Herr Vogel ist in Regression. Heute will er mehr als nur eine Packung Kugelschreiber – er will Aufmerksamkeit. Warum auch scheinbar sinnfreie Gespräche Balsam für eine zerrüttete Seele sein können.
Er sitzt jammernd in meinem Büro: „Frau Pisch, ich brauch noch einen Kugelschreibaaaaa!“ Herr Vogel hat gerade eine regressive Phase und benimmt sich wie ein Fünfjähriger auf Amphetamin. Mit über 100 Kilo. Und einem tätowierten Gesicht. „Was ist denn mit dem passiert, den ich Ihnen letzte Woche mitgegeben habe? Und die Woche davor? Sammeln Sie die?“
„Alle leer geschrieben. Und die Minen ausgetrocknet. Ich brauch dringend. Kann ich? Zwei wären besser. Oder vier. Jetzt geben Sie mir halt…“ Ich habe bei einem populären chinesischem Billiganbieter einen Hunderterpack Kugelschreiber mit verschiedenen Sprüchen darauf besorgt. Herr Vogel ist völlig heiß darauf.
„Aber ich will „Ju a mäising“ Ok?! JU! A! MÄISING! Wichtig.“ Herr Vogel hebt den Zeigefinger, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. „You are amazing“, verbessere ich, „ich schau mal, was ich noch hab.“ – „Määäiiiising, mäiiiising“, singt Herr Vogel vor sich hin, „was heißt das eigentlich? Ich bin unsichtbar?“ Ich schmunzle. Momentan ist er echt gut zu haben. Und solche Momente sind wertvoll. Unser Dialog wirkt wie sinnentleerter Smalltalk, für den man kein Studium braucht. Tatsächlich aber ist ein solcher Kontakt Futter für Herrn Vogels ausgebrannte, kaputte Seele. Man kann an einer Hand abzählen, wie viel konsensuelle Dialoge dieser Mann in den letzten Jahren geführt hat.
Kommunikation mit Herrn Vogel sieht normalerweise aus wie folgt:
Möglichkeit A: Herr Vogel fordert Aufmerksamkeit meist durch lautstarkes Schreien oder Werfen von Gegenständen ein. Der Gesprächspartner weist ihn zurecht, ist genervt oder eingeschüchtert. Herr Vogel spricht ohne Atempause mit zunehmender Geschwindigkeit und Lautstärke. Einer von beiden wird aggressiv. Der Gesprächspartner geht, Herr Vogel rennt hinterher.
Möglichkeit B:Herr Vogel schreit oder singt unzusammenhängende Sätze oder Worte in unerträglicher Lautstärke und Geschwindigkeit. Der Gesprächspartner geht.
Und nicht selten ist am Ende von einer der beiden Seiten körperliche Gewalt im Spiel.
Heute ist es anders. Fast schon harmonisch. Ich fühle mich wie eine 15-Jährige beim Babysitten. Die Kommunikation ist zwar nicht auf meinem geistigen Niveau, aber man freut sich, wenn bis zum Schluss nichts eskaliert – und schließlich wird man ja bezahlt.
„Amazing bedeutet einzigartig. Da steht, dass Sie einzigartig sind“, erkläre ich, während ich in meiner Schublade nach dem passenden Stift krame. Frederick, der Beamte, der zu meiner Sicherheit mit am Tisch sitzt, lehnt schmunzelnd in seinem Stuhl.
„Aaahaaameeeiiiisihihing Greeeeeeiiisss…“, schmettert Herr Vogel in den schrägsten, aber lautesten Tönen den alten Kirchenklassiker (Amazing Grace). „Ha-haaaaa la-laaaa…“ Er ist nicht besonders textsicher. „Schönes altes Kirchenlied“, versuche ich ein Kompliment zu finden, das nicht dreist gelogen ist, „waren Sie mal wieder im Gottesdienst?“
„Isaac Newton hat das geschrieben. Das ist der Typ von der Glühbirne.“ Ich runzle skeptisch die Stirn. „DOOOOOCH!!! Schaun Sie nach! Losschaunsienach! Schaun Sie NAAAHAAACH!“ Ich drehe mich augenrollend auf meinem Bürostuhl Richtung Bildschirm und auch ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Ich google. „John Newton. Nicht Isaac.“ Immerhin. „Ein ehemaliger Sklavenhändler.“ Es raschelt im Hintergrund. „Der Text ist ein autobiografisches Zeugnis seiner Bekehrung: Der ehemalige Sklavenhändler…“ Das Rascheln wird lauter. „…dankt Gott für Rettung aus Lebensgefahr und Vergebung seiner Sünden...“ Raschel-raschel. „…Es feiert die Gnade, die verlorene… Herr Vogel, was MACHEN Sie da?!“ Ich fahre herum und erwische ihn dabei, wie er meine Tempobox leer räumt. Er starrt mich ertappt an, einen Knödel Taschentücher in jeder Hand. „Ich brauch ein Taschentuuuuch“, jammert er trotzig. Ich atme hörbar aus. „Sie sind wie ein Sack Flöhe“, rutscht es aus meinem Mund, während ich mich zurück zum Bildschirm drehe, um die Sklavengeschichte zu Ende zu bringen. Raschel-raschel-raschel – „Ups.“ Ich fahre herum. Frederick hat die Geduld verloren. Seine Hand fixiert die von Herrn Vogel auf der Tempobox. Frederick starrt ihm ungeduldig in die Augen „Reicht jetzt, Paul.“ – „‘keeeeyyy…“ Herr Vogel stopft die Beute in seine Hosentaschen.
Ich lenke ab und widme mich wieder meinem Stiftvorrat „You rock? Wie wär es damit?“ – „WILL WILL WILL WILL RACK JU!!!“ Hätt‘ ich wissen müssen. „ALSO gut. Sie kriegen You rock“, schreie ich in die musikalisch fragwürdige Vorführung. „Und Mäising!!!“ – „Einer reicht.“ – „Wie lang haben wir noch?“ – „Fünf Minuten. Gibt es noch was, was Sie mit mir besprechen wollen?“ – „Ganz viel, aber dazu reicht die Zeit heute nicht. Ich male Ihnen noch was.“ Damit ist die Regression perfekt. Ich reiche Papier und Buntstifte und Herr Vogel malt mir einen Schriftzug: „Friends-4-ever“. „Oooh“ entfährt es Frederick, halb gerührt, halb belustigt.
Als ich Herrn Vogel endlich verabschiedet habe, bin ich trotz allem erschöpft. Es war ein gutes Gespräch. Inhaltsleer, aber wichtig für seinen Gefühlshaushalt. Herr Vogel hat aufgetankt. Nicht nur materiell. Zwei Kugelschreiber, 200 Gramm Taschentücher und die Buntstifte hat er mitgehen lassen. Als mein Blick über den Schreibtisch schweift, fällt mir auf, dass er außerdem den Stapel Postkarten eingesteckt hat, aus denen sich die Gefangenen einzelne Exemplare nehmen dürfen, um sie an ihre Familien zu schicken.
Diese Hamsterei hat nicht ausschließlich einen dissozialen Hintergrund. Herr Vogel möchte etwas haben von seinen Mitmenschen. Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebe. Selten bekommt er das freiwillig. Anstatt an dem Grund des Übels – seinem Verhalten – zu arbeiten, nimmt er sich, was er möchte. Und wenn er sich nicht nehmen kann, was er möchte, nimmt er sich irgendetwas – und wenn es Taschentücher sind. Nur nicht mit leeren Händen aus der Situation rausgehen. So ist er programmiert. Die Chance, dieses Fahrwasser je zu durchbrechen, gehen gegen null. Tage wie heute sind ohnehin nichts als Schadensbegrenzung in dem völlig apokalyptischen System seines Großhirns. Ein zufällig und vorübergehend geordneter Zustand seiner Synapsen. Besser als heute wird es nicht. Und wahrscheinlich ist es auch morgen schon wieder vorbei.
Bildquelle: Jess Zoerb, Unsplash