielt. Die tragenden Gründe des G-BA nennen ausdrücklich die topische Antibiotikabehandlung mit Clindamycin 1-%-Lösung als leitliniengestützte medikamentöse Option.
Als zukünftige Behandlungsoption wird Povorcitinib, ein oraler selektiver JAK1-Inhibitor, untersucht. Das Phase-III-Programm STOP-HS umfasst erwachsene Patienten mit mittelschwerer bis schwerer HS. Nach Unternehmensangaben liegen aktuell positive 54-Wochen-Daten vor, Zulassungsanträge bei FDA und EMA sind in Prüfung.
Bildquelle: Drazen Nesic, Unsplash