NACHGEFRAGT| Nina Warken setzt auch bei der Pharmaindustrie den Rotstift an. Wird das den Pharmastandort Deutschland schwächen – oder ist das ein längst überfälliger Schritt?
Warkens geplante Kürzungen im Pharmabereich stoßen in der DocCheck Community auf ein geteiltes Echo. Viele Teilnehmer einer aktuellen Umfrage sehen durchaus Reformbedarf. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass zu starke Sparmaßnahmen Innovationen bremsen, klinische Forschung ins Ausland verdrängen und langfristig die Patientenversorgung verschlechtern könnten. Das zeigt die aktuelle Umfrage „Reformpläne Pharma“.
„Natürlich muss das Gesundheitssystem effizienter werden. Aber sollten Forschung und Versorgung leiden, spart man am falschen Ende“, sagt ein niedergelassener Internist aus Nordrhein-Westfalen.
An der Befragung haben sich insgesamt 167 Personen aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens beteiligt. Den größten Anteil stellten Apotheker mit 69 Teilnehmern. Außerdem nahmen 32 Hausärzte beziehungsweise Allgemeinmediziner, 28 niedergelassene Fachärzte und 10 Klinikfachärzte teil.
Die Ergebnisse spiegeln damit vor allem die Sicht von Menschen wider, die täglich mit Arzneimitteln, Verordnungen und der Versorgung von Patienten zu tun haben. Repräsentativ für alle Ärzte oder Apotheker in Deutschland ist die Umfrage allerdings nicht. Bewertet wurden die Aussagen auf einer Skala von 1 Punkt („Ich stimme gar nicht zu“) bis 5 Punkten („Ich stimme voll und ganz zu“).
Schon die Einstiegsfrage zur Haltung gegenüber den Sparmaßnahmen zeigt ein gespaltenes Meinungsbild. Von 142 Teilnehmern bewerteten 49 die Einsparungen als „eher positiv“, weitere 25 sogar als „sehr positiv“. Auf der anderen Seite standen 33 „eher negative“ und 15 „sehr negative“ Bewertungen. 16 Teilnehmer äußerten sich neutral, 4 konnten die Maßnahmen nicht einschätzen.
Eine grundsätzliche Ablehnung der Reformen gibt es also nicht. Dennoch blickt ein erheblicher Teil der Befragten mit Skepsis auf mögliche Folgen. „Viele Kollegen verstehen durchaus, dass der Kostendruck steigt. Die Angst entsteht dort, wo Einsparungen plötzlich Innovation verhindern könnten“, sagt ein Krankenhausapotheker aus Bayern.
Besonders interessant ist die Einschätzung zur Frage, ob die Maßnahmen tatsächlich zu niedrigeren Preisen bei Arzneimitteln führen werden. Hier überwog die Skepsis deutlich. Von 153 Teilnehmern vergaben 31 die niedrigste Zustimmung und 62 die zweitniedrigste Stufe. Weitere 40 bewerteten die Aussage neutral. Nur 16 beziehungsweise vier Teilnehmer stimmten der Aussage eher oder voll zu. Der Mittelwert lag lediglich bei 2,35 Punkten auf der Fünfer-Skala. Viele Befragte scheinen daran zu zweifeln, dass Einsparungen tatsächlich beim Patienten ankommen oder das System insgesamt günstiger machen. „Wir sollten nicht an Arzneimitteln sparen, sondern mit ihnen“ sagte Médard Schoenmaeckers, Deutschlandchef von Boehringer Ingelheim – wenn auch nicht ganz uneigennützig.
Deutlich stärker war die Zustimmung zur Aussage, dass Deutschland durch die Maßnahmen seine Attraktivität als Pharmastandort verlieren könnte. Hier lag der Mittelwert bei 3,26 Punkten. 39 Teilnehmer vergaben die zweithöchste Zustimmung, weitere 27 sogar die höchste. Lediglich 18 Teilnehmer widersprachen der Aussage vollständig. Diese Sorgen werden auch von Branchenvertretern geteilt. Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, warnte bereits mehrfach davor, dass übermäßiger Kostendruck Investitionen gefährden könne. Er sprach zuletzt davon, dass für den Pharmastandort Europa „eine Chance vertan“ worden sei.
Auch die Innovationsfähigkeit der Branche sehen viele Health Professionals in Gefahr. Auf die Aussage „Einsparungen werden die Innovationskraft der Pharmaindustrie spürbar ausbremsen“ entfielen hohe Zustimmungswerte: 36 Teilnehmer vergaben vier von fünf Punkten, weitere 21 die höchste Punktzahl. Der Mittelwert lag bei 3,01 Punkten. Die Zahlen zeigen, dass viele Befragte einen direkten Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und medizinischem Fortschritt sehen.
Besonders deutlich fiel die Einschätzung bei klinischen Studien aus. Die Aussage, dass steigender Kostendruck dazu führen werde, Studien verstärkt ins Ausland zu verlagern, erreichte mit 3,49 Punkten den höchsten Mittelwert der gesamten Befragung. 56 Teilnehmer vergaben 4 von 5 Punkten, weitere 28 sogar die höchste Zustimmung. Nur 9 Teilnehmer hielten dieses Szenario für völlig unrealistisch.
Die Sorge ist nicht neu und hat nicht nur mit Warkens Rotstift zu tun. Seit Jahren weist die Branche darauf hin, dass Unternehmen zunehmend dort investieren, wo Studien schneller genehmigt werden und wirtschaftlich verlässliche Rahmenbedingungen herrschen. Deutschland verliert im internationalen Vergleich bereits seit Längerem an Bedeutung als Standort für klinische Studien. Das habe mittelfristig erhebliche Folgen für „einige Zehntausend Patienten“ in Deutschland, sagt Matthias Meergans vom Geschäftsbereich Forschungspolitik des VFA. „Weil sie nicht an Studien teilnehmen können, erhalten sie erst Jahre später Zugang zu innovativer Medizin – erst in der Regelversorgung, also dann, wenn das Medikament in Deutschland zugelassen ist.
Ähnlich kritisch bewerteten die Teilnehmer die Aussage, dass innovative Medikamente und Therapien künftig später oder gar nicht mehr nach Deutschland kommen könnten. Hier lag der Mittelwert bei 3,1 Punkten. Insgesamt vergaben 63 Teilnehmer die beiden höchsten Zustimmungsstufen. Für viele Ärzte und Apotheker ist das ein sensibles Thema. Gerade bei Krebsmedikamenten, seltenen Erkrankungen oder personalisierten Therapien gelten schnelle Markteinführungen als entscheidend.
Es geht aber nicht nur um kurzfristige Effekte: Besonders alarmierend fällt die Einschätzung zur langfristigen Versorgung aus. Die Aussage „Die Sparmaßnahmen gefährden langfristig die Qualität der Patientenversorgung“ erhielt einen Mittelwert von 3,42 Punkten. 38 Teilnehmer vergaben 4 Punkte, 47 sogar die höchste Zustimmung. Nur 20 Teilnehmer lehnten die Aussage vollständig ab. Die Sorge: Wenn Innovationen langsamer verfügbar werden, Forschung abwandert und wirtschaftlicher Druck steigt, könnte dies letztlich direkt bei den Patienten spürbar werden.
Gleichzeitig erkennen viele Teilnehmer durchaus an, dass steigender Kostendruck Pharmaunternehmen effizienter machen könnte. Diese Aussage erreichte einen Mittelwert von 3,16 Punkten. 53 Teilnehmer vergaben 4 Punkte, weitere 17 die höchste Zustimmung.
Deutlich skeptischer wurden dagegen mögliche positive Systemeffekte bewertet. So glaubten viele Teilnehmer nicht daran, dass die Maßnahmen strukturelle Reformen im Gesundheitssystem beschleunigen würden. 74 Health Professionals hatten daran mehr oder minder Zweifel. Auch bei der Aussage, dass durch die Maßnahmen mehr Transparenz über Kosten und Nutzen von Arzneimitteln entstehen werde, vergaben 79 aller Teilnehmer die beiden niedrigsten Zustimmungswerte.
Die Umfrage zeigt, wie komplex die Lage inzwischen geworden ist. Viele Teilnehmer erkennen den wachsenden wirtschaftlichen Druck auf das Gesundheitssystem an und sehen durchaus Reformbedarf. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass politische Sparmaßnahmen ausgerechnet jene Innovationskraft bremsen könnten, auf die die moderne Medizin angewiesen ist.
Damit steht Warken vor einem schwierigen Balanceakt: Einerseits sollen die Arzneimittelausgaben sinken, andererseits wächst die Angst, dass Deutschland als Standort für Forschung, klinische Studien und medizinische Versorgung an Attraktivität verliert – mit möglichen Folgen für die Versorgung der Patienten.
Bildquelle: Mathieu Stern, Unsplash