Therapieentscheidungen beim fortgeschrittenen Ovarial- oder Endometriumkarzinom basieren auf mehreren Säulen. Neben den klinischen und biologischen Parametern stehen die Lebensumstände der Patientin im Fokus. Ihre individuelle Belastbarkeit und ihr sozialer Kontext beeinflussen entscheidend, welche Behandlung für sie geeignet ist.
Immer häufiger wird daher die Frage gestellt: Wie viel Zeit kostet eine Therapie und wie viel Lebenszeit nimmt sie der Patientin? Und wie steht dies im Verhältnis zu Wirkung und Nutzen der Therapie? Denn die zeitliche Belastung entscheidet mit darüber, wie viel Raum für Alltag, soziale Teilhabe oder berufliche Aufgaben bleibt.
Unter Time Toxicity versteht man jede Form von Zeitaufwand, der durch die Krebsbehandlung entsteht, einschließlich der verlorenen Zeit infolge von Nebenwirkungen oder eingeschränkter Alltagsfähigkeit.1
Sie setzt sich zusammen aus:
Time Toxicity betrifft nicht nur die Patientin, sondern auch ihr Umfeld, etwa Angehörige, die Termine koordinieren oder Transporte übernehmen. Patientinnen verbringen während der Therapie zum Teil deutlich mehr Tage im Kontakt mit dem Gesundheitssystem, als es der reine medizinische Nutzen erfordern würde. Das kann zu Belastungen führen, die ihre Lebensqualität spürbar einschränken.1
Ein Beispiel für die Berücksichtigung individueller Patientinnenbedürfnisse ist die Erstlinien‑Erhaltungstherapie beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom (Abb. 1). Sie verdeutlicht, wie wichtig eine an die Patientin angepasste Therapiewahl ist. Ziel ist es, für jede Patientin die passende Behandlung zum passenden Zeitpunkt zu finden.
Zu den individuellen Patientinnenfaktoren gehören u. a.:1
Abbildung 1: Bei der Entscheidung der 1L-Erhaltungstherapie beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom sind die individuellen Patientinnenfaktoren zu beachten. Erstellt nach 2-8.
Diese Einflussfaktoren ergeben sich aus dem zeitlichen Aufwand, der durch Behandlungstermine, Untersuchungen, Hospitalisierungen sowie Wege‑ und Wartezeiten entsteht.1 Insbesondere intravenöse Behandlungen sind häufig mit höherem Zeitaufwand verbunden, etwa durch feste Termine oder längere Aufenthalte in Klinik und Praxis. Auch die Anzahl der eingesetzten Therapien spielt eine Rolle: Je mehr Medikamente gegeben werden, desto höher das Risiko zusätzlicher Nebenwirkungen, wodurch die individuelle Therapiebelastung und damit die Time Toxicity weiter zunehmen kann.
Patientinnen sollten nachvollziehen können, welchen zeitlichen Aufwand verschiedene Therapieoptionen mit sich bringen können (Tab.1). Dazu gehört die gemeinsame Abwägung von klinischem Nutzen, Verträglichkeit und zeitlichem Aufwand. Dies unterstützt individuelle Therapieentscheidungen. Ziel ist eine Behandlung, die sowohl zur medizinischen Situation als auch zur Lebensrealität der Patientin passt. Für Kliniken bedeutet dies, Zeitfaktoren aktiv mitzubewerten. So entsteht ein Entscheidungsprozess, der medizinische Qualität und Lebensqualität miteinander verbindet.
Tabelle 1 Hypothetische Behandlungsverläufe zur Zeittoxizität der Krebsbehandlung. Haussymbol: Tage zu Hause; Kreuzsymbol: Tage mit physischem Kontakt zum Gesundheitssystem. Modifiziert nach 1
Time Toxicity ist ein wesentlicher Teil der individuellen Patientinnenfaktoren. Die Berücksichtigung des Zeitaufwands einer Therapie ermöglicht patientinnenzentriertere Entscheidungen, die nicht nur auf medizinische Wirksamkeit, sondern auch auf die Lebenssituation der Betroffenen abgestimmt sind. Moderne gyn-onkologische Behandlung bedeutet: Therapieerfolg und Lebensqualität gemeinsam denken und die Zeit der Patientin als wertvolle Ressource schützen.
Abkürzungen:
BRCA: Brustkrebs-AnfälligkeitsgenCT: ChemotherapieHRD: homologe RekombinationsdefizienzNACT: Neoadjuvante Chemotherapie
Referenzen:
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NP-DE-DST-WCNT-260006 (05/2026)