Einbeinig auf dem Helikopterbügel balancierend stellt der Serien-Arzt einen unsinnigen Befund – Rettung im Fernsehen ist oft unfreiwillige Satire. Was bei mir für Kopfschütteln auf der Couch sorgt, kann für Laien gefährlich werden.
Jeder, der auch nur einen Fuß in die medizinische Praxis gesetzt hat, kennt diesen Moment der absoluten Fassungslosigkeit. Wenn der Fernseher unbarmherzig jenen filmischen Sondermüll in die heimischen Wohnzimmer pumpt, der dem ahnungslosen Laien als medizinische Unterhaltung verkauft wird, kann man sich eigentlich nur noch aus dem Fenster stürzen. Man starrt auf den Bildschirm und fragt sich, wann die Drehbuchautoren dieser Welt beschlossen haben, physikalische Gesetze, pathophysiologische Grundlagen und jeglichen gesunden Menschenverstand kollektiv zu beerdigen. Dem Zuschauer, der abends mit der Chipstüte auf dem Sofa thront, wird eine trübe Brühe aus Inkompetenz und heroischem Gesülze kredenzt – die er fatalerweise manchmal für bare Münze nimmt.
Wenn man wissen will, wie man einen Rettungsdienst maximal zuverlässig gegen die Wand fährt, reicht ein Blick in „Einfach Elli“. Was hier als wichtiges Inklusionsprojekt zum Thema Neurodivergenz verkauft wird, entpuppt sich als rettungsdienstlicher Totalausfall, der das Skript offenbar durch Würfeln generierte. Die Protagonistin stolpert im weißen Arztkittel in die Morgenbesprechung, bezeichnet sich je nach Tagesform mal als Rettungs-, mal als Notfallsanitäterin und trägt eine modisch rote Dienstkleidung, die sämtliche DIN-Vorschriften für Leuchtfarben geflissentlich ignoriert. In dieser Dystopie fungiert der Rettungswagen als gefälliges Taxi, welches junge, offensichtlich gesunde Patienten nach Hause chauffiert. Der Notarzt rast derweil als Selbstfahrer mit jaulendem Post-Pro-Presslufthorn auf den Hof und parkt sein Fahrzeug direkt vor einem tiefenentspannten Pferd.
Physikalische Gesetze und tierische Fluchtinstinkte werden zugunsten einer bizarren Ästhetik kurzerhand annulliert. Der eigentliche Höhepunkt der Inkompetenz manifestiert sich jedoch, wenn Elli bei einer Trauma-Reanimation nach exakt einem Schock den Erfolg feiert und den Polytrauma-Patienten dem Kollegen allein für den Transport überlässt, während sie im Vorbeigehen bei einer Klinikschwester zehn Erythrozytenkonzentrate für ein akutes Abdomen bestellt. Wenn einer der Hauptdarsteller dann noch in einem Interview behauptet, die Serie glänze durch lebensnahe Probleme und man habe sich von einem „kompetenten Notfallsanitäter“ beraten lassen, wünscht man sich unweigerlich eine präklinische Sedierung.
Das Problem liegt dabei nicht im erzählerischen Ansatz, sondern in der Ignoranz gegenüber der Realität eines Berufes, der sich keine dramaturgischen Abkürzungen leisten kann. Wer hier schludert, verzerrt ein ganzes Berufsbild. Am Ende bleibt dieses Gefühl zurück, dass man hier eine Version einer Welt gesehen hat, in der alles egal ist.
Werfen wir als nächstes einen Blick auf den unangefochtenen Klassiker des rotorbetriebenen Schwachsinns. Bereits in den ersten Minuten strahlen gestylte Ärzte auf dem Bildschirm, die ihre teuren Sportwagen lässig im Hof der Wache parken. Offenbar zahlt die Luftrettung exorbitante Gehälter, die dem bodengebundenen Fußvolk auf ewig verwehrt bleiben. Nachdem der Hubschrauber inmitten einer Fabrikszenerie landet – ein schnöder Rettungswagen existiert in dieser Dystopie logischerweise nicht, da er das elitäre Flugspektakel ruinieren würde –, entfaltet sich das medizinische Drama. Ein Arbeiter stürzt unter eklatanter Umgehung sämtlicher Unfallverhütungsvorschriften von einer Leiter. Die eintreffende Notärztin aktiviert sogleich ihren integrierten Röntgenblick und konstatiert im Vorbeigehen, dass die Wirbelsäule unversehrt geblieben sei, lediglich die Halswirbelsäule weise Blessuren auf (?). Eine Glaskugeldiagnostik, die jeden Radiologen vor Neid erblassen ließe.
Kurze Zeit später eskaliert die Situation vollends. Weil die Einsatzstelle nicht gesichert wurde, stürzt die Notärztin ihrerseits und bleibt bewusstlos liegen. Da die Feuerwehr laut Leitstelle geschlagene 25 Minuten benötigt, übernimmt der fliegende Obersanitäter die Rettung. Da der Zugang zur Verunfallten plötzlich überflutet ist, verwandelt sich unser Retter kurzerhand in einen Kampftaucher. Er schließt eine simple Inhalationsmaske an eine Sauerstoffflasche an und taucht durch die Fluten. Wer jemals versucht hat, mit einem derartigen Konstrukt unter Wasser zu atmen, weiß, dass die Lunge binnen Sekundenbruchteilen absäuft. Dennoch gelingt die heldenhafte Bergung, woraufhin die Spannungskurve die unweigerliche Reanimation einfordert.
Was nun folgt, gleicht einer Beleidigung für jeden Ersthelfer: Der Monitor zeigt Kammerflimmern. Der Sanitäter feuert den Stromhammer in die Patientin, der Rhythmus springt in einen tadellosen Sinus um. Statt den Kreislauf nun stabilisieren zu wollen, brüllt der Retter panisch nach Adrenalin, welches den gesunden Rhythmus prompt wieder ins Flimmern katapultiert. Theoretisch stünde nun die konsequente Herzdruckmassage auf dem Programm. Praktisch bricht der Sanitäter in ein weinerliches Winseln aus, bis das EKG völlig eigenständig und ohne weitere Defibrillation beschließt, wieder einen perfekten Sinusrhythmus zu generieren. Die Patientin verlässt die Intensivstation später selbstredend ohne das geringste neurologische Defizit, obwohl ihr Gehirn minutenlang nicht durchblutet wurde und eigentlich Blumenkohl sein müsste. Wie die Gurkentruppe abschließend zwei liegende Patienten in einen klaustrophobisch engen Eurocopter 135 stopft, bleibt das finale Geheimnis dieses filmischen Blutergusses.
Das amerikanische Fernsehen steht diesem Irrsinn erstaunlicherweise in nichts nach. In der Serie „Emily Owens M.D.“ regt sich ein junger Patient auf und hyperventiliert. Wer im Rettungsdienst auch nur den Grundkurs absolviert hat, weiß, dass der Körper in diesem Moment Kohlendioxid abatmet und der Sauerstoffgehalt im Blut paradoxerweise völlig ausreichend bis überbordend vorhanden ist. Die Protagonistin eilt jedoch heldenhaft ans Bett und ordnet die sofortige Applikation von Sauerstoff an, woraufhin es dem Patienten auf wundersame Weise wieder gutgeht.
Ähnlich absurd gestaltet sich das allseits beliebte Kugelschreiber-Manöver bei allergischen Reaktionen im Flugzeug. Im Tatort „Der wüste Gobi“ rettet Kommissar Lessing das Opfer eines Würgers durch eine derartige Kugelschreiber-Koniotomie. Wer diesen Mythos verifizieren möchte, möge die Hülle eines Kugelschreibers in den Mund nehmen, sich die Nase zuhalten und zügig um den Block spazieren. Spoiler: Es wird nicht funktionieren.
Aber auch das deutsche Vorabendprogramm leistet seinen Beitrag zur Verblödung und zeigt eine faszinierende Interpretation medizinischer Realität, diesmal mit dem „Bergdoktor“. Besagter Arzt ist ausgestattet mit einem Zauber-Köfferchen, das offenbar mehr kann als jeder Notfallrucksack. Der Arzt legt mal eben im Vorbeigehen Thoraxdrainagen, entscheidet über OPs und bewegt sich zwischen Hausbesuch und Intensivmedizin mit der Leichtigkeit eines Alleskönners. Man fragt sich, ob irgendwo ein geheimes Upgrade existiert, das wir im Rettungsdienst einfach verpasst haben. Vielleicht liegt es zwischen Verbandpäckchen und Blutdruckmanschette, gut versteckt unter „Plot Device“.
Einen völlig anderen, wenngleich ethisch fragwürdigeren Ansatz verfolgen russische Formate. Die Reality-Show „СЛУЖБА СПАСЕНИЯ“ (Rettungsdienst) verzichtet auf fiktive Drehbücher und heftet sich direkt an die Fersen realer Sanitäter. Da das marode Gesundheitssystem keine adäquate Finanzierung erlaubt, finanzieren die Organisationen ihr eigenes Kamerateam, welches oft vor den Rettern an der Einsatzstelle eintrifft. Der Zuschauer goutiert das absolute Chaos: Ein potenzieller Suizident wird von der Brücke gezerrt und statt in die Psychiatrie direkt in den Streifenwagen verfrachtet, weil der Premierminister die Brücke passieren möchte.
Das Leid der Patienten wird grenzenlos ausgeschlachtet, während die medizinische Versorgung auf das absolute Minimum eines überstürzten Abtransports reduziert bleibt. Wenn zwei Arbeiter in einen Teertank stürzen, verzichtet das Personal auf die Sauerstoffgabe und interviewt den offensichtlich hypoxischen (weil zyanotischen) Patienten stattdessen vor laufender Kamera. Es ist eine unzensierte Freakshow, die zwar die dreckige Realität der Moskauer Straßen abbildet, aus rettungsdienstlicher Perspektive jedoch lediglich eine endlose Kette unterlassener Hilfeleistungen dokumentiert.
Es gibt Ausnahmen, und man sollte sie kennen. „Third Watch – Einsatz am Limit“ trifft medizinische Abläufe und Medikamentendosierungen mit einer Präzision, die glauben lässt, die Schauspieler seien ausgebildete Paramedics. Keine Asystolie-Defibrillation, korrekte Algorithmen, durchgehend Handschuhe – diese Serie hat jemanden konsultiert, der wusste, wovon er sprach. Und auch der deutsche Film „Kammerflimmern“ von Hendrik Hölzemann zeichnet das Porträt eines traumatisierten Rettungsassistenten mit so viel medizinischer Akkuratesse, dass man als Fachmann nicht einmal zum Kopfschütteln kommt. Ähnlich gilt das für „Bringing Out The Dead“, „Komm, süßer Tod“ und „Drei Patienten“ – Produktionen, die zeigen, dass glaubwürdiger Rettungsdienstalltag und gutes Filmhandwerk einander nicht kategorisch ausschließen.
Diese Ausnahmen bestätigen eine Regel, die das Vorabendprogramm täglich neu schreibt: Medizinischer Realismus fällt in der deutschen Fernsehlandschaft hinten runter. Und das bleibt nicht folgenlos. Der Zuschauer glaubt am Ende tatsächlich, dass Defibrillationen wie eine Explosion klingen, dass Kammerflimmern sich von allein normalisiert, dass man mit einer Kugelschreiberhülle einen Kehlkopfschnitt durchführt und, dass ein ausgebildeter Notfall- oder doch Rettungssanitäter zwischen zwei Einsätzen noch kurz die Notaufnahme schmeißt. Er glaubt, dass Rettungskräfte Superhelden sind – und wundert sich, warum der wirkliche Rettungsdienst komplett anders funktioniert. Und am Ende meint der Zuschauer, man könne jemanden wirklich mit zwei abisolierten Kabeln aus einer Straßenlaterne defibrillieren.
Das Problem liegt nicht im Unterhaltungswillen. Man darf unterhalten werden, und man darf dabei Kompromisse eingehen. Das Problem liegt darin, dass das Publikum konsequent für nicht zurechnungsfähig genug gehalten wird, um den Unterschied zwischen Dramaturgie und Medizin zu erkennen. Weil das Fernsehen aber ein mächtiges Lehrmedium ist – ob es will oder nicht –, transportiert jede falsch dargestellte Reanimation, jede frei erfundene Diagnose und jede physikalisch unmögliche Rettungsaktion ein kleines Stück falsches Wissen in die Köpfe der Zuschauer. Und irgendwann, während jemand zu ersticken droht, sitzt jemand mit diesem Wissen in einem Flugzeug und greift zum Kugelschreiber.
Wer im Rettungsdienst arbeitet und sich diese Serien ansieht, bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen unfreiwilliger Komik und stillem Zorn. Natürlich darf Fernsehen übertreiben. Natürlich braucht es Dramaturgie. Aber irgendwo zwischen Spannung und Realität sollte ein Minimum an Respekt für die Materie erhalten bleiben. Und dann kommen sie, die Beschwichtigenden, die lässig abwinken und sagen, man solle sich nicht so anstellen, das sei doch schließlich „nur eine Serie“. Dieses Argument ist so bequem wie dumm. Es entbindet von jeder Verantwortung und verklärt handwerklichen Murks zur künstlerischen Freiheit. Nach dieser Logik ist jeder Unsinn akzeptabel, solange er sich gut inszenieren lässt.
Das Problem ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Realität, die sie verzerrt. Wer Millionen Menschen Woche für Woche denselben Unsinn vorsetzt, produziert kein harmloses Abendprogramm, sondern systematisch falsches Wissen und verkauft es auch noch als glaubwürdige Darstellung. Wer wirklich verstehen will, wie Medizin funktioniert, besucht besser einen Erste-Hilfe-Kurs, spricht mit Menschen, die diesen Job jeden Tag machen – oder liest einfach diesen Blog hier. Alle anderen dürfen gerne weiter zuschauen. Aber bitte nicht wundern, wenn die Realität irgendwann nicht mehr ins Drehbuch passt.
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