Paul lacht, als wir ankommen. Er lacht, als ich palpiere. Er lacht, als der Name Edoxaban fällt. Paul hat Thoraxschmerz, einen unklaren EKG-Befund – und eine Lebenseinstellung, die ich erst auf der Fahrt zur Klinik begreife.
Der klassische Thoraxschmerz gehört zu diesen Einsatzstichworten, bei denen sich im Kopf automatisch eine Checkliste entrollt:
Die Routine legt sich wie ein Geländer um meine Gedanken, an denen ich mich entlanghangele, während ich im Hintergrund bereits die Big-Five der Differenzialdiagnosen für den Thoraxschmerz sortiere. Und dazu, mit etwas Abstand, das, was es meistens ist: muskuloskelettal. Wir kommen an: Ein Mann, Anfang siebzig, öffnet uns die Tür. Einen Moment lang frage ich mich, ob es wirklich um ihn selbst geht, aber dann legt dieser Mann seine Hand theatralisch auf den Brustkorb, als würde er sich selbst karikieren. Er begrüßt uns mit einem Lächeln, das nicht nur die Mundwinkel hebt, sondern das ganze Gesicht in eine Art Dauerheiterkeit zwingt. Noch bevor wir eine Frage stellen können, lacht er und versichert uns, dass er sich „wahrscheinlich nur falsch bewegt“ hat, aber man wisse ja nie, haha. Sein Name ist Paul.
Die Schmerzen seien seit einigen Stunden da, drückend, mittig und strahlen nicht aus. Auf Druck provozierbar, bei bestimmten Bewegungen deutlicher. Während ich palpiere, zuckt er zusammen und grinst gleichzeitig, als hätte ich ihm einen besonders gelungenen Witz erzählt. Ich nicke wie ein Profi, notiere innerlich „Druckschmerz positiv“, und spüre gleichzeitig, wie mich dieses demonstrative Lachen irritiert. Es passt nicht zur Situation, nicht zum Stichwort und auch nicht zu der Angst, die er angeblich verspürt. „Medikamente nehmen Sie regelmäßig?“, frage ich. Er winkt ab. „Ach, einige. Die Liste liegt oben im ersten Stock – irgendwo unter dem Haufen Papier. Wo genau, weiß ich nicht. Aber ich kann nicht hochlaufen, die Knie, Sie verstehen, haha.“
Es ist dieses „haha“, das sich wie ein Füllwort durch jedes zweite seiner Sätze zieht. Ich versuche, die Präparate zu rekonstruieren: Blutdruck? „Bestimmt.“ Diabetes? „Zum Glück nicht.“ Antikoagulation? „Was bitte?“ – Blutverdünnung! „Ja, da war was.“ Schließlich fällt der Name: Edoxaban. Auf meine Nachfrage, weshalb es verordnet wurde, folgt ein Schulterzucken, das in Gelächter übergeht. „Der Doktor wird sich schon was gedacht haben.“ Ich denke mir ebenfalls etwas. Nämlich, dass es hilfreich wäre zu wissen, warum jemand einen derart medikamentösen Hammer einnimmt. Meine Abfrage geht weiter: Vorhofflimmern? Thrombose? Zustand nach Lungenembolie? In meinem Kopf ordnen sich die Puzzleteile, während sein Lachen samt Redefluss wie eine akustische Tapete über allem liegt.
Das 12-Kanal-EKG zeigt einen Rechtsschenkelblock. Ob neu aufgetreten oder vorbestehend, lässt sich vor Ort nicht klären, denn die Unterlagen liegen auch irgendwo oben im Haus. In Kombination mit dem Blockbild verliert selbst ein reproduzierbarer Brustschmerz seinen beruhigenden Charakter. Leitlinien formulieren hier relativ klare Handlungsanweisungen: Bei Druck in der Brust und neu aufgetretenem Rechtsschenkelblock muss ein akutes Koronarsyndrom mitgedacht und entsprechend behandelt werden. Die Wahrscheinlichkeit mag gering erscheinen, doch sie existiert, und sie trägt Konsequenzen. Wir transportieren ihn also. Während ich die Monitoring-Kabel sortiere, erzählt er weiter, scheinbar ungerührt von der Möglichkeit, dass in seiner Brust mehr lauern könnte als verspannte Interkostalmuskulatur. Da ich ehrlicherweise von Anfang an nicht an den Herzinfarkt glaube, setze ich ihn im Rettungswagen auf den Begleiterstuhl. Zwischen zwei Kreisverkehren beginnt er von dem Krankenhaus zu sprechen, das wir ansteuern.
Eigentlich, sagt er, wolle er nicht dorthin, aber alle anderen Kliniken waren auf Rot. In einem Nebentrakt, kaum hundert Meter vom Haupteingang entfernt, befinde sich die Palliativstation. Dort sei seine Leni gestorben. Das Lächeln bleibt, doch es wirkt nun wie eine festgeklebte Maske, die an den Rändern brüchig wird. Er berichtet, dass sie lange gegen einen Krebs gekämpft habe, der irgendwann nicht mehr verhandeln wollte. Am Tag ihres Todes habe Paul das Zimmer kurz verlassen, um frische Luft zu schnappen. Er habe das Sterben nicht sehen wollen, sagt er, und lacht leise, als müsse er sich für diesen Satz entschuldigen. Wenige Minuten später habe ein Arzt auf seinem Handy angerufen. Seine Frau sei gerade gestorben.
Es sei hart gewesen, fügt er hinzu, und schaut dabei nicht mich, sondern einen Punkt über meiner Schulter an. Sehr hart. Aber er habe das akzeptiert. Das Wort legt er in den Raum wie ein ordentlich gefaltetes Tuch. In einem anderen Gebäudeteil desselben Klinikums, erzählt er weiter, sei später auch seine beste Freundin gestorben. Ebenfalls Palliativstation. Ebenfalls Krebs. Man gewöhne sich an vieles im Leben, sagt er, und lacht wieder, diesmal etwas kürzer. Man lerne, weiterzumachen. Was solle man auch sonst tun? „Haha.“ Meine Wahrnehmung verändert sich. Das Lachen des Mannes verliert seinen nervigen Klang und erhält eine neue Funktion. Es wirkt jetzt wie eine Art Schutzschild, das er zwischen sich und die Erinnerung schiebt. Das Dauerlächeln steht zwischen ihm und diesen Fluren wie eine unsichtbare Barriere. Vielleicht ist es einfacher, über Thoraxschmerzen zu scherzen, als über leere Betten. Vielleicht stellt das Dauerlächeln eine Strategie dar, um nicht in die Räume zurückzufallen, in denen Monitore irgendwann abgeschaltet werden.
Ich fange an, mich über mich selbst zu ärgern. Mir fallen mein anfänglicher Groll ein, die Ungeduld gegenüber seiner Unwissenheit über Medikamente und vor allem die innere ungerechte Bewertung, die ich vorgenommen hatte. Es ist leicht, Menschen in Kategorien einzuordnen: compliant oder schwierig, informiert oder desinteressiert, ernsthaft oder lächerlich. Schwieriger gestaltet sich die Einsicht, dass hinter jeder dieser Zuschreibungen eine Geschichte steht, die wir nicht kennen und selten vollständig zu hören bekommen.
Medizinisch betrachtet ist die Lage weiterhin ambivalent. Der Schmerz lässt sich reproduzieren, die Vitalparameter bleiben stabil, das EKG zeigt keine eindeutigen Ischämiezeichen außer der Leitungsstörung. Es ist diese Grauzone, in der der Rettungsdienst häufig zwischen beruhigender Wahrscheinlichkeit und bedrohlicher Möglichkeit operiert. Wir informieren die Klinik. Die Übergabe dort wird routiniert entlang von SAMPLER und xABCDE gestaltet sein. Doch im Hintergrund läuft ein zweiter Befund mit, der sich weder im EKG noch im Labor abbilden lässt. Ein Mann, der zweimal denselben Flur entlangging und am Ende jeweils ohne die Person zurückkehrte, die er dort begleitet hatte. Ein Mann, der nun in genau dieses Krankenhaus zurückkehrt, weil seine Brust schmerzt, und der gleichzeitig versucht, sich selbst mit Witzen zu stabilisieren.
Kurz vor der Ankunft wird er still. Das Lachen versiegt für einige Sekunden, als wir auf das Klinikgelände einbiegen. Sein Blick wandert aus dem Fenster, sucht vermutlich nach vertrauten Konturen. Ich frage ihn, ob alles in Ordnung sei. Er nickt – zu schnell – und sagt, er habe ja akzeptiert, wie es gelaufen sei. Dann hebt er die Mundwinkel erneut, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Bei der Übergabe erwähnt er von sich aus die Palliativstation nicht. Er erzählt von den Schmerzen, von der Angst vor dem Herzinfarkt, von seinen schlechten Knien. Das Lachen kehrt zurück, diesmal leiser. Die Dienstärztin der Notaufnahme übernimmt.
Als wir den Rettungswagen wieder auffüllen, denke ich darüber nach, wie oft wir uns im Einsatz nur auf das Messbare konzentrieren. Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung. Wir suchen nach dem pathologischen Signal im Rauschen – dabei überhören wir manchmal das andere Rauschen: die biografischen Brüche, die Verluste, die unausgesprochenen Dinge, die sich hinter einem unpassenden Lachen verbergen. Mir fällt auf, dass ich nicht weiß, wie Leni ausgesehen hat. Ich weiß nur, dass Paul beim Aussteigen kurz gezögert hat. Nicht lange, nur eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann ist er gegangen, ohne sich umzudrehen, und hat dabei gelächelt. Ich weiß nicht, für wen.
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