Es ist Sommer und ich sitze meinen Zwischendienst ab. Dann kommt ein Anruf von Station 2A: Frau M. geht es nicht gut – doch in der Übergabe ist nichts Auffälliges vermerkt. Vertraue ich meiner Intuition?
Ein Text von Dr. Haus
Mittlerweile ist es schon ein gutes Jahr her, dass ich in die Innere gewechselt habe. In meinem alten Fach wurde sie – teils fast mythenumwoben – als „Königsklasse der Medizin“ beschrieben. So besonders kam es mir hier gar nicht vor, dennoch fühlte ich mich pudelwohl. So viel zu meinem Wechsel. Das Schicksal nahm seinen üblichen Lauf und ich fand mich an einem brütend heißen Sommernachmittag am Schreibtisch meines aktuell heimischen Stationsarztzimmers wieder. Angesichts der tropenartigen Verhältnisse (wie sie zu dieser Jahreszeit bedauerlicherweise in zahlreichen größeren Kliniken herrschen) sehnte ich den baldigen Feierabend und eine Dusche herbei. Einzig meine Übergabe an den Zwischendienst, der täglich durch einen unglücklichen Assistenten bis Eintreffen des Nachtdienstes begangen werden durfte, stand noch aus. Die da lautete: „Nichts zu übergeben“.
Ich wählte die Nummer des Diensttelefons, der Assistentensprecher ging ran. Gerade noch einen flotten Spruch auf den Lippen, wurde meine Stimmung durch den fatalen Umstand getrübt, den Arzt vom Dienst gar nicht länger suchen zu müssen. Ich war es, was ich wohl irgendwie (zugegebenermaßen kein Einzelfall) verdrängt haben musste.
Verdrüsslich nahm ich REA- und Diensttelefon entgegen, wartete die Anrufe meiner Kollegen ab und stellte eine erfreulicherweise recht schmale To-Do-Liste zusammen. Troponindynamik bestimmen, die unvermeidlichen Kaliumkontrollen. Die typischen zig Viggos sowieso. Das Übliche. Schwitzend, der Kasack zunehmend mit meinem feuchten Rücken verschmelzend, starrte ich, nun wieder im Arztzimmer, in einen Ventilator. Es war ruhig, die To-Do-Liste quasi abgefrühstückt. Drei Stunden noch. Die Zeit zog sich wie Kaugummi.
Leider sollte mir keine Abkühlung vergönnt sein: Station 2A rief an. Schwester Lea war am Apparat. Frau M. ginge es „irgendwie schlecht“. Nein, Vitalwerte wurden zuletzt heute morgen gemessen. Wieso die Patientin überhaupt da wäre? In der Übergabe nichts gehört. Ok, sie könne mal messen gehen …. Aufgrund dieser mysteriösen Gesamtsituation entschloss ich mich, zügig nach Frau M. zu sehen. Bereits im mollig warmen Treppenhaus bereute ich, meinen Kittel nicht kurzerhand abgeworfen zu haben. Zwar klimperten in seinen Taschen wertvolle Internistengadgets wie EKG- und BGA-Lineal, Stethoskop, mindestens drei Telefone, zahllose Kugelschreiber sowie angesammelte Stations- und To-Do-Listen. Als Tropenmontur machte der Kittel – und damit auch ich – jedoch eine eher dürftige Figur.
So erschien ich, leicht klebrig, auf Station 2A. Schwester Lea hatte bemerkenswerterweise die Vitalwerte bereits gemessen und schön farbig in der Kurve dokumentiert. Schien alles normwertig. Ich jonglierte haufenweise Papiere aus der Patientenakte und machte mit dem Aufnahmebogen einen wertvollen Fund: Hämolytische Anämie hieß es da, Wärmeantikörper hier, Einweisung wegen AZ-Verschlechterung dort. Einige Tage war Frau M. bereits bei uns zu Gast. Da nun doch schon eine gewisse Zeit seit Leas Anruf vergangen war, schien es mir nur logisch, die Patientin vor weiteren Recherchen kurzerhand einmal selbst aufzusuchen.
Beim Eintreten in das muffige wie aufgeheizte Dreibettzimmer meldete sich bereits umgehend mein mühsam herangezüchteter „Siebter-Mediziner-Sinn“ und verlieh mir die spektakuläre ärztliche Eingebung, dass hier durchaus etwas im Argen liegen könnte. Frau M., 46 Jahre jung, lag blass und dösend im Bett. Ihr Mann dagegen begann bei meinem Anblick, lebhaft zu gestikulieren. Er empfing mich mit den Worten, seiner Frau ginge es schon ewig miserabel, die ganze Zeit wäre keiner gekommen, ich sollte jetzt doch endlich mal was machen. Tatsächlich waren die Einwände des Ehemanns zu verstehen: Frau M. schien eher somnolent, bewegte sich auf Aufforderung träge, die Augen schlossen sich nach Ansprache immer wieder unerfreulich rapide. Zumindest kein GCS von 15, kombinierte ich gekonnt. Laut Ehemann sei sie immerhin gerade noch erstaunlich behände zur Toilette gelangt, nun sei die Patientin aber fix und alle. Weiter schwitzend, versuchte ich, den Ehemann durch eine kurze körperliche Untersuchung seiner Partnerin zu besänftigen und machte mich im Anschluss aus dem Staub.
Wieder im Arztzimmer schien es mir an der Zeit, einen halben Liter Wasser zu stürzen. Die Aktenlage in der Krankenhaussoftware verhieß nichts Gutes. Zwar waren bei der Patientin Wärmeantikörper und damit verbundene Anämieepisoden bekannt (natürlich meine Spezialität), der Hb von heute Mittag lag jedoch bei beeindruckenden 4,6 g/dl. Wenig überraschend lagen die Vorwerte höher. Von einer geplanten EK-Gabe hatte ich jedoch nirgendwo etwas lesen können. Ich maß mir an, die Lösung des Problems möglicherweise bereits zu kennen. Durchaus verspürte ich sanften Ärger gegenüber der Stationsärztin und der mitbetreuenden Hämatologin, welche der bescheidene Hb wohl kalt gelassen hatte. Sorgen wollten sie mir wohl auch keine bereiten, sonst wäre mir Frau M. sicherlich als potenzielles Sorgenkind übergeben worden.
Eine runde Stunde war nun bereits vergangen. Auf gut Glück wählte ich die Telefonnummer der Hämatologin, die ich umständlich im höchst modernen Intranet auftreiben musste. Es klingelte lange, ich lag auf, wählte erneut. Während meine Gedanken unkomfortabel um Frau M. und potenziell drohendes Ungemach kreisten, nahm jemand ab. Ein Kardiologe. Nee, die Hämatologin hätte heute nur halbtags. Er wäre jetzt zufällig noch im Büro, sei gerade am Tippen. Bitte zu nicht-kardiologischen Fragen den Hintergrund anrufen, den macht unser leitender Gastroenterologe. Er wäre nun aber gleich raus, tschö. Weiter erhitzt, mal wieder in den Ventilator starrend, wählte ich also die Nummer meines Hintergrundes. Nach langen Sekunden endlich ein Geräusch am anderen Ende der Leitung: die Mailbox.
Ich musste also selbst aktiv werden und kam auf die naheliegende Idee, eine Viggo zu etablieren und dabei Blut für Labor und eine venöse BGA zu gewinnen. Hb-Kontrolle, Krea bestimmen, Elektrolyte messen, auf die Entzündungsparameter gucken. Meine Montur nun weiter um das Blutentnahmetablett beschwert, schlich ich ins Patientenzimmer. Der Ehemann war augenscheinlich wieder verschwunden. Einige Pikserei später wetzte ich Richtung Labor. Im schmalen Eingangsbereich platzierte ich Serum- und EDTA-Röhrchen im Ständer auf einem Tresen. Bis auf meine Beute war er leer. Während ich am BGA-Gerät hantierte, geduldig Kalibrierung und vieles mehr abwartete, dachte ich schmachvoll an den verlorenen Feierabend. Eins der Telefone klingelte. Der nächste Problemfall? Ja, der Hintergrund hier. Ja, sorry. Hb von 4,6 klinge doch schwer nach EK? Wärmeantikörper? Es folgte eine kurze Stille. Ja, dann bitte einfach 0, Rh-negativ. Sollte schon gehen, müsse vielleicht mal im Labor nachhorchen, hieß es. Ach, und Blut abnehmen. Ok, tschüss.
Ich stutzte. Sollte die Lösung so einfach sein? Irgendwie bezweifelte ich das. Zwar hätten Teile der hämatologischen Vorbefunde von Frau M. durchaus auf Mandarin verfasst sein können, jedoch hatte ich darin genug von diversen Antikörpern, Transfusionsproblemen und anderen komplizierten Dingen gelesen, um nun skeptisch zu sein. Nun ja, schließlich war ich bereits im Labor, Fragen kostete bekanntlich nichts. Während ich diesen Gedanken nachging, nahm ich dankbar die Quittung aus dem BGA-Gerät und konnte einen immerhin gleichbleibend niedrigen Hb und einen 1-A-Elektrolytstatus ablesen. Das waren hervorragende Nachrichten, war doch die letzte Hb-Kontrolle durch die Stationsärztin sicherlich solide zehn Stunden her.
Ein Radio dudelte im Hintergrund vor sich hin und ich erspähte, wie bestellt und nicht abgeholt über den Tresen stierend, eine Labormitarbeiterin. Auf meine Nachfrage hieß es, nee, sorry, mit sowas kenne sie sich ja gar nicht aus. Aber so einen Anforderungsschein (natürlich in Papierform) für ein Speziallabor gäbe es, mit einer Telefonnummer. Da müsste gerade eigentlich noch eine Laborärztin zu sprechen sein. Also huschte ich, um den beworbenen Anforderungsschein reicher, wieder zurück auf Station 2A vor den Ventilator. Schwester Lea hatte die Vitalparameter schweren Herzens erneut durchgemessen. Alles stabil. Zumindest Zeit verschafft hatte ich mir also.
Etwas zufriedener, insbesondere wegen der Ruhe im restlichen Haus, blickte ich zur Uhr. 18:30. Angesichts solch gefährlicher Gedanken klopfte ich auf Holz und wählte die Nummer des Speziallabors. „Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an“, ähnlich ertönte es. Während ich erschöpft meine Optionen abwog – also entweder den Hintergrundgastroenterologen bezüglich seiner Kenntnisse zur Sache mit den Wärmeantikörpern abzuklopfen oder die eigentlich betreuende Hämatologin irgendwie an die Strippe zu bekommen –, dudelte erneut der bekannt vergnügte Klingelton aus meinem Kittel. Kündigte er, wie so oft, ein neues Drama an? Ja, die Pforte hier. Er würde mich mal weiterleiten. Die freundliche Kollegin vom Speziallabor meldete sich. Wie wohltuend. Sie lauschte geduldig der von mir geschilderten Misere. Die hämatologische Diagnose und Vorgeschichte, mit allem, was dazu gehörte, las ich ihr vorsichtshalber sorgfältig vor. Ok, das mit den 0er-Eks hätte ich jetzt nicht ernsthaft schon gemacht? Ja, nee, also gut, sei schon richtig. Ich solle doch bitte mal den Anforderungsbogen ausfüllen und faxen (was auch sonst). Hämatologische Befunde ebenso. Ja, spezielle EKs wären nötig. Bedside-Test wie immer. Kämen gleich per Taxi rüber, adieu.
Erleichtert kühlte ich etwas ab, half mit einer weiteren Flasche Wasser nach und suchte heiter die Patientin zwecks Aufklärung auf. Der lebhaft gestikulierende, weiterhin wütende Ehemann empfing mich. Es wäre jetzt doch immer noch nichts passiert. Wie, von Blutbeuteln wäre heute morgen schon mal die Rede gewesen. Ja, unterschrieben hätte die Ehefrau irgendeiner Ärztin was. Ich entschuldigte mich eilig aus dem Patientenzimmer und sicherte riskanterweise zu, es würde nun schnell etwas gemacht werden. Immerhin: Im Zettelwald fand ich tatsächlich den durch die Kollegin kunterbunt bekritzelten Aufklärungsbogen, samt Unterschrift der Patientin. Erneut etwas angesäuert, philosophierte ich angestrengt darüber, warum Frau M. nicht schon vor mittlerweile guten 9 Stunden ihre Spezial-EKs bekommen hatte.
Da meldete sich das Hauslabor, mich jäh durch den Klingelton meines Diensttelefons aus dem Sinnieren reißend. Meine Bestellung wäre da. Jaja, jetzt schon, die vom Speziallabor. Bitte mal schnell abholen kommen. Ich flitzte erneut durch die drückend warmen Treppenhäuser und platzierte meine Beute im Spritzenzimmer. Beigefügten Bogen ausfüllen, Barcodenummern abgleichen, Sticker in die Kurve kleben, ein Bedside-Test unter Klagen des weiter anwesenden Ehemanns. Seine Frau solle doch Blut kriegen, nicht verlieren, sei das denn jetzt wirklich nötig?! Nur noch das Infusionsbesteck war in die EKs zu fummeln. Mit Schaudern erinnerte ich mich, wie jedes Mal, an eine Gruselstory aus dem PJ, in der es hieß, ein junger Internistenassistent hätte mal ein EK mit dem Infusionsbesteck durchgestochen und auf dem Boden des Spritzenzimmers verteilt. Das wollte ich lieber vermeiden.
Doch nun hatte ich es geschafft. Der Inhalt des ersten EK-Beutels plätscherte munter und stetig in Frau Ms Unterarm. Erleichtert blieb mir erst mal nur noch eines: die Ereignisse des Abends und meinen milden Unmut über das Procedere meiner zwei Kolleginnen ausführlich in der Patientenkurve zu dokumentieren. Dreißig Minuten trennten mich noch vom Feierabend. Ein potenziell sehr langer und bezüglich meiner Absicht, die Klinik zeitnah fluchtartig verlassen zu wollen, verhängnisvoller Zeitraum. Doch es passierte nichts, erleichtert übergab ich Frau M. und ihre EKs an den zum Nachtdienst eingetroffenen Kollegen, löste die Fusion von Rücken und Kasack und machte mich schleunigst vom Acker Richtung Dusche und Bett.
Am nächsten Tag erschien ich auf Bitte unserer Hämatologin mal wieder auf Station 2A. Kleinlaut gab sie zu, es wäre wohl nicht alles ganz optimal abgelaufen. Die Stationsärztin war wiederum sehr verstimmt ob meiner ausdrucksvollen Note in der Visitenkurve, ignorierte mich und schwieg laut zu dem ganzen Vorfall. Visitenwägelchen voran marschierten wir zu dritt am Patientenbett auf. Frau M. ging es deutlich besser, was doch die Hauptsache war. Ihr Ehemann hätte ihr erzählt, gestern wäre irgendeiner noch da gewesen, der irgendwas gemacht hätte. Das sei ja wohl ich, jetzt fühle sie sich erst mal wieder einigermaßen. Und so startete ich fröhlich in einen weiteren fidelen Tag in der Inneren – heute hoffentlich ohne Zwischendienst.
Bildquelle: Clay Banks, Unsplash