Patienten-Apps, Landingpages oder Prototypen für Kongresse: KI verändert Softwareentwicklung grundlegend. Was du über Vibe Coding wissen musst – und wie du es am besten nutzt.
Michael VorbrinkDocCheck Agency
Pascal Koch-MüllerDocCheck Agency
Es vergeht kaum ein Monat ohne neue KI-Trends – doch eine Entwicklung sorgt aktuell besonders für Aufsehen: Vibe Coding. Was zunächst wie ein Buzzword klingt, könnte sich als disruptiver Wendepunkt entpuppen. Warum diese neue Art zu programmieren weit über klassische Automatisierung hinausgeht und welches Potenzial sie speziell im Healthcare-Sektor entfalten kann, zeigt ein genauerer Blick hinter den Hype.
Der Begriff “Vibe Coding” wurde das erste Mal von OpenAI Mitgründer Andrej Karpathy im Februar 2025 verwendet. Das Konzept beschreibt eine Form der Programmierung, bei der kein handgeschriebener Code mehr nötig ist, sondern Websites oder Anwendungen gänzlich anhand von in menschlicher Sprache geschriebenen “Prompt Codes” gebaut, getestet und überprüft werden.
Ein Vorreiter in dem Bereich ist Anthropic mit dem KI-basierten Coding-Dienst “Claude Code”. Claude hat Zugriff auf ganze Projektumgebungen, kann Dateien bearbeiten und neu anlegen und bedient dabei alle gängigen Programmiersprachen. Modelle wie „Cursor“ und „Codex“ von OpenAI dienen Entwicklern als Agenten und bearbeiten oder verbessern einzelne Code-Abschnitte innerhalb eines Projekts. Dienste wie Lovable sind spezifisch für die Web-Entwicklung optimiert, lassen sich einfach im Browser bedienen und liefern schnelle und funktionale Ergebnisse. Auch Google hat Anfang des Jahres einen großen Wurf gemacht und die Vibe Coding Umgebung “Antigravity” released, welche bisher kostenlos verfügbar ist und stetig weiterentwickelt wird.
Durch Nutzung und Training werden die Modelle an moderne Coding-Anforderungen angepasst, was zu einer laufenden Verbesserung und immer neuen Funktionen führt. Auch hier gilt wie für viele andere KI-Lösungen: Was heute unmöglich scheint, könnte morgen schon Standard werden.
Diese Entwicklungen vereinfachen den Zugang zu Softwareentwicklung enorm. So kann im Prinzip jeder Mitarbeiter auch ohne tiefere Entwickler-Kenntnisse schnell funktionale Prototypen erstellen – von einfachen Websites bis hin zu interaktiven Tools. Bestehende Lösungen lassen sich gezielt auf neue Use Cases anpassen und in kurzen Iterationen weiterentwickeln. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Marketeers, Produktmanagern, Entwicklern und medizinischen Experten: Ideen können direkt gemeinsam gebaut und getestet werden.
Gerade im Healthcare-Bereich liegt hier ein massiver Hebel – nicht nur für mehr Effizienz, sondern für komplett neue Formen der Interaktion mit Ärzten und Patienten.
Ein Beispiel: Entwicklung einer Patienten-App für einen digitalen Medikationsplan
Der denkbare Case: Im Rahmen des Releases eines OTC-Medikaments soll eine Awarenesskampagne zur Bedeutung von Medikationsplänen gefahren werden. Dazu wird eine kostenfreie Patienten-App für einen digitalen Medikationsplan mit Dosierungsrechner & Einnahme-Reminder benötigt.
Wie im Beispiel geschildert, ermöglicht Vibe Coding schnelles Prototyping, denn mit nur wenigen Worten und Abstimmungswegen hat man eine präsentable Vorstellung von einer möglichen Anwendung. Vibe Coding verkürzt so die Distanz zwischen Idee und Endprodukt enorm.
Aber es geht nicht nur um die Effizienz. Durch die Programmierung in “menschlicher” Sprache lassen sich die Apps auch noch genauer an die spätere “menschliche” Nutzung anpassen: Healthcare Professionals können mit direktem Input Inhalte an den medizinischen Fachkontext anpassen und User können durch ihr Feedback eine alltagstauglichere Logik erzeugen. Das Ganze funktioniert dann ohne den Umweg über komplexe Code-Zeilen, sondern direkt mittels natürlicher Sprache.
Für den Healthcare-Markt ist neben dem schnellen und vermenschlichten Prototyping insbesondere interessant, was plötzlich möglich wird:
Interaktive Dosierungsrechner, Therapiepfade oder Kongress-Tools können als MVP in wenigen Tagen entstehen und anschließend gemeinsam mit Ärzten iterativ verbessert werden.
Statt statischer Microsites entstehen adaptive Plattformen, die Inhalte je nach Zielgruppe (Arzt, Apotheker, Patient) oder Nutzungssituation variieren – und sich bei neuen Studiendaten sofort anpassen lassen.
Reminder, Symptom-Tracker oder einfache Begleit-Apps waren bislang oft zu teuer in der Entwicklung. Mit Vibe Coding werden solche Services auch für kleinere Marken wirtschaftlich.
Ideen müssen nicht mehr erklärt werden – sie können direkt erlebbar gemacht werden. Das verändert auch die Zusammenarbeit zwischen Agenturen und Kunden fundamental.
Dann kann jetzt also jeder seine eigenen Websites, Apps und Programme basteln und Entwickler brauchen wir gar nicht mehr, oder? Nicht ganz! Der Job des Entwicklers wird vielleicht sogar noch wichtiger – aber mit einem anderen Fokus. Die Rolle verschiebt sich dabei vor allem in drei Bereiche: Validierung von KI-generiertem Code, Architektur stabiler Systeme sowie Integration in bestehende IT-Landschaften. Gerade für funktionale und komplexere Anwendungen braucht es mehr als ein Frontend: Skalierbarkeit, saubere Code-Strukturen und die Einbindung in bestehende Systeme bleiben zentrale Herausforderungen.
Dafür braucht es weiterhin Experten, die den Überblick behalten und KI-Outputs einordnen können – denn generierter Code ist oft intransparent und insbesondere bei Spezialanwendungen, Sicherheitslogiken oder Datenvalidierung fehleranfällig – wie der McKinsey-Hack kürzlich gezeigt hat. So wird aus dem „klassischen“ Developer der Vibe-Coding-Experte. Dieser beherrscht zwar nicht mehr jede Programmiersprache aus dem Effeff, aber hat ein starkes Verständnis für Abhängigkeiten und Deliverables innerhalb eines Projekts und steuert die Bewertung sowie Einbindung von KI-generierten Ergebnissen.
Besonders im Healthcare-Bereich ist die Datensicherheit und Compliance zentral. Patienten- und Gesundheitsdaten müssen sicher verwaltet und gespeichert werden. Anforderungen wie DSGVO-Konformität, Zugriffskontrollen und sichere Datenflüsse lassen sich aktuell nicht zuverlässig allein durch Vibe Coding abbilden. Da wird es weiterhin menschliche Überwachung und Kontrolle brauchen.
Es ist klar, dass Vibe Coding ein disruptives Moment für die Programmierung bedeutet. Die Workflows und Jobanforderungen werden sich grundlegend verändern. Statt selbst Code zu schreiben, werden viele Entwickler zunehmend zu Orchestratoren von KI-Systemen, die Anforderungen formulieren, Ergebnisse bewerten und Systeme zusammenführen.
Aber noch etwas wird sich verändern: Mehr was wird möglich!
Vibe Coding steht für eine Demokratisierung der Entwicklung – aber vor allem für eine Verschiebung von Möglichkeiten: Was bisher an Zeit, Budget oder technischen Hürden gescheitert ist, wird plötzlich realisierbar. Gerade im Healthcare-Markt eröffnet das die Chance, mehr Ideen zu wagen und auszuprobieren. Entscheidend wird sein, wer diese neuen Freiräume sinnvoll nutzt: mit klaren Qualitätsstandards, sicherer Infrastruktur und der Fähigkeit, Geschwindigkeit in echten Mehrwert zu übersetzen.
Willst Du tiefer einsteigen? Mehr über Vibe Coding und andere bewusstseinserweiternde KI-Anwendungen erfahren?
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Danach weißt Du, wo KI im Pharmamarketing wirkt.
Bildquelle: Road Ahead, Unsplash