KOMMENTAR | Die GKVen malen sich die Zahlen schön – ihre Verwaltungskosten belaufen sich angeblich auf nur vier Prozent. Wie teuer Bürokratie im Gesundheitswesen wirklich ist, wird damit gekonnt vertuscht.
Wenn Krankenkassen, Gesundheitsökonomen oder Bundespolitiker die Effizienz der gesetzlichen Krankenversicherung hervorheben, fällt fast reflexartig dieselbe Zahl: Die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen lägen bei nur 4 %. Formal betrachtet stimmt diese Zahl. Sie ist aber vor allem eines: ein statistischer Taschenspielertrick. Gezählt wird nur die Bürokratie der Krankenkassen selbst – nicht aber der gigantische Verwaltungsaufwand, den Ärzte, Pflegekräfte und Kliniken täglich stemmen müssen. Rechnet man diese indirekten Bürokratiekosten mit ein, wächst der viel zitierte Anteil schnell zu einem deutlich größeren Kostenblock an – möglicherweise auf 10 % oder mehr.
Zur Einordnung: Die oft zitierte Zahl basiert auf Finanzdaten der gesetzlichen Krankenversicherung. Nach Angaben des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) lagen die Verwaltungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen in 2024 bei rund 12,6 Milliarden Euro. Die Gesamtausgaben der GKV beliefen sich im selben Zeitraum auf etwa 327,4 Milliarden Euro.
Das Problem beginnt schon bei der Definition. Denn diese Quote beschreibt lediglich die direkten Verwaltungsausgaben der Krankenkassen selbst – also Geschäftsstellen, Personal, IT, Kundenservice oder interne Bearbeitungsvorgänge. Ärzteverbände, Krankenhausgesellschaften und Gesundheitsökonomen kritisieren jedoch seit Jahren, dass erhebliche Bürokratielasten in anderen Bereichen entstehen.
Hinzu kommen beispielsweise die Verwaltungskosten der Kassenärztlichen Vereinigungen. Exakte bundesweite Gesamtsummen werden nicht veröffentlicht, doch eine Abschätzung ist möglich. Kassenärztliche Vereinigungen finanzieren sich überwiegend über prozentuale Abzüge von den Honoraren ihrer Mitglieder. Diese Umlagen bewegen sich – je nach KV – meist zwischen etwa 2,5 und 4 %. Bei vorsichtigerer Kalkulation mit 50 Milliarden Euro Honorarvolumen und nur 2,5 % Umlage läge der Wert bei 1,25 Mrd. €.
Auch der Medizinische Dienst verursacht erhebliche Kosten: Nach den veröffentlichten Zahlen des Medizinischen Dienstes Bund entspricht sein Finanzbedarf rund 0,2 % der Leistungsausgaben der Krankenkassen (327 Mrd. €). Bezogen auf die aktuellen GKV-Zahlen ergibt sich daraus ein Betrag von ca. 0,6 Mrd. € jährlich.
Bürokratie bindet nicht nur Geld, sondern auch Arbeitszeit. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung spricht inzwischen von durchschnittlich 61 Arbeitstagen pro Jahr, die Arztpraxen allein für Bürokratie aufwenden müssen. Gemeint sind Formulare, Prüfungen, Nachweise, Dokumentationen, Genehmigungen oder Abrechnungsprozesse.
* Einschränkung: Die Zahl umfasst nicht ausschließlich „unnötige Bürokratie“. Ein Teil der Dokumentation ist medizinisch, rechtlich oder organisatorisch notwendig.
Besonders dramatisch ist die Lage auch in Krankenhäusern. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) verbringen Ärzte und Pflegekräfte im Schnitt rund 3 Stunden täglich mit Dokumentation und Verwaltung statt mit Patientenversorgung. Die DKG rechnet vor, dass bereits eine einzige eingesparte Bürokratiestunde rechnerisch dem Arbeitsvolumen von mehr als 68.000 Vollzeitkräften entsprechen würde.
Legt man konservative Personalkosten zugrunde, entstehen allein durch diese Dokumentationslast jährliche Kosten von deutlich über zehn Milliarden Euro. Dabei geht es nicht nur um klassische Verwaltung, sondern auch um Qualitätsberichte, Abrechnungsnachweise, Datenschutzpflichten, Kodierungsvorgaben, Prüfverfahren und regulatorische Dokumentation.
Rechnet man Zusatzkosten aus Praxen, KVen, Medizinischem Dienst und den massiven Dokumentations- und Verwaltungsaufwand der Krankenhäuser mit ein, landet man schnell im Bereich von konservativ 9 %. Mit weiteren Systemkosten, etwa Pharma-, Hilfsmittel-, Pflege- und Digitalnachweispflichten, landet man schnell bei 10 % oder mehr.
Summe ≈ 31 Mrd. €
31 Mrd. € / 327,4 Mrd. € x 100 ≈ 9,5 %
Die viel beschworenen 4 % Verwaltungskosten zeigen nicht, wie wenig Bürokratie das Gesundheitssystem tatsächlich hat. Stattdessen verdeutlichen sie, wie eng die offizielle Definition gewählt wurde. Denn während Krankenkassen nur ihren eigenen Verwaltungsapparat bilanzieren, wächst der bürokratische Aufwand seit Jahren an anderer Stelle immer weiter: in Arztpraxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Da muss sich dringend etwas ändern!
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