Mein Klient hat seine eigene Tochter missbraucht – spricht aber von Liebe. Seine Frau wünscht ihm den Tod. Als Vollzugsmitarbeiterin geht meine Empathie bei manchen Tätern den Bach runter. Wer kann es mir verdenken?
„Diese Drecksau hat meine Tochter missbraucht. Ich habe zwei Tage vor Weihnachten erfahren, dass ich seit zwanzig Jahren mit einem Monster verheiratet bin …“ Leise, aber ätzend wie Säure rinnt ihre Stimme aus dem Telefonhörer. „… und Sie wagen es zu fragen, wie es mir geht?!“ Sie hat recht. Das war eine saublöde Frage.
Ich spreche mit der Mutter eines Missbrauchsopfers und zugleich mit der Ehefrau eines pädophilen Straftäters – vereint in einer Person. Man kann sich kaum vorstellen, durch welches seelische Martyrium eine Frau geht, die diese beiden Rollen bewältigen muss. Wut, Scham, Ekel, Trauer – und nicht zuletzt der Schmerz über den Verlust eines Mannes, den sie zwei Jahrzehnte lang zu kennen glaubte. Die Tochter hat mit ihr gebrochen, weil sie nicht fassen kann, dass ihre Mutter all die Jahre nichts bemerkt haben will.
Die Berichterstattung in der Lokalpresse ließ keinen Zweifel an seiner Identität, der ganze Ortsteil weiß Bescheid. Sein Einkommen fällt weg, finanzielle Ängste mischen sich in den Albtraum. Sie arbeitet im lokalen Supermarkt an der Kasse. Acht Stunden am Tag auf dem Präsentierteller. Nicht jeder spricht sie an, aber jeder weiß es. Jeder urteilt. Zumindest fühlt es sich so an. Jede Käsepackung, die sie über den Scanner zieht, jeder Apfel, den sie wiegt, schreit sie an: „DU. BIST. SCHULD.“
Mein Klient, Herr Konrad, hat seine Tochter missbraucht. Er hatte Geschlechtsverkehr mit seinem eigenen Kind. Die Taten liegen Jahre zurück; die Tochter fand erst jetzt den Mut, sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Diese tat das einzig Richtige und ging sofort zur Polizei. Nun sitzt Herr Konrad bei uns. Und ich bin zuständig. Auch er durchlebt eine persönliche Hölle, allerdings eine, die er einzig und allein selbst zu verantworten hat. Ihm wird Tag für Tag bewusster, was er angerichtet hat. Bei dem Kind, das er liebt – wie er immer wieder beteuert. Bei seiner Frau, die er ebenso liebt. In seiner Ehe, die vorbei ist; daran habe ich nach dem Telefonat keinen Zweifel mehr. Sein Job ist weg, die Freunde sind weg, die Familie ist weg.
Ich denke über das Konstrukt „Liebe“ nach. Kann man von Liebe sprechen, wenn ein erwachsener Mann die Befriedigung seines Triebes über das Wohl seines Kindes stellt? Herr Konrad ist intelligent. Er wusste genau, was er seiner Tochter antat. Dennoch ist er Vater, und wenn man ihn so reden hört, klingt er auch wie einer. Besorgt, voller Trennungsschmerz, voller Zuneigung. Wäre da nicht dieses eine widerwärtige Detail. Diese Tat. Nicht einmal, sondern mehrfach ist es „passiert“. Ich höre immer dieselben Verteidigungsstrategien, meist unter Tränen: „Es soll keine Ausrede sein, aber ich habe keine Gewalt angewendet …“, „Ich habe immer aufgehört, wenn sie sagte, sie will nicht …“, „Sie ist oft von selbst zu mir gekommen …“. Früher habe ich an dieser Stelle oft ausgeholt: Kindliche Sexualität erklärt, klargestellt, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern immer Gewalt ist, dass es keine „Einvernehmlichkeit“ gibt. Heute spare ich mir das. All das wissen die Täter. Sie wussten es die ganze Zeit. Ich spiele nicht mehr die große Aufklärerin, die ihnen vermeintlich das Wissen vermittelt, das die Taten vor fünfzehn Jahren hätte verhindern können.
Ich kürze ab: „Das ist Bullshit. Das wissen Sie. Sie haben großen Mist gebaut und jetzt tragen Sie die Konsequenzen. Mehr muss man zum Tatverlauf nicht sagen.“ Ich will mir nicht anhören, wer wann was gesagt oder getan hat. Früher dachte ich, das sei für die Behandlung notwendig. Heute weiß ich: Allzu lebhafte Schilderungen sind nur eine weitere Grenzüberschreitung des Täters. Diesmal gegen meine Grenzen.
Zurück zu Herrn Konrad. Er leidet. Er vermisst seine Frau. Er will mit ihr telefonieren und hat dafür sogar eine Genehmigung der Staatsanwaltschaft erwirkt. Ich hielt es für fair, zunächst bei der Ehefrau anzufragen, ob sie das überhaupt wünscht, anstatt ihr einen Überraschungsanruf des Peinigers ihrer Tochter zuzumuten. „Er soll in der Hölle verrecken. Wenn er sich im Knast umbringt, ist allen geholfen. Das können Sie ihm gerne ausrichten.“ Werde ich natürlich nicht. Ich erkläre kurz den Grund meines Anrufes und sage, dass ich davon ausgehe, dass kein Kontakt gewünscht ist. Als Antwort ernte ich ein verächtliches Lachen. Kurz, resigniert, voller Abscheu. „Nein. Ich wünsche keinen Anruf.“ Jedes Wort zerschneidet die Luft wie eine Klinge. Ich kann ihr den Furor nicht verdenken. Ich bin der Bote. Das Bindeglied zu der Person, die ihr Leben zerstört hat. Könnte sie, würde sie wohl auch mir an die Gurgel gehen.
„Ich werde dafür sorgen, dass er Sie nicht kontaktiert“, sage ich. Schweigen. „Haben Sie Unterstützung?“ Pause. Dann flüstert sie zögerlich ins Telefon: „Ich bin mit meiner Tochter zum Weißen Ring gegangen. Und … eine Freundin spricht noch mit mir. Sie leiht mir auch Geld.“ Ich will mich entschuldigen, finde aber keine Worte. Wofür auch? Und wie? Es gibt nichts, was diese Situation entschärfen könnte. Also wiederhole ich mechanisch: „Ich hinterlege bei allen Stellen, dass keine Kontaktaufnahme stattzufinden hat. Sollte ich Ihnen irgendwie helfen können, rufen Sie mich an.“ Ihr leises „Danke, Sie können ja nichts dafür“ bringt mir eine Erleichterung, für die ich mich fast schäme.
Als ich Herrn Konrad zu mir hole, um ihm vom Ergebnis des Telefonates zu berichten, merke ich, dass meine Empathie den Bach runtergegangen ist. Seine Qual, sein Geheule, sein theatralisches Schweigen – es fühlt sich an wie eine billige Laienspiel-Aufführung der Passion Christi. Ich warte ab, bis er mit seinem Gejammer fertig ist und bringe ihn zurück in seinen Haftraum. Als der Schlüssel im Schloss der schweren Stahltür einrastet, ist das Geräusch endgültig. Kein „Vielleicht“, kein „Wir schaffen das“. Herr Konrad ist jetzt allein mit sich und den Bildern in seinem Kopf. Und draußen steht eine Frau an der Kasse und kämpft sich durch jede einzelne Sekunde eines Lebens, das nicht mehr ihr gehört. Ich wische mir die Hände an der Hose ab, als könnte ich das Gespräch so einfach entfernen, gehe in mein Büro und öffne das Fenster. Die Luft ist kalt. Aber wenigstens ist sie sauber.
Hilfe für Opfer sexueller Gewalt und deren Angehörige:
https://weisser-ring.de/
https://beauftragte-missbrauch.de/themen/hilfeangebote-fuer-betroffene-von-sexualisierter-gewalt
https://nina-info.de/telefon-beratung
www.amyna.de
Hilfe für Menschen mit pädosexueller Neigung:
https://kein-taeter-werden.de
https://www.lmu-klinikum.de/psychiatrie-und-psychotherapie/fur-patienten/ambulanzen/praventionsambulanz
https://www.bevor-was-passiert.de/
Bildquelle: Midjourney