Ernährung kann ein Schutzfaktor sein. Doch gilt das auch für Patienten, die bereits schwere kardiovaskuläre Ereignisse hatten? In welchem Verhältnis Durchhaltevermögen und Diätform stehen.
Die Ernährung gewinnt in der Kardiologie seit Jahren an Bedeutung als präventive Maßnahme. Zwar gehören Medikamente wie Statine oder Antihypertensiva zum Standard der Sekundärprävention, doch internationale Leitlinien sehen in einem dauerhaft gesunden Lebensstil eine wichtige Säule, um das Risiko weiterer kardiovaskulärer Ereignisse zu verringern. Wie groß der Einfluss der Ernährung tatsächlich sein kann, zeigt eine neue Auswertung der bekannten CORDIOPREV-Studie (CORonary Diet Intervention with Olive oil and cardiovascular PREVention) – mit eindrucksvollen Ergebnissen.
An der Untersuchung nahmen 1.002 Patienten mit bestehender koronarer Herzkrankheit teil. Sie hatten bereits ein schweres kardiovaskuläres Ereignis (Major Adverse Cardiovascular Event, MACE) hinter sich – etwa einen Herzinfarkt, eine instabile Angina pectoris oder eine hochriskante ischämische Herzerkrankung. Die Studie untersuchte die Sekundärprävention, also die Vermeidung weiterer MACE. Genau das macht sie spannend.
Alle Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip entweder einer klassischen mediterranen Diät oder einer fettarmen, kohlenhydratreichen Ernährung zugeteilt. Beide Gruppen erhielten bewusst herzgesunde Ernährungsformen. Anschließend begleiteten Wissenschaftler die Teilnehmer über sieben Jahre hinweg. Regelmäßige Ernährungsberatungen, Telefonkontakte und Gruppenschulungen sollten helfen, die jeweilige Ernährungsform dauerhaft einzuhalten. Dabei interessierte die Forscher nicht nur die Frage, welche Diät grundsätzlich bessere Outcomes liefert. Entscheidend war auch, wie stark die tatsächliche Therapietreue – also die konsequente Umsetzung im Alltag – das Risiko für neue Herz-Kreislauf-Ereignisse beeinflusst.
Die Ergebnisse zeigen eine auffallend klare Beziehung zwischen der Ernährungsdisziplin und der Gesundheit. In beiden Gruppen sank das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse mit zunehmender Diät-Treue kontinuierlich. Besonders deutlich fiel der Effekt bei der Mittelmeerdiät aus. Teilnehmer mit sehr niedriger Adhärenz hatten innerhalb von sieben Jahren eine Ereignisrate von mehr als 44 Prozent. Wer die Ernährung dagegen besonders konsequent umgesetzt hatte, kam auf rund elf Prozent.
Auch in der Gruppe mit fettarmer Ernährung zeigte sich dieser Trend. Patienten mit geringer Therapietreue erlitten deutlich häufiger Herzinfarkte, Schlaganfälle oder andere schwere Komplikationen als Teilnehmer mit hoher Adhärenz. Während die Ereignisrate bei geringer Therapietreue noch bei rund 36 Prozent lag, sank sie in der Gruppe mit den besten Adhärenzwerten auf lediglich neun Prozent.
Die Forscher sprechen von einem quasi „dosisabhängigen Effekt“. Das bedeutet: Jeder zusätzliche Schritt hin zu einer konsequenteren Ernährung brachte messbare Vorteile. Die Risikokurven entwickelten sich dabei nahezu linear – je besser die Einhaltung der Diät, desto stärker der Schutz vor Folgeerkrankungen. Sobald Patienten mit sehr schlechter Ernährungsadhärenz aus der Analyse herausgerechnet wurden, zeigte die Mittelmeerdiät einen signifikanten Vorteil gegenüber der fettarmen Kost. Das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse lag dann etwa 30 Prozent niedriger.
Die Arbeit schließt eine wissenschaftliche Lücke. Zwar existieren zahlreiche Beobachtungsstudien zur Mittelmeerdiät, doch belastbare Langzeitdaten aus kontrollierten klinischen Studien in der Sekundärprävention sind selten. Besonders bemerkenswert ist die lange Beobachtungszeit von sieben Jahren. In vielen früheren Studien wurden Ernährungsgewohnheiten lediglich bei der Rekrutierung der Probanden abgefragt. Die spanischen Forscher erfassten jedoch regelmäßig die tatsächliche Umsetzung der Vorgaben über den gesamten Studienzeitraum hinweg. Dadurch konnten auch Veränderungen im Alltag berücksichtigt werden. Ernährung sei eben keine einmalige Intervention, sondern ein dauerhaftes Verhalten, das sich im Laufe der Jahre verändern könne, heißt es in der Veröffentlichung. Wer nur kurzfristig gesund esse, profitiere möglicherweise deutlich weniger als Menschen mit dauerhaft stabilen Gewohnheiten.
Dennoch hat die Studie mehrere Limitationen: So wurde die Untersuchung in Spanien durchgeführt, wo die Mittelmeerdiät kulturell stark verankert und besonders leicht umzusetzen ist. Das könnte die Übertragbarkeit auf andere Länder einschränken. Zudem leben Teilnehmer mit hoher Ernährungsadhärenz vielleicht auch in anderen Bereichen gesundheitsbewusster. Sprich: Der beobachtete Effekt ist womöglich nicht nur auf die Ernährung zurückzuführen. Auch der direkte Vergleich zwischen Mittelmeerdiät und fettarmer Ernährung ist nur eingeschränkt möglich, da unterschiedliche Bewertungssysteme für die Adhärenz verwendet wurden. Schließlich war der Frauenanteil vergleichsweise gering. Geschlechtsspezifische Unterschiede konnten die Wissenschaftler kaum bewerten.
Fazit: Konsequenz wichtiger als kurzfristige Diäten
Trotz der Einschränkungen ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Nicht kurzfristige Diäten, sondern langfristige Ernährungsgewohnheiten entscheiden über den kardiovaskulären Nutzen bei Hochrisiko-Patienten. Die Autoren betonen deshalb, wie wichtig eine dauerhafte Begleitung der Patienten sei. Regelmäßige Beratung, Motivation und praktische Unterstützung könnten darüber entscheiden, ob Menschen Vorgaben zur Ernährung langfristig befolgen. Die entscheidende Erkenntnis lautet damit nicht nur, dass gesunde Ernährung hilft. Sondern vor allem: Sie hilft umso stärker, je konsequenter Menschen sie tatsächlich leben.
Delgado-Lista et al.: Incidence of major adverse cardiovascular events decreases with greater adherence to both Mediterranean and low-fat dietary patterns in secondary prevention patients: A randomized controlled trial. European Journal of Internal Medicine, 2026. doi: 10.1016/j.ejim.2026.106733
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