Wenn Unruhe, Impulsivität und Konzentrationsprobleme auf eine Psychose treffen, wird es therapeutisch heikel. Denn ADHS-Mittel stehen im Ruf, Rückfälle zu provozieren. Was ist wirklich dran?
Wer Patienten mit Psychose und gleichzeitiger ADHS behandelt, kennt das Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen belastende ADHS-Symptome, auf der anderen die Sorge, durch eine medikamentöse Therapie psychotische Episoden zu triggern. In der Praxis führt das häufig zu Zurückhaltung bei der Verordnung von Psychostimulanzien oder Atomoxetin. ADHS ist bei Menschen mit Psychose keine Seltenheit. Schätzungen zufolge sind etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen zusätzlich erkrankt. Die Behandlung dieser Komorbidität gilt als klinisch anspruchsvoll – nicht zuletzt wegen der bislang verbreiteten Annahme, ADHS-Medikamente könnten das Rückfallrisiko erhöhen.
Eine internationale Forschungsgruppe hat diese Annahme nun anhand von Registerdaten überprüft. Grundlage war eine populationsbasierte Analyse von rund 3.700 Erwachsenen mit diagnostizierter Psychose und gleichzeitiger ADHS. Untersucht wurde, ob sich das Risiko für erneute psychotische Episoden nach Beginn einer Behandlung mit Psychostimulanzien verändert.
Das Ergebnis: Ein statistisch nachweisbarer Anstieg des Rückfallrisikos ließ sich nicht beobachten. Die Daten liefern damit keinen Hinweis darauf, dass der Beginn einer medikamentösen ADHS-Therapie mit einer Zunahme psychotischer Episoden einhergeht. „Unsere Ergebnisse stellen eine verbreitete klinische Annahme infrage, dass ADHS-Medikamente bei Menschen mit Psychose grundsätzlich vermieden werden sollten“, sagt Prof. Patrick Bach, Erstautor der Studie. „Wir sehen kein erhöhtes Risiko für erneute Episoden nach Behandlungsbeginn.“
Trotz dieser Ergebnisse betonen die Autoren, dass eine pauschale Entwarnung nicht gerechtfertigt sei. „Unsere Daten ersetzen keine individuelle Risikoabwägung“, so Bach. „Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse ADHS-Behandlung muss weiterhin im Einzelfall getroffen werden.“
Dabei sollten insbesondere Krankengeschichte, aktuelle Symptomatik und eine engmaschige klinische Begleitung berücksichtigt werden. Die Studienergebnisse liefern somit vor allem eine zusätzliche Grundlage für die klinische Entscheidungsfindung.
Ergänzend untersuchte die Forschungsgruppe eine weitere klinisch relevante Fragestellung: das Risiko für Krankenhausaufenthalte bei Patienten mit bestehender oder früherer Stimulanzienabhängigkeit unter entsprechender Medikation. Auch hier zeigte sich kein entsprechendes Risikosignal. Im Gegenteil waren nach Beginn der Behandlung tendenziell geringere Raten stimulanzienbezogener Hospitalisierungen zu beobachten.
„Menschen mit komplexen psychiatrischen Komorbiditäten fallen im Versorgungssystem häufig durch das Raster“, sagt Bach. „Unsere Studie trägt dazu bei, die Evidenzbasis für ihre Behandlung zu verbessern.“
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