Fast jeder Patient bringt Diagnosen von Suchmaschine und KI mit ins Behandlungszimmer. Das stellt Mediziner vor eine Herausforderung: Muss ärztliche Beratung jeden Internet-Schwachsinn mitbehandeln?
„Sind Sie sich da sicher? Ich habe aber gelesen …“ – solche Sätze sind in Praxen mittlerweile normal. Neben „Dr. Google“ hilft nun auch die Künstliche Intelligenz mit vermeintlich nützlichen Tipps weiter. Doch was macht die neue Aufgeklärtheit mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis und wie reagieren Mediziner am besten darauf?
Wenn sich Arzt und Patient unterhalten, herrscht oft eine gewisse Schieflage, eine asymmetrische Kommunikation. Gründe dafür gibt es einige: Der Mediziner ist der Experte, der Patient meist ein Laie – dadurch entsteht ein großes Ungleichgewicht an Wissen. Dazu drängt of die Zeit, der Praxisalltag ist eng getaktet. Aus genau diesen Gründen leitet der Arzt das Gespräch; schließlich muss die Anamnese kurz und zielorientiert sein. Das ist zeitsparend, aber meist auch recht einseitig.
Doch so schief wie früher einmal ist die Lage gar nicht, denn in den letzten Jahrzehnten hat sich einiges getan: weg von der Asymmetrie und hin zu einer partnerschaftlichen Kommunikation. Im besten Fall mündet das Ganze in einer gemeinsamen Entscheidungsfindung, dem sogenannten Shared Decision Making.
Expertenmacht bei den Handlungsoptionen, Definitionsmacht bei der Diagnosestellung und Sanktions- und Steuerungsmacht bei der Behandlung – was sich sperrig und unvorteilhaft liest, meint nur, dass der Arzt das Zepter in der Hand hat. Das ist auch gut so, denn schließlich ist er fachkundig in seinem Gebiet.
KI bringt die Fremdhilfe aber auf ein neues Niveau. Damit können Patienten nicht mehr nur allgemeingültige Informationen abrufen wie: „Worauf deuten Kopfschmerzen hin?“, sondern komplexe Situationen durchspielen, und zwar individualisiert. Am Ende des Chats fragt die KI dann noch keck nach, ob sie auch dabei helfen soll, wie man die Beschwerden am besten beim Arzt kommuniziert – das kann die Machtverhältnisse verschieben. Plötzlich hat der Patient das Gespräch in der Hand und konfrontiert den Mediziner mit zahlreichen Vorschlägen aus den „geistigen“ Ergüssen der neuesten Technik.
Die Inhalte im Internet sind fehleranfällig – hier kommt es stark darauf an, wer sie verfasst. Generative Systeme wie ChatGPT überzeugen viele Anwender, das gilt aber nicht zwangsläufig für Mediziner. Eine Studie zeigt, dass KI in den Themenfeldern Psychiatrie und Dermatologie genauer war als in den Bereichen Endokrinologie und Pharmazie – diese gelten als besonders komplex.
Besonders wichtig ist in dem Zusammenhang die allgemeine Gesundheitskompetenz. Hier schneiden etwa 80 Prozent der Bevölkerung schlecht ab. Das Problem: Ohne ausreichende Kompetenz erkennen viele Anwender Falschinformation womöglich nicht. Trotz all der Widrigkeiten sind „Dr. Google“ und „Prof. KI“ jedoch hilfreich. Sie vermitteln erste allgemeine Informationen, die dann im Arztgespräch eingeordnet werden können.
Es kann anstrengend sein, wenn Patienten Diagnosen äußern, die offenkundig nichts mit den Symptomen zu tun haben oder festgefahrene Behandlungsvorstellungen besitzen. Diese Strategien können euch in solchen Gesprächen helfen:
Das Gespräch mit Patienten, die KI oder Suchmaschinen als Informationsquelle nutzen, ist ein Balanceakt. Trotzdem gilt: Anstatt abzublocken, braucht es offenen Austausch.
Quellen:
Scherer et al.: Power asymmetry and embarrassment in shared decision-making: predicting participation preference and decisional conflict. Springer Nature, 2025. doi: https://doi.org/10.1186/s12911-025-02938-4
John et al.: Ärztliche Gespräche mit Patienten/Angehörigen in der Hausarztpraxis. Thieme E-Journals - Allgemeinmedizin up2date, 2021. online.
Nicole Haack: Kommunikation in der Arzt-Patient-Beziehung. online.
Beheshti et al.: Evaluating the Reliability of ChatGPT for Health-Related Questions: A Systematic Review. MDPI, 2025. doi: https://doi.org/10.3390/informatics12010009
Bildquelle: Vitaly Gariev, Unsplash