Kreisrunder Haarausfall ist medizinisch oft gut einzuordnen – für Betroffene aber psychisch belastend. Die aktuelle S3-Leitlinie lichtet den Behandlungs-Dschungel.
Die unter Federführung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) erstellte S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Alopecia areata bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ zielt darauf ab, die bisher sehr heterogene und für die betroffenen Patienten nicht zufriedenstellende Versorgung zu verbessern. Sie konzentriert sich auf diagnostisch relevante Untersuchungen sowie auf therapeutische Empfehlungen zu topischen und systemischen Wirkstoffen.
Alopecia areata betrifft in Deutschland etwa 170.000 Menschen; die jährliche Neuerkrankungsrate beträgt etwa 70.000 Personen. Die Erkrankung ist chronisch und immunvermittelt, mit klinisch sehr variablen Verläufen von kleinen haarlosen Arealen bis zum vollständigen Verlust von Kopf- und Körperhaaren. Zur Ursache heißt es: „In einigen wenigen Geweben und Organen im menschlichen Körper wie zum Beispiel dem Haarfollikel, ist zum Selbstschutz die Immunantwort herabgesetzt. Es ist also ein Privileg, dass das Immunsystem hier vermindert wirkt“, erklärt Professor Ulrike Blume-Peytavi, Koordinatorin der S3‑Leitlinie. Beim Zusammenbruch dieses „Haarfollikel-Immunprivilegs“ komme es zu krankhaften Veränderungen des Haarwachstums.
Historisch standen zur Behandlung topische Steroide, orale Immunsuppressiva und topische Sensibilisierungstherapien im Vordergrund. Neue Therapieansätze basieren auf dem Einsatz von JAK‑Inhibitoren, die in das Immunsystem eingreifen. Zur Zielsetzung der Leitlinie sagt Blume‑Peytavi: „Durch die evidenzbasierten und eindeutig formulierten Empfehlungen für oder gegen eine bestimmte Therapieoption gibt die Leitlinie den Behandelnden eine gute Orientierung“. Ein weiteres Anliegen ist, „die Rate an Patientinnen und Patienten mit einer nicht-indizierten oder nicht adäquaten systemischen, immunsuppressiven Therapie und somit auch die durch die Behandlung unerwünschten Nebenwirkungen zu verringern.“
Hier bei kommt es auch darauf an, die bisherige Therapie zu hinterfragen, da die Wirksamkeit einiger Wirkstoffe mittlerweile angezweifelt bzw. widerlegt wurde. Die Leitlinie benennt diese Wirkstoffe und bewertet außerdem Nahrungsergänzungsmittel. Zur Evidenzlage für Vitalstoffe heißt es: „Wir haben nur sehr schwache Hinweise auf unterstützende Vitalstoffe (Vitamin C, Eisen und Zink) gefunden. Es gibt keine identifizierte Evidenz und daher keine Empfehlung für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Behandlung der Alopecia areata“, so Blume‑Peytavi, „Vitamin A, Vitamin D, Biotin, Niacin, Selen, Curcumin und Capsaicin zeigen keine positive Wirkung.“
Die Leitlinie legt besonderen Wert auf psychosoziale Aspekte. Die Autoren betonen die Pflicht der Behandelnden, Betroffene „von Behandlungsbeginn an neben den klaren diagnostischen und therapeutischen Empfehlungen […] über psychologische Unterstützungsmöglichkeiten, Selbsthilfegruppen und kosmetische Angebote zu informieren.“ Begründet wird dies mit der deutlichen psychosozialen Belastung: Die Krankheit sei in jedem Alter eine Herausforderung, wobei Kinder und Jugendliche besonders anfällig für psychische Belastung sowie Mobbing und soziale Isolation durch Gleichaltrige seien. In der Leitlinie sind daher psychosoziale und kosmetische Angebote in einer tabellarischen Übersicht zusammengefasst.
Professor Silke Hofmann, Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), spricht sich außerdem für die Nutzung der zugehörigen Patientenleitlinie aus: „Patientenorientierung ist mittlerweile eine in der Medizin fest verankerte Größe. Die neue Leitlinie zur Alopecia areata zeigt sehr schön, wie bereichernd es ist, diese Perspektive einzubeziehen. Das nützt nicht nur den Patientinnen und Patienten, sondern auch den Behandelnden.“ Die Patientenleitlinie wird als konsequente Fortführung dieses Ansatzes beschrieben, um gemeinsame Entscheidungsprozesse (shared decision making) zu ermöglichen.
Doch auch in der Leitlinie wird festgestellt, dass es derzeit keinen kausalen Heilansatz gibt. Symptomatische Therapien führen bei einem Teil der Patienten zu teilweiser oder vollständiger Wiederbehaarung, häufig fällt das Haar aber nach Therapiebeendigung erneut aus. „Watch and Wait“ wird als mögliche Option in den ersten sechs Monaten genannt, da spontanes Nachwachsen vor allem bei mildem umschriebenen Verlauf möglich sei, allerdings nur bei „einem sehr kleinen Anteil von Patienten.“ Die Leitlinie empfiehlt, Nutzen und Risiko insbesondere bei Kindern und Jugendlichen abzuwägen und kosmetische Hilfen (Perücke, vorgewickelte Tücher etc.) als unterstützende Maßnahmen zu diskutieren.
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