Mit der Diagnose kommt der Schock – und die Suizidgedanken. Warum bei einer umfassenden Krebstherapie die Psychoonkologie niemals zu kurz kommen darf.
Der Autor ist der Redaktion bekannt, möchte aber anonym bleiben.
Eigentlich war es nur ein kleiner juckender Fleck am Unterarm, doch plötzlich spricht der Dermatologe von einem metastasierten Melanom. Ganz klar: Die erstmalige Diagnose einer vielleicht schon fortgeschrittenen schweren Krebserkrankung ist eine persönliche Katastrophe und geht nicht nur mit offensichtlichen physischen, sondern auch psychischen Folgen einher.
Ob in der Folge bei Betroffenen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes Risiko für Suizide und Suizidversuche bestehen könnte, haben Erstautor Erik Christiansen und sein Forschungsteam im Rahmen einer nationalen Registerstudie analysiert. Dabei legten sie ihren Fokus vor allem auf die Identifikation von Assoziationen spezifischer Muster von Suizidalität mit dem Erhalten einer Krebsdiagnose.
Ausgangspunkt der Untersuchung bildete das dänische Datenregister für den Zeitraum zwischen 2012 und 2021. Das Forschungsteam griff dann auf die Datensätze von Patienten mit erstmaliger Krebsdiagnose zurück und sammelte sämtliche Informationen zu Todesursachen und soziodemografischen Merkmalen. Schließlich berechneten Christiansen und sein Team die absoluten und relativen Risiken und verglichen die Ergebnisse mit entsprechenden Zahlen einer nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollkohorte aus gesunden Erwachsenen.
Bei der finalen Analyse konnten über 300.800 Krebsfälle berücksichtigt werden. Bezüglich der Häufigkeit von Suiziden und Suizidversuchen zeigte sich ein Höhepunkt der Fälle insbesondere im ersten Quartal nach der Krebsdiagnose. Nachdem dieses erhöhte Risiko im direkten Vergleich mit gesunden Erwachsenen ohne Krebsdiagnose über etwa 2 Jahre fortbestand, konnte die Forschungsgruppe ab dem 3. Jahr eine abnehmende, aber im Vergleich zur Kontrollkohorte immer noch erhöhte Tendenz feststellen.
Auf der Suche nach zusätzlichen Risikofaktoren neben der Diagnose selbst berücksichtigte die Arbeitsgruppe weitere Aspekte wie Alter, Geschlecht und Art der Krebserkrankung. Dabei zeigten insbesondere Männer im höheren Lebensalter die höchsten Suizidraten, während suizidales Verhalten allgemein oder konkrete Suizidversuche ohne erfolgreichen Abschluss bei jüngeren Patienten im Vergleich zu älteren häufiger vorkamen.
Die Forscher konnten folglich deutliche Assoziationen zwischen Krebs und Suizidalität belegen. Da diese Zusammenhänge insbesondere während der ersten 2 Jahre nach der Diagnose am stärksten ausfielen, sollte dieser Zeitraum als kritische Interventionsphase betrachtet werden.
Die Autoren empfehlen daher eine erhöhte Sensibilität in Hinblick auf die Suizidalität von Krebspatienten und betonen in ihrem Diskussionsteil ferner die große Bedeutung einer interdisziplinären Betreuung einschließlich der Integration von Fachkräften aus dem Bereich der Psychoonkologie. Auch wenn bei Fachärzten der Fokus natürlich zunächst auf einer leitliniengerechten Diagnostik und Therapie liegt, sollte auch der psychologische Aspekt einer lebensverändernden Krebsdiagnose im klinischen Alltag nicht außer Acht gelassen werden.
Bildquelle: Midjourney