KOMMENTAR | In der Medizin Karriere machen heißt: viel aushalten müssen. Doch Grenzüberschreitungen zu tolerieren, hat mit Professionalität nichts zu tun. Wir haben die Nase voll!
Ein anzüglicher Spruch hier, ein zu langer Blick dort. Lange dachte ich, es sei besser, kurz wegzuhören und einen Kommentar einfach schweigend wegzulächeln, als am OP-Tisch angeschrien zu werden. Aber es kann nicht sein, dass man sich zwischen zwei gleichermaßen untragbaren Optionen entscheiden muss, denn die Übergänge zwischen Grenzüberschreitung, Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt sind fließend. Was viele Medizinstudentinnen, junge Ärztinnen und auch ich im Alltag erleben, ist kein harmloses Missverständnis, sondern Ausdruck eines tiefer liegenden Problems.
Der aktuelle Anlass für die Debatte sind Berichte über Belästigungen auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover. Dort schilderten Medizinstudentinnen, dass sie innerhalb weniger Tage gleich mehrfach grenzüberschreitendes Verhalten erlebt hätten. In der öffentlichen Erklärung heißt es: „Uns allen fünf weiblichen Mitgliedern unserer Delegation sind in den letzten drei Tagen Übergriffe passiert.“ Genannt werden unter anderem Kommentare über das Aussehen, über Ausschnitte, unerwünschte Berührungen an Rücken und Gesäß sowie sexistische Bemerkungen über das Kinderkriegen und Stillen. Zudem berichteten die Betroffenen, dass Einladungen auf Hotelzimmer, nach Hause oder vor die Tür ausgesprochen wurden. Berufspolitische Themen seien dagegen primär unter den männlichen Kollegen diskutiert worden.
Dabei betonen die Studentinnen, dass es sich nicht um Einzelfälle handele, sondern um ein strukturelles Problem. Sie wollten nicht als Ausnahme, sondern als Beispiel für ein System verstanden werden, in dem Grenzen immer wieder mit einer großen Selbstverständlichkeit überschritten werden.
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, reagierte auf die Berichte erschüttert. Er sagte, es tue ihm außerordentlich leid, dass es zu diesen Vorfällen gekommen sei und kündigte an, die Geschehnisse aufzuklären. Die Reaktion zeigt zwar, dass das Problem auf höchster Ebene angekommen ist — das ersetzt aber keine grundlegende Veränderung im Umgang miteinander. Denn die Berichte vom Ärztetag stehen nicht für sich. Bereits im April hatte der Marburger Bund eine bundesweite Umfrage veröffentlicht, die ein ähnliches Bild zeichnet. Demnach erleben Ärztinnen und Ärzte in Kliniken häufig Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. An der Befragung nahmen über 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte teil. Die Erhebung gilt als die bislang größte ihrer Art in Deutschland. Besonders auffällig ist, dass 69 % der Teilnehmer weiblich und mehr als die Hälfte 40 Jahre oder jünger sind. Damit gibt die Umfrage insbesondere Einblick in die Erfahrungen einer jungen und weiblichen Generation im medizinischen Berufsalltag.
Zu den am häufigsten genannten Formen des Machtmissbrauchs zählen ein respektloser und herablassender Umgangston, das Infragestellen fachlicher Kompetenz, Mobbing und öffentliche Bloßstellung. Fast die Hälfte der Befragten berichtet, Machtmissbrauch in den letzten zwölf Monaten erlebt zu haben, in 87 % der Fälle von ärztlichen Vorgesetzten. Hinter den erschreckenden Zahlen dieser Umfrage stehen konkrete Lebensrealitäten und persönliche Erfahrungen. Auch ich habe während meiner Famulatur eine unangenehme Situation erlebt: Ein Oberarzt schlug mehrfach vor, mich doch auf meinem Zimmer besuchen zu können. Eine andere Studentin berichtet, der Chef der Chirurgie habe ihren Körper vor dem versammelten OP-Team kommentiert. Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Sie stehen exemplarisch für ein Machtgefälle, das in vielen Kliniken noch immer ausgenutzt wird.
Zwar gibt es in vielen Krankenhäusern inzwischen Gleichstellungsbeauftragte oder offizielle Anlaufstellen gegen sexualisierte Belästigung und Gewalt. Ihr Auftrag ist klar: Betroffene schützen, Vorfälle konsequent verfolgen und ein sicheres Arbeitsumfeld schaffen. Doch in der Realität erleben viele Betroffene etwas anderes: Meldungen verlaufen im Sande, Konsequenzen bleiben aus und oft geraten diejenigen unter Druck, die den Mut hatten, Übergriffe anzusprechen. Aus Angst vor Nachteilen im Studium, schlechten Bewertungen oder beruflichen Konsequenzen schweigen viele von ihnen.
Doch genau dieses Schweigen schützt die Falschen. Während auf Kongressen über Prävention diskutiert wird, erleben Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte jeden Tag Grenzüberschreitungen, abwertende Kommentare und verschiedene andere Formen von Machtmissbrauch. Es braucht deshalb mehr als Absichtserklärungen: unabhängige Beschwerdestrukturen, transparente Konsequenzen für Täter, verpflichtende Schulungen und eine Klinikkultur, die Betroffene ernst nimmt, statt sie im Stich zu lassen.
Die Berichte der Studentinnen auf dem Ärztetag und die Umfrage des Marburger-Bunds haben ein Thema öffentlich gemacht, das viele Betroffene längst kennen. Jetzt kommt es darauf an, dass daraus mehr entsteht als Betroffenheit und kurzfristige Empörung. Vor allem aber braucht es Menschen, die nicht länger wegsehen. Jede Geschichte, die erzählt wird, jeder Übergriff, der an die Öffentlichkeit kommt, durchbricht das System des Schweigens. Jede Person, die widerspricht, die unterstützt oder die einen Vorfall meldet, setzt ein Zeichen dafür, dass ein solches Verhalten nicht akzeptiert wird. Studentinnen, Ärztinnen und alle Beschäftigten im Gesundheitswesen sollten den Mut haben, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen und sich gegenseitig zu stärken. Denn Veränderung wird nicht erst auf dem nächsten Ärztekongress beginnen, sondern in dem Moment, in dem Betroffene nicht mehr schweigen und Kolleginnen und insbesondere Führungskräfte anfangen, hinzusehen und zu handeln.
Wer in der Medizin Verantwortung trägt, muss lernen, Macht nicht als Freifahrtschein zu verstehen, sondern als Verpflichtung zu Professionalität und Vorbildfunktion. Respekt darf nicht von der Hierarchie abhängen. Fachliche Kritik ist notwendig, Demütigung ist es nicht.
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