Der klassische Phänotyp des Morbus Fabry ist eine komplexe Systemerkrankung, die aufgrund des X-chromosomalen Erbgangs bei männlichen Mutationsträgern in der Regel schwerer ausgeprägt ist als bei weiblichen. Betroffene Jungen entwickeln oft schon vor dem Erreichen des Erwachsenenalters Anzeichen der Erkrankung, etwa in Form von kutanen (Angiokeratome), gastrointestinalen (z. B. abdominelle Schmerzen) und/oder neurologischen Symptomen (z. B. Akroparästhesien)1. Bei heterozygoten Frauen mit einem intakten und einem defekten X-Chromosom zeigt der Morbus Fabry sehr variable Verlaufsformen, die von asymptomatischen bis hin zu schweren Verläufen reichen1.
Wenn bei einem Patienten oder einer Patientin der Verdacht auf Morbus Fabry besteht, kann die Familienanamnese wegweisende Hinweise für die Diagnose liefern – z. B. im Hinblick auf Nierenerkrankungen unklarer Genese, frühe Schlaganfälle und Herzinfarkte oder andere Herzerkrankungen (z. B. linksventrikuläre Hypertrophie), die möglicherweise bereits in der Familie aufgetreten sind.
Stellenwert der Stammbaumanalyse und der genetischen Testung
Eine genetische Testung der blutsverwandten Familienangehörigen von Menschen mit nachgewiesener Morbus-Fabry-Erkrankung ist wichtig, da auf diesem Weg andere Mutationsträger*innen frühzeitig identifiziert und behandelt werden können. Die Voraussetzung dafür ist eine genetische Beratung und das Einverständnis der zu testenden Person. Erfahrungsgemäß gehen Menschen, bei denen der Verdacht auf eine mitunter lebensbedrohliche Erkrankung besteht, sehr unterschiedlich mit dieser Nachricht um. Während sich manche offen für eine genetische Testung zeigen, möchten andere davon nichts wissen und verschließen sich davor.
Eine Stammbaumanalyse kann im Rahmen der ärztlichen Aufklärung zu dem Verständnis beitragen, warum eine familiäre Testung sinnvoll ist. Ein motivierender Faktor kann hier auch die Botschaft sein, dass sich der Krankheitsverlauf mit einem frühen Therapiebeginn positiv beeinflussen lässt. Abbildung 1 zeigt eine Stammbaumanalyse, die anhand einer fiktiven Familie verdeutlicht, welchen Angehörigen ein Gentest auf Morbus Fabry angeboten werden sollte. Während die Töchter von Vätern mit einem mutierten X-Chromosom automatisch betroffen sind (zumindest als Konduktorinnen), kann die Erkrankung bei den Söhnen ausgeschlossen werden. Dagegen können alle Kinder von Müttern mit einem mutierten X-Chromosom potenziell betroffen sein (50 % Wahrscheinlichkeit).
Die Diagnose sollte auch bei Jungen und Männern mit einer bereits nachgewiesenen reduzierten Aktivität der α-Galactosidase A im Blut (serologische Morbus-Fabry-Diagnostik) humangenetisch gesichert werden, da das Ergebnis des Gentests u. a. die Wahl der Therapiestrategie beeinflussen kann.
Abbildung 1: Exemplarische Stammbaumanalyse bei Familien mit Morbus Fabry (X-chromosomaler Erbgang)
Gut zu wissen: Nach dem Gendiagnostikgesetz können alle approbierten Ärzt*innen unter Berücksichtigung der jeweiligen Fachgebietsgrenzen genetische Untersuchungen zu diagnostischen Zwecken veranlassen. Prädiktive genetische Untersuchungen bei asymptomatischen Personen dürfen dagegen nur bestimmte spezialisierte Facharztgruppen durchführen, z. B. Fachärzt*innen für Humangenetik.Im folgenden Video spricht Dr. Christina Lampe, Oberärztin am Zentrum für seltene Erkrankungen des Uniklinikums Gießen, über den Nutzen der genetischen Diagnostik bei Morbus Fabry:
1. Germain DP et al. Molecular Genetics and Metabolism 2022; 137: 49–61.