Wenn Wirbelkörper einsintern, wird aus Alltagsbelastung schnell ein klinisches Problem. Doch viele osteoporotische Frakturen bleiben lange unerkannt – dabei beeinflussen sie Mobilität, Therapieentscheidungen und Prognose erheblich.
In Deutschland sind etwa 6 % der Erwachsenen von Osteoporose betroffen, so dass man von einer Volkskrankheit sprechen kann. Spätestens ab dem 40. Lebensjahr verändert sich der Knochenstoffwechsel, und die Knochenmasse vermindert sich jährlich um etwa 1 %. Die Knochenstruktur mit Knochenbälkchen und Trabekelsystem wird zunehmend zerstört, sodass das Risiko von Frakturen mit zunehmendem Alter deutlich steigt. In der 6. Lebensdekade sind 15 % der Frauen und 2,4 % der Männer betroffen, bei den über 70-Jährigen bereits fast jede zweite Frau (45 %) und fast jeder 6. Mann (17 %).
Ursachen sind neben einem normalen Alterungsprozess hormonelle Veränderungen (besonders ein Abfall des Östrogenspiegels in den Wechseljahren), Genussmittel wie Nikotin, Alkohol, Kaffee und Cola, Untergewicht, Bewegungsmangel, Vitamin-D-Mangel und Nebenwirkungen von Medikamenten wie Kortison, Heparin, Antiepileptika, Antidepressiva, Protonenpumpenhemmer sowie Aromatasehemmer oder Antiandrogene, wie sie zur Hormonentzugstherapie bei Prostata- und Mamma-Ca eingesetzt werden.
In Deutschland leiden etwa 1,7 Millionen Frauen und 800.000 Männer unter osteoporotischen Wirbelkörpersinterungen. Jährlich kommen bei den 50 bis 79-Jährigen ca. 74.000 neue Wirbelfrakturen hinzu. Eine frühzeitige Diagnose ist für die Behandlung entscheidend, da sie oft mit chronischen Rückenschmerzen verwechselt werden. Anhand bildgebender Verfahren wie Röntgen, CT und MRT werden Wirbelkörperfrakturen unterschiedlich eingeteilt. Die älteste Einstufung stammt vom amerikanischen Radiologen Harry K. Genant aus dem Jahr 1993 – und trägt bis heute seinen Nachnamen.
Seine morphologische Genant-Klassifikation basiert auf der Wirbelform auf seitlichen Röntgenaufnahmen der BWS oder LWS in Bezug auf den Höhenverlust des Wirbelkörpers: Als Grad 1 wird eine leichte Deformität mit unter 25 % Höhenverlust bezeichnet, Grad 2 ist eine mittelschwere Fraktur mit 25–40 % Höhenverlust und Grad 3 eine schwere Fraktur mit mehr als 40 % Höhenverlust. Diese Einteilung erlaubt keine Aussage zur Instabilität der Brüche. Klassifikationen nach AO-Magerl oder AO Spine berücksichtigen nicht die Besonderheiten osteoporotischer Frakturen und konnten sich nicht flächendeckend durchsetzen. Laut aktueller S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU) wird in Deutschland eine eigens entwickelte Klassifikation angewandt.
Die Einteilung osteoporotischer Frakturen erfolgt in fünf Untergruppen OF 1 bis OF 5. Empfohlen werden CT- oder MRT-Aufnahmen bei jeder im konventionellen Röntgenbild erkennbaren Veränderung der Wirbelform.
Die Behandlung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen hängt von verschiedenen klinischen und radiologischen Faktoren ab, vor allem vom Schmerzniveau und dem Mobilitätsgrad der Patienten. Bei neurologischen Defiziten durch den Bruch besteht eine primäre Indikation für eine operative Behandlung, die aber nur etwa 2,5 % aller Fälle ausmacht. Ziele aller Maßnahmen sind Erhalt oder Wiederherstellung der Stabilität der Wirbelsäule und einer schmerzfreien Mobilität der Patienten. Nach osteoporotischen Wirbelbrüchen soll zeitnah eine osteologische Abklärung und Beginn einer antiosteoporotischen Therapie erfolgen. Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose einer osteoporotischen Fraktur haben bis zu 80 % der betroffenen Patienten noch keine Osteodensitometrie oder spezifische Therapie erhalten.
Können die Ziele nicht durch eine konservative Behandlung erreicht werden, kommen operative Maßnahmen auf Grundlage des OF-Scores infrage. „Isolierte Zementaugmentationsverfahren eignen sich vor allem zur Schmerzreduktion bei primär stabilen osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen mit erhaltener Rahmenstruktur und weitgehend intakter Hinterkante“, so die Aussage der Leitlinie. Gängige Augmentationsverfahren sind Vertebroplastie, Kyphoplastie und die Stent-Kyphoplastie. Bei der Vertebroplastie wird Knochenzement über im Pedikel gelegene Arbeitskanülen in den Wirbelkörper appliziert. Bei der Kyphoplastie wird der Wirbelkörper vor einer Auffüllung mit Knochenzement mit einem aufblasbaren Ballon aufgerichtet.
Dieses Verfahren hat gute analgetische und mobilisierende Effekte bei einem Frakturalter von zwei bis vier Wochen. Die Stent-Kyphoplastie ist eine Weiterentwicklung der Ballon-Kyphoplastie, bei der vor der Zementauffüllung in den Wirbelkörper expandierbare Implantate oder Stents eingebracht werden. Sie sollen die sekundäre Verminderung der Wirbelhöhe vermeiden. Die Komplikationsraten dieser Verfahren sind in Bezug auf Wundinfektionen, Revisionsoperationen, Herzinfarkte etc. mit unter 5 % gering. Allerdings ist eine Zementleckage mit fast 55 % bei der Vertebroplastie und fast 20 % bei der Kyphoplastie eine häufige Komplikation. Um den Zementaustritt zu verhindern, wurde das Verfahren einer Vesselplastie entwickelt. Dabei wird das ballonartige Implantat in den Wirbelkörper eingebracht und innerhalb dieses geschlossenen Systems mit Knochenzement aufgefüllt.
Üblicher Knochenzement ist nicht resorbierbar. Eine neue Entwicklung ist ein Bio-Zement, der Wirbelkörperfrakturen primär stabilisiert und nach einigen Monaten vom Körper resorbiert wird. Er wird eher bei jungen Patienten verwendet und hat eine sehr geringe Komplikationsrate. Weitere Materialien werden entwickelt, so z. B. silikonbasiertes Füllmaterial, das mit seiner Elastizität dem natürlichen Knochen mehr ähnelt als Knochenzement. Dieses Verfahren wird als Elastoplastie bezeichnet, zu dem es allerdings noch keine Langzeitstudien gibt.
Wirbelkörperfrakturen führen zu einer Abnahme der Vitalkapazität der Lunge und zu Bewegungseinschränkungen. Folge ist eine deutlich erhöhte Mortalität mit einer 5-Jahres-Sterblichkeitsrate von über 70 %, die höher ist als nach Hüftfrakturen (59 %). Wiedl et al. haben 2025 in einer Metaanalyse die Mortalität nach Vertebro- und Kyphoplastie bzw. konservativer Behandlung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen untersucht und statistisch keinen signifikanten Effekt der Zementaugmentation auf das Überleben erkennen können. „Als Therapieoption zur Symptomreduktion und Stabilisierung hat sie dennoch einen relevanten Stellenwert, eine Mortalitätsreduktion sollte jedoch nach aktuellem Kenntnisstand betroffenen Patientinnen und Patienten nicht explizit in Aussicht gestellt werden.“
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V.: Diagnostik und Therapie osteoporotischer thorakolumbaler Wirbelfrakturen. Version 1.0 vom 04.02.2025.
Spiegl et al.: Osteoporotische Frakturen der Brust- und Lendenwirbelkörper: Diagnostik und konservative Therapie. Ein systematisches Review. Dtsch Arztebl Int 2021. doi: 10.3238/arztebl.m2021.0295
Vaccaro et al.: AOSpine Thoracolumbar Spine Injury Classification System: Fracture Description, Neurological Status, and Key Modifiers. Spine, 2013. doi: 10.1097/BRS.0b013e3182a8a381
Wiedl et al.: Mortalität nach osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen: Zementaugmentation versus konservative Behandlung. Eine systematische Übersicht und Metaanalyse. Dtsch Arztebl Int, 2025. doi: 10.3238/arztebl.m2025.0134
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