Auf dem Kreuzfahrtschiff MS Hondius erkranken mehrere Passagiere am Hantavirus, drei sterben. Infektiologen horchen auf – denn der Erreger überträgt sich eigentlich nicht von Mensch zu Mensch.
Ushuaia, Argentinien – März 2026. Dieser Wind ist unglaublich, es stürmt nicht in klassischem Sinne – man hat das Gefühl, man steht in einem überdimensionierten Windkanal, der in einem nie endenden Strom über die endlosen Weiten von Feuerland fegt. Am Hafen herrscht geschäftiges Treiben, die MV Hondius ist bereit zum Ablegen. Diese Kreuzfahrt ist etwas ganz Besonders, in einem großen Bogen soll es in die Südantarktis gehen, dann über mehrere Zwischenstationen nach Kap Verde.
Etwa einen Monat später, kurz vor Praia auf Kap Verde. Auf dem Schiff geschehen unheimliche Dinge: Ein 70-jähriger Passagier klagt über akute Atemnot, wird schwer krank – und verstirbt an Bord. Kurz darauf wiederholt sich der gleiche Ablauf bei seiner 69-jährigen Ehefrau, sie wird nach Südafrika evakuiert. Doch auch im Krankenhaus in Johannesburg kommt jede Hilfe zu spät. Dann folgen weitere Fälle, noch ein Passagier stirbt, zwei Besatzungsmitglieder erkranken. Die Behörden von Kap Verde verweigern dem Schiff die Einfahrt, auch weitere Länder sperren sich. Die WHO wird auf den Plan gerufen. An Bord herrschen mittlerweile strikte Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen. Dann tauchen erste Hinweise auf: Hantavirus. Was ist hier eigentlich los?
Stand heute (07.05.2026) bestätigen die WHO und die Reederei Oceanwide Expeditions die ernste Lage an Bord: Insgesamt gibt es acht bestätigte bzw. dringliche Verdachtsfälle sowie drei Todesfälle. Besonders besorgniserregend: Während Hantaviren normalerweise als Sackgassen-Infektionen gelten (Übertragung Nagetier zu Mensch), deutet das Cluster auf der MV Hondius auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung hin. Die Indexpatienten, ein niederländisches Ehepaar, hatten sich mutmaßlich bei Landgängen in Feuerland oder Patagonien infiziert. Dass nun Crewmitglieder und weitere Passagiere erkranken, die keinen direkten Kontakt zu Nagetier-Exkrementen hatten, alarmiert die Epidemiologen.
Die Familie der Hantaviridae gehört zur Klasse der Bunyaviridae. Weltweit gibt es zahlreiche Serotypen, die jeweils an spezifische Nagetier-Wirte gebunden sind. Die Infektion erfolgt klassischerweise über das Einatmen von virushaltigen Aerosolen (getrockneter Urin, Kot oder Speichel von Mäusen und anderen Nagetieren). Die Inkubationszeit ist mit 1 bis 4 Wochen recht lang. Klinisch manifestieren sich die Viren in zwei Hauptformen:
Während die Letalität bei europäischen Stämmen in der Regel unter 1 % liegt, ist sie beim HCPS mit bis zu 40 % erschreckend hoch. Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht; die Behandlung erfolgt rein symptomatisch (Intensivmedizin, Beatmung, ggf. ECMO).
Auf der MV Hondius liegt offenbar eine Infektion mit dem Andes-Virus (ANDV) vor. Dies ist der einzige bekannte Hantavirus-Typ, bei dem eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gesichert ist. Dies geschieht meist bei engem physischem Kontakt (z. B. innerhalb von Haushalten oder eben in engen Schiffskabinen). Wie groß ist die Gefahr für die Allgemeinheit? Die WHO stuft das Risiko für die globale Bevölkerung derzeit als gering ein. Die Übertragungskette des Andes-Virus ist ineffizient und bricht meist nach wenigen Generationen ab. Ein „Hanta-Pandemie“-Szenario ist nach aktuellem Wissensstand extrem unwahrscheinlich. „Seuchenschiff Hondius“ klingt nach Pest und Cholera, ist aber maßlos übertrieben.
In Deutschland begegnen uns vor allem das Puumala-Virus (übertragen durch die Rötelmaus) und seltener das Dobrava-Virus (Brandmaus).
Die „Hanta-Trias“ in der Praxis
Eine wichtige Differenzialdiagnose ist das Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS). Es gibt aber ein paar feine Unterschiede: Zwar führen beide zu akutem Nierenversagen (ANV) und Thrombozytopenie, beim Hantavirus fehlt jedoch typischerweise die (mikroangiopathische) Hämolyse (keine Fragmentozyten). Das Hantavirus-induzierte ANV ist meist ein interstitielles Geschehen. Die Diagnose wird meist serologisch durch den Nachweis von spezifischen IgM- und IgG-Antikörpern gestellt, die oft schon bei Symptombeginn positiv sind. Der Direktnachweis mittels PCR ist nur in der frühen Phase (erste 7–10 Tage) aus Blut oder Urin sinnvoll.
Hantavirus-Infektionen sind in Deutschland meist klinisch milde verlaufende „Nieren-Grippen“. Doch die dramatische Odyssee der MV Hondius erinnert uns daran, dass die „Neue-Welt“-Varianten (Andes-Virus) eine völlig andere klinische Dynamik mit respiratorischem Fokus und hoher Letalität besitzen.
Zum Nachlesen: RKI-Ratgeber zu Hantavirus-Erkrankung.
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