Sie sind jung, physisch fit und haben keinerlei Anzeichen eines Infekts. Und doch leiden beide Männer an extremer Erschöpfung und grippeähnlichen Symptomen – merkwürdigerweise immer nach dem Sex.
Sie sind beide unter 30 und körperlich fit. Und doch eint sie ein gemeinsames Leid: grippeähnliche Symptome, kognitive Einschränkung und extreme Müdigkeit – wiederkehrend nach dem Geschlechtsverkehr und nach 2 bis maximal 7 Tagen wieder vorbei. Das Merkwürdige: Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Allergie oder einen grippalen Infekt. Was steckt dahinter?
POIS zeichnet sich durch eine Reihe grippeähnlicher, kognitiver und somatischer Symptome aus. Die hier geschilderten männlichen Fallbeispiele sind exemplarisch, POIS betrifft jedoch sowohl Männer als auch Frauen. Symptome treten nach dem Orgasmus oder der Ejakulation auf und können nicht nur das Sexualleben, sondern auch die allgemeine Lebensqualität stark beeinflussen.
Häufige diagnostische Kriterien des POIS sind:
Obwohl POIS klinisch zunehmend bekannt ist, ist die Pathophysiologie nach wie vor wenig verstanden. Diskutierte Mechanismen umfassen immunologische Überempfindlichkeit gegenüber körpereigenem Sperma (Typ I und IV), was durch Hauttests und Desensibilisierungsstudien belegt wird, sowie neuroendokrine Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse mit veränderter zentraler serotonerger und dopaminerger Signalübertragung. Auch psychologische Faktoren können eine Rolle spielen, die Evidenzlage ist jedoch begrenzt.
Angesichts der unklaren Ätiologie bleiben therapeutische Eingriffe überwiegend empirisch und stützen sich auf Fallberichte oder kleine Fallserien. Zu den Behandlungsmöglichkeiten zählen unter anderem die Gabe von Antihistaminika oder NSAIDs, Hormontherapien, eine Immuntherapie und psychopharmakologische Mittel. Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), einschließlich Sertralin, die somatischen und kognitiven Symptome von POIS teilweise lindern können.
In beiden Fällen war die Sertralin-Behandlung mit einer deutlichen Reduktion der Intensität und Dauer der Symptome nach dem Orgasmus verbunden. Sertralin erhöht dabei Serotonin im synaptischen Spalt durch Hemmung der präsynaptischen Wiederaufnahme. Diese Inhibition moduliert Hirnkreisläufe, die an Affektregulation, Stressreaktion und Sexualfunktion beteiligt sind. Denn die serotonerge Signalübertragung spielt eine Schlüsselrolle bei der Orgasmusregulation und der postorgasmischen autonomen Erholung. Eine Stabilisierung dieses Systems kann eine verlängerte Aktivierung des Zentralnervensystems und das Fortbestehen von Symptomen begrenzen.
Weitere pharmakologische Wirkungen von Sertralin sind sowohl eine leichte Hemmung der Dopamin-Wiederaufnahme als auch ein Sigma-1-Rezeptor-Agonismus. Die Sigma-1-Rezeptor-Aktivierung kann stressbedingte neuroinflammatorische Reaktionen weiter reduzieren. Sertralin kann auch die Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse beeinflussen. Durch Dämpfung übermäßiger stressbedingter hypothalamischer und Glukokortikoid-Signale kann Sertralin die Dauer und Schwere postorgasmischer Symptomkaskaden verringern.
In beiden Fällen wurde Sertralin für verschiedene Primärindikationen verschrieben: vorzeitige Ejakulation bei einem Patienten und komorbide soziale Angststörung beim anderen. Angstbezogene Psychopathologie und Ejakulationsstörungen sind eng miteinander verknüpft, was auf eine mögliche Wechselwirkung zwischen psychologischen Faktoren und einer zugrundeliegenden neurobiologischen Vulnerabilität bei POIS hindeutet.
Aus diesen Beobachtungen kann keine Kausalität abgeleitet werden und eine serotonerge Modulation dürfte nicht bei allen POIS-Phänotypen wirksam sein. Ein möglicher Nutzen könnte auf Patienten mit ausgeprägten zentralen Neurotransmitter-, neuroendokrinen oder angstbezogenen Mechanismen beschränkt sein, jedoch nicht auf eine primäre immunologische Überempfindlichkeit.
Die beiden Fälle zeigen, dass POIS medikamentös behandelt werden kann. Gleichzeitig sind weitere kontrollierte Studien notwendig, um sowohl zugrundeliegende Mechanismen zu klären als auch herauszufinden, welche Patientensubgruppen am ehesten von einer SSRI-Behandlung profitieren. Da die Symptomatik der POIS sich sehr heterogen zeigt, muss die Therapie auf den Patienten zugeschnitten werden. Dabei sollte beachtet werden, dass psychische Beschwerden und sexuelle Probleme zusammen auftreten.
Den ganzen Fallbericht findet ihr hier.
Bildquelle: Pablo Merchán Montes, Unsplash