Die moderne Medizin transplantiert Herzen, sequenziert Tumorgenome und operiert Föten intrauterin. Gleichzeitig können viele Menschen — inklusive Mediziner — die weiblichen Genitalien nicht korrekt beschriften.
Wie belastbar ist dein Know-how über die weibliche Anatomie? Teste dich:
Eine Pilotstudie zeigte: Nur 9 % der Befragten (n= 191, Nicht-Mediziner) konnten die externen weiblichen Genitalien anatomisch korrekt benennen.1 Frauen schnitten dabei etwas besser ab als Männer.
Vulva ist nicht gleich Vagina
Schon alleine hier scheitert es bei Vielen. Während die Vulva die äußeren weiblichen Genitalien beschreibt, bezieht sich die Vagina ausschließlich auf den muskulären innenliegenden Kanal zwischen Vulva und Zervix (was war das noch gleich – ach ja – der Gebärmutterhals).
Weiter geht es mit dem wohl wichtigsten Gefäß der Gebärmutter – der Arteria uterina. Doch wo entspringt diese eigentlich? Die meisten würden antworten: "Aus der Arteria iliaca interna". Dies ist auch formal richtig — praktisch aber unvollständig. Denn die Anatomie der Arteria uterina ist erstaunlich variabel. Nach Gomez-Jorge kommen vier anatomische Varianten vor (Studie: Typ I: 45 %, Typ II: 6 %, Typ III: 43 %, Typ IV: 6 %, Seltene Varianten: gemeinsamer Ursprung mit anderen viszeralen Ästen, Ursprung aus persistierenden Anteilen der Arteria umbilicalis ~5 %, einseitiges Fehlen der Arteria uterina ~1 %, bilaterales Fehlen ~0,3 %).2
Diese Variabilität ist nicht nur eine kaum gelehrte anatomische Kuriosität. Sie ist klinisch relevant (Stichwort Uterusarterienembolisation, Hysterektomie, onkologische Chirurgie, Rekonstruktive Genitalchirurgie nach weiblicher Genitalverstümmelung) und doch, abseits von Expertenkreisen, weitestgehend unbekannt.
Die Klitoris ist kein „kleiner Punkt“ irgendwo vor dem Vaginaleingang. Der Begriff Bulboklitoralorgan ist für viele von uns Neuland. Weißt du Bescheid?
Ein vollständig beschriftetes anatomisches Schema der gesamten Klitoris erschien erst in der 40. Ausgabe von Gray’s Anatomy im Jahr 2008. Dabei ist die Klitoris neuroanatomisch hochkomplex. Neuere Arbeiten kartieren zunehmend den Verlauf der klitoralen Nervenfasern — mit unmittelbarer Relevanz für die Vulvachirurgie, Labioplastiken, Genderchirurgie, Geburtstraumata, chronische Schmerzsyndrome und sexuelle Dysfunktion.3
Eine Analyse anatomischer Lehrmaterialien zeigte:4
Das bedeutet: Die Medizin wurde über Jahrzehnte primär am männlichen Körper standardisiert. Die weibliche Anatomie war oft „Spezialfall“ statt Referenzmodell.
Anhand der neuesten Paper und Forschungsergebnisse haben Entwickler nun ein weibliches Mixed-Reality Modell entworfen, das sich bis ins kleinste Detail auseinander nehmen lässt. Das neueste Modell der Frau von Corpus ist genauer als viele Atlanten und bildet die Strukturen in einer präzisen Form an wie nie zuvor. Das ist moderne Lehre!
Parallel zur Wissenslücke boomt die ästhetische Genitalchirurgie. Labioplastiken nehmen weltweit zu.5 Viele Patientinnen berichten über Unsicherheiten über die „normale“ Anatomie, Scham, verzerrte Selbstwahrnehmung und fehlende anatomische Bildung. Die Folge ist, dass eine normale Anatomie pathologisiert wird.
Das "Problem": Es existiert enorme anatomische Vielfalt der Vulva. Doch gesellschaftlich sichtbar ist, wenn überhaupt, meist nur eine stark normierte Darstellung. In Pornografie, Werbung, Social Media6 oder sogar medizinischen Illustrationen. Erste Umfragen7aus dem USA haben gezeigt, dass auf Social Media Inhalte mit weiblichen medizinischen Kontexten aktiv gemeldet und zensiert werden (z.B. Fakten über Menstruation, Kampagnen über das Vulvakarzinom, die Nutzung der Wörter Vagina und Vulva, vaginales Mikrobiom).
Was können wir tun?
Zum einen ist die Aufklärung das A und O. In den Buchhandlungen finden sich bereits für Kleinkinder Aufklärungsbücher die beschreiben welches Organ wie benannt ist und welche Vielfalt es gibt. Ebenso wichtig ist es jedoch auch, die eigenen Eltern oder Großeltern aufzuklären, damit falsches Wissen nicht weiter verbreitet wird und auch diese Patientengruppe Symptome wie Schmerzen oder Rötungen (z.B. Vulvovaginitis, Vulvodynie, Lichen sclerosus, Vulvakarzinom) korrekt beschreiben kann. Das ist im übrigen auch häufig die Generation, die bis heute denkt, dass das Hymen eine Aussagekraft über stattgefundenen penetrativen Geschlechtsverkehr hat. Doch wie unterschiedlich dieser Gewebssaum aussieht und dass er auch nicht zwingend vorhanden sein muss, wissen die wenigsten.
Besonders in der Lehre ist daher ein hoher Maßstab an Genauigkeit wichtig. Denn es sind wir und die kommenden Generationen, die entscheiden wie der weibliche Körper betrachtet wird. Nicht zuletzt ist es wie immer unsere medizinisch-ethische Pflicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu bleiben, damit wir aufklären, unseren PatientInnen Ängste nehmen und die bestmögliche Behandlung anbieten können.
Quellen:
1. El-Hamamsy et al. Public understanding of female genital anatomy and pelvic organ prolapse (POP); a questionnaire-based pilot study. Int Urogynecol J. 2021
2. Kot et al. Blood supply of the internal female genital tracts with special attention paid to the uterine cervix – an overview. Folia Medica Craciviensia. 2025
3. HHU – Veröffentlichung in Folia Morphologica. Erstmals Nervenbahn der Klitoris detailliert dargestellt. 2026
4. Longhurst et al., Beyond the tip of the iceberg: A meta-analysis of the anatomy of the clitoris, 2023
5. Hayes et al., What is the anatomical basis of labiaplasty? A review of normative datasets for female genital anatomy, 2020
6. Mohammed et al., The impact of social media on female genital self-image, 2025
7. CensHERship Ltd 2024, Social Media Censorship Survey Updated survey results, 2025
Bildquelle Header: Unsplash - Deon Black
Bildquelle Anatomie der Arteria uterina: DocCheck; erstellt mit BioRender.com (2026); lizenziert unter CC BY-NC-SA 4.0