Immer mehr Menschen wenden sich mit psychischen Problemen an Chatbots. Was nach einer Lösung für Engpässe in der Versorgung klingt, birgt reale Risiken: Gerade bei sensiblen Themen sind KI-Systeme unberechenbar.
Sprachmodelle wie ChatGPT haben die persönliche Beratung beim Arzt längst eingeholt. Löst die KI damit zukünftig die eingeschränkte Verfügbarkeit der Therapieplätze? Oder bringt das Vertrauen in einen undurchsichtigen Chatbot doch große Risiken mit sich? Eine aktuelle Studie bringt jetzt etwas mehr Licht ins Dunkel der immer verfügbaren KI.
Auf den ersten Blick ist der Erfolg der Selbsttherapie mit Chatbots wenig überraschend. Die KI ist schließlich jederzeit verfügbar, reagiert sofort und äußert sich stets wohlwollend. Gerade für Menschen mit depressiven Symptomen oder sozialer Unsicherheit kann der Austausch mit der KI enorm hilfreich sein. ChatGPT und Co. sind dabei mittlerweile so gut, dass sie Gefühle perfekt spiegeln, berichtete Probleme strukturieren und sinnvolle Lösungsvorschläge anbieten – oft mit einer Klarheit und Geduld, die im hektischen Alltag eines meist überlasteten Versorgungssystems häufig nicht schaffbar ist. Hinzu kommt, dass die Nutzer die Gespräche natürlich jederzeit abbrechen oder das Thema wechseln können und nicht anhand ihrer Körpersprache und emotionaler Reaktionen beurteilt werden.
Eine aktuelle Befragung wurde im März 2026 an ca. 2.500 Personen zwischen 16 und 39 Jahren online durchgeführt. Die Daten zeigen, dass viele junge Menschen mit Depression KI‑Programme wie ChatGPT gezielt für Gespräche über ihre Symptome nutzen. So gaben ca. 75 % mit Depressionsdiagnose an, sich durch den Austausch mit der KI gestärkt zu fühlen. Ganze 65 % der Befragten beschrieben ein Gefühl von Nähe zum Chatbot.
Bemerkenswert war, dass die Studienteilnehmer, die bereits in einer Psychotherapie waren, die Gespräche mit der KI zu 65 % als besser oder genauso gut wie den Kontakt mit ihrem menschlichen Therapeuten empfanden. Dieses Ergebnis wird noch durch die in Turing‑Tests gezeigten Bewertungen der KI unterstützt, welche als empathischer, hilfreicher und professioneller als echte therapeutische Antworten empfunden wird – selbst wenn die Probanden die KI nicht als solche erkennen (hier).
Egal, wie ausgeklügelt die künstlichen Sprachmodelle Emotionen und Empathie widerspiegeln – eines wird der KI immer fehlen – das echte Verständnis unseres Gegenübers und die damit verbundene therapeutische Verantwortung für unsere Patienten. Die KI erkennt keine feinen nonverbalen Signale, keine Unstimmigkeiten zwischen Gesagtem und Verhalten und keine Dynamiken, die sich erst über mehrere Sitzungen hinweg entwickeln. Auch fehlt die Möglichkeit zur echten Beziehungsgestaltung – ein zentraler Wirkfaktor jeder Psychotherapie. Die therapeutische Allianz ist mehr als bloße Sprache: Sie entsteht durch Resonanz, Beziehungsaufbau und wertschätzendes Verhalten.
Die Selbsttherapie mittels KI verstärkt dysfunktionale Verhaltensweisen durch Zuspruch, anstatt sie zu hinterfragen, und scheitert kläglich bei der Einschätzung von Suizidalität (hier). Besonders alarmierend: In der Studie schilderten 53 % der Teilnehmer ihre KI‑Gespräche zwar als hilfreich, berichteten nach der Interaktion mit dem Sprachmodell aber häufiger, an Selbstverletzung oder Suizid gedacht zu haben.
Eine US‑Studie zu „therapeutischen“ KI‑Chats zeigte sogar, dass die Sprachmodelle besonders in sensiblen Kontexten – etwa bei Suizidalität oder Trauma – negativ interagieren. Die in der Studie untersuchten Systeme neigten dazu, Gespräche abrupt abzubrechen oder Nutzer lediglich pauschal auf externe Hilfe zu verweisen, ohne eine adäquate Risikoeinschätzung abzufragen oder einen Notfallplan zu erstellen (hier).
Die KI‑Chatbots können kurzfristig emotional entlasten, das Gefühl von Einsamkeit mindern und Barrieren für den Beginn eines vertrauensvollen Gesprächs senken. Problematisch wird es, wenn aus diesem niedrigschwelligen Gesprächsangebot dann eine automatische „Selbsttherapie“ wird. Nur weil wir uns durch den Chatbot besser verstanden fühlen und unkritisiert Gehör finden, bedeutet das noch lange nicht, dass dies auch nur annähernd einer Psychotherapie entspräche.
Darüber hinaus sind die genutzten Chatbots kaum transparent. Datenschutzfragen und der Umgang mit den freimütig preisgegebenen hochsensiblen Gesundheitsdaten sind weiterhin unzureichend geklärt. Anstatt nun aber die KI zu verteufeln, erscheint eine integrative Perspektive sinnvoller. Richtig eingesetzt, könnten die Sprachmodelle zur Überbrückung von Wartezeiten und dem niederschwelligen Einstieg in Hilfesysteme eine wertvolle Ergänzung sein. Voraussetzung wären klare Qualitätsstandards, robuste Datenschutzkonzepte und eine kontinuierliche Überprüfung der Inhalte durch Fachpersonen. Unsere Verantwortung liegt jedoch darin, klare Grenzen zu definieren. Eine KI kann begleiten – aber eben nie behandeln.Bildquelle: Studio KVR, Unsplash