Übergewicht belastet das Herz. Allerdings lässt sich mittels BMI nur der Ist-Zustand ermitteln. Wer kardiovaskuläre Risiken einschätzen will, sollte daher die Gewichtsbiografe mit in die Waagschale werfen.
In Arztpraxen wird der BMI gemessen, notiert und als Risikoindikator herangezogen. Dieses Vorgehen hat jedoch einen Haken, da es nur einen einzigen Moment in einem oft langen Leben erfasst. Ob jemand seit Jahrzehnten mit Übergewicht lebt oder erst seit Kurzem, wird nicht systematisch bewertet. Doch genau das könnte maßgeblich sein, um die kardiovaskuläre Gesundheit besser zu beurteilen. Den Zusammenhang zwischen Gewichtsgeschichte und Herzgesundheit belegt eine kürzlich erschienene Studie. Forscher des Mass General Brigham aus den USA analysierten Daten von über 136.000 Studienteilnehmern aus zwei großen Langzeitstudien: der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-Up Study. Beide Kohorten werden seit Jahrzehnten systematisch beobachtet. Das macht sie zu einem wertvollen Datenschatz für die Erforschung chronischer Erkrankungen.
Das Forscherteam berechnete die durchschnittlichen BMI-Werte der Teilnehmer über den Zehnjahreszeitraum von 1990 bis 2000. Sie interessierten sich also nicht für einen einzelnen Messwert, sondern ermittelten ein Maß für die kumulative Exposition gegenüber Übergewicht. Anschließend wurden die Personen im Durchschnitt 16,7 Jahre lang weiterverfolgt, um kardiovaskuläre Ereignisse zu erfassen. Rund 12.048 der Teilnehmer – etwa 8,8 % der Kohorte – erlitten in diesem Zeitraum ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal PLOS One, zeigt, dass sich die langfristige Exposition gegenüber Übergewicht als ein stärkerer Prädiktor für Herzerkrankungen erwies als ein einzelner BMI-Wert. Die Dauer, über die jemand Übergewicht trägt, scheint somit wichtiger zu sein als das Gewicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das klingt zunächst intuitiv vollkommen nachvollziehbar – doch die medizinische Praxis sieht bisher meist anders aus. Hier wird Übergewicht eher als ein statisches Merkmal behandelt, nicht als kumulative Belastung, die sich über die Jahre aufschichtet und das Herz-Kreislauf-System belastet. In der Studie war der Effekt am ausgeprägtesten bei jüngeren Teilnehmern. Frauen unter 35 Jahren mit hoher langfristiger Gewichtsexposition hatten ein um 60 % erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen. Bei Frauen zwischen 35 und 50 Jahren lag das erhöhte Risiko bei „nur“ 27 %, bei Männern zwischen 35 und 50 Jahren bei 57 % und zwischen 50 und 65 Jahren bei 23 %. Es waren keine Daten verfügbar für Männer unter 35 Jahren. Bei älteren Teilnehmenden – Frauen über 50 und Männer über 65 – war kein signifikanter Zusammenhang mehr feststellbar. Auch das Ausgangsgewicht im Jahr 1990 allein war kein unabhängiger Risikofaktor, sobald die langfristige Exposition berücksichtigt wurde.
Warum Übergewicht in jüngeren Jahren besonders kritisch ist, könnte am Allgemeinzustand des Körpers liegen. Ältere Menschen, die kardiovaskuläre Ereignisse in der Studie erlitten, waren möglicherweise bereits durch andere Risikofaktoren vorbelastet und das Übergewicht zeigte keinen zusätzlichen statistischen Effekt mehr. Außerdem ist die Zeitkomponente zu berücksichtigen. Wer bereits mit 20 oder 30 Jahren Übergewicht entwickelt, sammelt über Jahrzehnte eine höhere „Expositionslast“ an und damit auch ein größeres Risiko.
Die Erkenntnis aus der Studie wird durch die Ergebnisse früherer Untersuchungen gestützt. Die Framingham Heart Study zeigt, dass Gewichtszunahme bzw. ein höherer BMI mit mehr Herzinsuffizienz verbunden ist. Der Effekt bestand auch nach Anpassung an andere Risikofaktoren. Untersucht wurde eine prospektive Allgemeinbevölkerungskohorte über viele Jahre, in der BMI bzw. Gewicht und spätere Herz-Kreislauf-Endpunkte verfolgt wurden. Die Kernbotschaft ist, dass ein höherer BMI und eine Gewichtszunahme mit mehr Herzinsuffizienz und anderen kardiovaskulären Ereignissen zusammenhängen. Der Zusammenhang war nicht nur punktuell, sondern über den Verlauf erkennbar.
Die Lancet-Studie zu BMI im frühen Erwachsenenalter untersuchte, wie der BMI in jungen Jahren mit späteren kardiovaskulären Erkrankungen zusammenhängt. Das Ergebnis spricht dafür, dass ein höherer BMI früh im Leben das spätere Risiko erhöht, also nicht nur der aktuelle BMI, sondern die Dauer der Exposition relevant ist. Je länger die Exposition, desto ungünstiger fällt das Risikoprofil im späteren Leben aus, so das Ergebnis einer britischen Geburtskohorte. Gleichzeitig geben die Daten auch Grund zur Hoffnung. Gewichtsreduktion – selbst wenn sie nicht dauerhaft ist – war mit Verbesserungen etwa der Gefäßwanddicke und des kardiometabolischen Risikoprofils assoziiert. Das Herz speichert also Belastung, kann sich aber zumindest teilweise wieder erholen. Eine andere Studie zu langfristiger BMI-Variabilität betrachtete nicht nur den durchschnittlichen BMI, sondern Schwankungen über Jahre. Schwankungen waren mit mehr unerwünschten kardiovaskulären Ereignissen verbunden, was darauf hindeutet, dass nicht nur die Höhe des BMIs bedeutsam ist, sondern auch, wie stabil er verläuft.
Die aktuelle Studie stellt das klassische Konzept einer Momentaufnahme des BMI infrage. Anscheinend ist es für die Prognose relevanter, die Gewichtsentwicklung zu betrachten, was bedeutet, dass diese systematisch, etwa im Sinne einer Gewichtsanamnese, erfasst werden sollte. Zwei Menschen mit identischem BMI können ein völlig unterschiedliches Risiko tragen, abhängig davon, wie sie dorthin gekommen sind. Ein Patient mit einem BMI von 27 heute könnte ein weit geringeres Risiko haben als ein anderer mit demselben BMI, der jedoch in den vergangenen 20 Jahren konstant übergewichtig war. Die bloße Zahl sagt also zu wenig.
So nachvollziehbar die Erkenntnis ist, ist doch die Umsetzung im medizinischen Alltag bislang nur eingeschränkt realistisch. Zwar gehört das Wiegen in vielen Praxen zur Routine, doch der BMI wird meist lediglich als aktueller Einzelwert betrachtet. Hinzu kommt, dass Gewicht biologisch deutlich komplexer ist, als eine einzelne Zahl vermuten lässt. Deshalb berücksichtigt man inzwischen ergänzende Marker wie Taillenumfang, viszerales Fett oder Stoffwechselparameter als aussagekräftiger als den BMI allein. Auch organisatorisch stößt die Idee der „Gewichtsbiografie“ an Grenzen; um eine kumulative Belastung zuverlässig zu erfassen, wären konsistente Daten über Jahrzehnte notwendig. Tatsächlich wechseln viele Menschen jedoch Ärzte, ziehen um oder erscheinen nur unregelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen. Außerhalb großer Kohortenstudien existieren lückenlose Datensätze bislang selten.
Dennoch könnte genau hier die Zukunft der Präventionsmedizin liegen. Elektronische Patientenakten, digitale Gesundheits-Apps, Smartwatches und vernetzte Waagen erzeugen heute kontinuierlich Gesundheitsdaten, die erstmals langfristige Gewichtsmuster sichtbar machen könnten. Die neue Studie passt damit in einen größeren Trend der Medizin: weg von der isolierten Einzelmessung, hin zu einer longitudinalen Betrachtung von Gesundheit über die gesamte Lebensspanne hinweg.
Bildquelle: Marek Studzinski, Unsplash