INTERVIEW | Der Referent eröffnet das Webinar als Zirkusdirektor. Was auf den ersten Blick überrascht, ist bei genauerem Hinsehen ein Lösungsversuch für ein strukturelles Problem: Ärztliche Fortbildung ist langweilig.
Wissenschaftlich korrekt, didaktisch solide — und trotzdem nach 20 Minuten weggeklickt. Wer kennt das nicht? CME-Formate kämpfen seit Jahren mit demselben Dilemma: Die Aufmerksamkeit fehlt, nicht der Inhalt. Kein persönliches Versagen. Ein Formatproblem.
Wir wollten es anders machen.
Der CME-Referent als SpurensucherIn unserer DocCheck CME Die Onko-Show führt ein KI-Avatar durch ein komplexes onkologisches Thema — Liquid Biopsy und ctDNA-Analyse. Nicht als stumme Folienpräsentation, sondern als inszenierte Spurensuche mit einer Stimme, die führt, erklärt und mitnimmt. Das Ziel ist simpel: Inhalte sollen bei Ärzten hängenbleiben.
Als Arzt und wissenschaftliche Leitung hat uns Harald Müller-Huesmann dabei begleitet und ist vom ersten Moment an mit vollem Einsatz dabei. Sein Avatar ist kein generisches KI-Gesicht. Er wurde auf Basis des echten Harald erstellt — dieselbe Stimme, derselbe Kleidungsstil, dasselbe Gesicht.
Das Format bricht bewusst mit dem, was in der CME-Welt als gesetzt gilt — war das für dich als wissenschaftliche Leitung sofort überzeugend, oder musstest du dich erst auf die Idee einlassen? Was hat dich letztlich dazu gebracht, mitzumachen?
„Als ich ursprünglich angesprochen wurde, wusste ich selbst noch nicht genau, was daraus werden würde. Aber je weiter wir im Prozess waren, desto mutiger fand ich das Konzept – vor allem, weil wir eben nicht den hundertsten digitalen KOL im Anzug bauen wollten, der Studiendaten steril nacherzählt.
Ich bin kein Universitätsprofessor, sondern ein Breitband-Onkologe aus der echten Versorgung: ambulant, stationär, Palliativmedizin, Social Media, Alltag. Ich vermittle Medizin gerne verständlich, nahbar und mit Dynamik. Und genau das hat dieser Avatar am Ende überraschend gut transportiert – auch wenn er das westfälische Dehnungs-e bei Huesmann nicht hinbekommt.“
Die naheliegende Kritik ist bekannt: Glaubwürdigkeit leidet, wenn der Referent zur Figur wird. Medizin braucht Vertrauen, Klarheit, Autorität. Aber die Gegenfrage ist unbequemer: Ist das klassische 45-Minuten-Frontalformat, das Ärztekammern seit Jahrzehnten anerkennen, wirklich der Goldstandard — oder nur Gewohnheit?
Was glaubst du, bringt dieses Format konkret — was kann es, was das klassische CME nicht kann?
„Es schafft emotionale Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit ist die Eintrittskarte für Lernen. Die klassische CME folgt oft dem Prinzip: möglichst viele Daten, möglichst viele Folien, möglichst wenig Irritation. Das Problem: Unser Gehirn funktioniert nicht wie eine Festplatte. Es erinnert sich an Geschichten, Spannungsmomente und Wiedererkennung. Wenn ein Avatar wie ein Detektiv durch ein Thema führt, entsteht ein roter Faden – und komplexe Inhalte bleiben besser hängen.
Das bedeutet nicht, dass jede Fortbildung zur Netflix-Serie werden muss. Aber ein bisschen Dramaturgie schadet der Medizin nicht. Nicht um Wissenschaft oberflächlicher zu machen, sondern um mehr Andockpunkte zu schaffen. Dazu kommt: Das Format senkt die Einstiegshürde. Jüngere Kolleginnen und Kollegen konsumieren Wissen heute kürzer, visueller, interaktiver. Wenn CME dort nicht mitzieht, verliert sie den Anschluss.“
Die Inszenierung ist das Sichtbare — aber KI-Avatare bringen noch einen anderen Vorteil mit, der die Fortbildungslandschaft grundlegend verändern kann. Kein Drehtag vor Ort, kein Streaming-Setup, keine aufwendige Terminkoordination zwischen Referenten, Kamera und Regie. Ein KI-Avatar lässt sich innerhalb von Tagen produzieren — was bedeutet, dass CME-Inhalte erstmals echtzeitnah auf klinische Entwicklungen reagieren können. Wenn sich Leitlinien ändern, ein Studienergebnis die Praxis verschiebt oder ein Thema wie Liquid Biopsy plötzlich Fahrt aufnimmt — dann kann Fortbildung mithalten, statt sechs Monate hinterherzulaufen.
Wir haben das Format bewusst an die Grenze zwischen Wissenschaft und Inszenierung gebracht. Wo siehst du als wissenschaftliche Leitung die Linie — ab wann wird Inszenierung zum Problem, und wo glaubst du, dass sie sogar an Wirkung gewinnt?
„Die Grenze für mich ist ganz klar: Sobald Inszenierung wichtiger wird als Inhalt, wird es problematisch. Wenn ein Format nur noch laut oder „cool" sein will, verliert Medizin ihre Glaubwürdigkeit. Das darf nie zur reinen Unterhaltung verkommen. Aber Inszenierung wird sinnvoll, wenn sie Komplexität reduziert, Orientierung schafft und Menschen hilft, Informationen besser zu verarbeiten. Und wenn man ehrlich ist: Die Medizin inszeniert sich längst selbst. Presidential Sessions auf großen Kongressen folgen einer bewussten Dramaturgie – Lichttechnik, Musik, Spannungsaufbau vor den Daten. Niemand behauptet, dass dadurch die Wissenschaft schlechter wird.
Warum also gilt bei digitalen Formaten plötzlich jede Form von Storytelling als unseriös? Die eigentliche Frage lautet nicht: ‚Darf Medizin inszeniert sein?' – sondern: 'Warum halten wir schlechte Didaktik so oft noch für ein Zeichen von Seriosität?'"
Einer der Vorteile des Formats ist, dass wir ohne Drehtag und Streaming-Setup deutlich schneller produzieren können als klassische CME. Was bedeutet das aus deiner Sicht für die Fortbildung — gerade bei Themen, die sich so schnell entwickeln wie Liquid Biopsy?
„Das ist vermutlich der größte strategische Vorteil überhaupt. Die Onkologie verändert sich in einer Geschwindigkeit, die klassische CME-Strukturen kaum noch abbilden können. Zwischen ASCO, ESMO, neuen Zulassungen und Leitlinienupdates liegen manchmal nur wenige Wochen. Manche CME ist in dem Moment veraltet, in dem sie veröffentlicht wird.
KI-gestützte Formate können hier ein echter Gamechanger sein – nicht, weil sie Ärzte ersetzen, sondern weil sie Inhalte schneller transportieren. Aktualisierungen werden einfacher, Produktionskosten sinken, und auf klinische Entwicklungen lässt sich nahezu in Echtzeit reagieren. Gerade bei Themen wie Liquid Biopsy, wo sich die Evidenzlage permanent verändert, ist das entscheidend. Tempo ist in der modernen Onkologie kein Komfortfaktor – manchmal ist es schlicht versorgungsrelevant.
Dazu kommt der pragmatische Vorteil: kein Produktionstag mit Studio, Kamera und Reise. Das macht Fortbildung flexibler und realistischer.
Was mich am Ende am meisten überrascht hat: Die Rückmeldungen kamen nicht nur aus der Onkologie, sondern auch vom Pflegepersonal – und von meiner Schwiegermutter. Offensichtlich lassen sich komplexe medizinische Inhalte so erzählen, dass sie wissenschaftlich korrekt und gleichzeitig zugänglich bleiben. Vielleicht ist das die eigentliche Stärke solcher Formate: Wissen nicht elitärer, sondern anschlussfähiger zu machen.“
Die Frage ist also nicht mehr, ob CME unterhalten darf. Sie ist: Wie viel Inszenierung braucht es, damit Wissen wirklich dort ankommt, wo es gebraucht ist — und was verlieren wir, wenn wir darauf verzichten? Die Antwort entscheidet nicht das Konzeptpapier. Sie entscheidet das Publikum selbst.
Schau in die Fortbildung rein und bilde dir deine eigene Meinung.
Klingt spannend? Erfahre hier mehr zu deinen Möglichkeiten mit DocCheck CME.
Bildquelle: Tanya Barrow, Unsplash