Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen? Unser Chefarzt würde das sicher bestreiten. Denn Seine Majestät ist unfehlbar – was Frau L. zum Verhängnis wurde.
Ein Text von Dr. Haus
Da war er, der magische Moment, auf den ich 6 Jahre hingearbeitet hatte: M2 fertig, PJ geschafft, M3 erfolgreich absolviert. Endlich hatte ich den Abschluss und – der deutschen Bürokratie sei Dank – „nur“ etwa 3 Monate später auch meine Approbation in der Tasche. Die Tür in die wunderbare Welt der Medizin stand nun weit offen. Eine Stelle am Wunschstandort war zwar nicht verfügbar, ironischerweise jedoch wurde ich in die entsprechende Abteilung, nämlich Derma (jetzt dürfen einmal alle lachen), meines alten Studienortes empfohlen. Eine Einladung zum Bewerbungsgespräch und die anschließende Zusage erfolgten prompt.
Zufrieden, ja, glücklich, trat ich meine erste Stelle, gefühlt unmittelbar nach Erhalt meiner Approbation, an. Nach dem PJ wähnte ich mich auf der einen Seite in der falschen Sicherheit, bereits ahnen zu können, welche Aufgaben, welcher Stress und welche Belastungen nun auf mich, den frisch gebackenen Assistenzarzt, zukommen würden. Eine Komponente unterschätze ich jedoch gewaltig: Den Faktor Chefarzt. Vielleicht hatte ich im PJ in dieser Hinsicht einfach Glück? Bislang kannte ich nur mehr oder weniger nette Chefs.
Auftritt mein Chef: hochgewachsen, rank und schlank, stylisch-zeitlose mittellange Haare, sorgsam mit Wachs modelliert und über den Tag regelmäßig mit einer beiläufigen Handbewegung wieder in Position gebracht. Die Lesebrille in der Brusttasche des Kittels, welche zumeist nur gezückt wird, um nachdenklich wie intellektuell am Ende des Brillenbügels knabbern zu können. Etwa 50 Jahre alt, optisch sehr jung geblieben. So in etwa schwebte der Herr Professor, zumindest leicht, über den Dingen. Im Mitarbeitergespräch ermahnte er mich, doch bitte nicht immer so nett und zugewandt zu den Patienten zu sein. Einzelne Patienten schien er interessant zu finden; insbesondere jene mit selteneren Krankheitsbildern. Diese bekamen während der großartigen Chefarztvisite die ein oder andere „Draufgängeranekdote“ zu hören, etwa über waghalsige Manöver des sportlichen Herrn Professors beim Skifahren oder Mountainbiking.
Ganz standesgemäß wirkte die Chefarztvisite eher wie der Aufmarsch zum Zapfenstreich, wenn gute 10 Personen, mit Chef an der Spitze, ins Patientenzimmer schritten. Vielleicht weil ebenfalls hochgewachsen, durfte ich mich neben dem Chef postieren, die ausgeklappten Kurven auf dem Unterarm wiegend. Wie eine Art Herold kam ich mir vor, welcher Ihro Gnaden als Anreicher und Schreibunterlage dienen durfte. Zum Leidwesen aller, die einigermaßen pünktlich gegen 18:00 Uhr in den Feierabend wollten, erschien Seine Eminenz gerne reichlich verspätet zur Chefarztvisite. Zum krönenden Abschluss soll erwähnt sein, dass er auf einer zu seinem Büro grenzenden Terrasse zu dinieren pflegte, um sich nicht ins Stroh zum Fußvolk setzen zu müssen.
Das war er also, mein (mittlerweile schon gar nicht mehr so) neuer Chef, der umwerfende Herr Professor. Während ich den ganzen Pomp zunehmend albern und unsympathisch fand, in der Derma fachlich einfach nicht so zufrieden war und unangenehme Ereignisse in Verbindung mit Ihro Gnaden gehäuft auftraten, kam mir bereits der Gedanke, meine Stelle einfach zu wechseln. Aus Sorge, den Groll des Herrn Professors auf sich zu ziehen, dichtete etwa der leitende Oberarzt eine missfallende Anordnung einem Assistenzarzt an, der betreten und aus Sorge schweigend in der Ecke stand und nicht wagte, diese Lüge zu korrigieren. Am nächsten Morgen wurde der Assistent in die herrschaftlichen Gemächer zitiert und erschien, ca. 45 Minuten später, mit leicht geröteten und nassen Augen wieder im Arztzimmer. Ins gänzlich Absurde glitten diese Auswüchse etwa, als ein Maler einen Gang nicht zur Zufriedenheit des Chefs strich und auf dessen Kritik nur polterte: „Lass mich hier arbeiten, sonst melde ich das dem Meister“ und mit Eimer und Farbe erstmal weiterzog, hier sei er ja, für alle offensichtlich, fertig. Chefchen blieb, zunehmend rot anlaufend und die Augen vor Zorn weit aufgerissen, zurück.
Ein Ereignis sollte jedoch meinen Abgang aus der Dermatologie besiegeln, mich gleichzeitig lehren, dass die glänzende Fassade des Chefs mehr Schein als Sein war und mir für immer einen wichtigen Denkzettel verpassen. Es waren schon gute 6 Monate seit meinem Sprung ins kalte Assistentenwasser vergangen. In dem annähernd 200 Jahre alten Klinikgebäude herrschte eine unangenehme Hitze. An diesem Tag kam Frau L., systemischer Lupus erythematodes mit primärkutaner Ausprägung, C2, sonst keine Vorerkrankungen bekannt, mit Einweisung ihres Hausarztes „Exazerbation des Hautbildes“, auf meine Station.
Frau L. war so ziemlich das Gegenteil zur Erscheinung meines Chefs. Vorgealtert, durch anhaltenden und beachtlichen C2-Konsum mit gefühlt dauerhaft leicht lallendem, nuschelndem Tonfall, an sich mobil, aber bei uns stets im Bett liegend anzutreffen. Ein knüseliges Erscheinungsbild abgebend lag sie mit Suberythodermie und grob squamös ihr Laken eindeckend bei uns. Ich mochte sie, fand sie etwas ulkig, die ganze Aufmerksamkeit durch „hohe Personen“ schien ihr zu gefallen. Bei der Visite lächelte sie mich an wie einen alten Freund, der unerwartet zu Besuch kam. Zwei Wochen vergingen, ihre Haut wurde wieder besser. Doch eines schönen Donnerstags begann Frau L., Brustschmerzen zu beklagen.
Als ahnungsloser Assistent, noch schlimmer, als angehender Dermatologe, zog ich meinen Oberarzt hinzu. „Bei dem Hautbild würde mir die Brust auch weh tun“, sagte er, aber EKG und Herzenzyme empfahl er dennoch. Keine Troponinelevation, EKG mit linksanteriorem Hemiblock. Zur EKG-Mitbeurteilung wurde extra ein Kardiologe herbeizitiert. Danach sah mein Oberarzt weitere Maßnahmen, etwa Labor bezüglich Troponindynamik, als unnötig an. Über den Nachmittag beklagte die Patientin weiterhin Brustschmerzen. Aufgrund ihrer dennoch fröhlichen Art und unserer Diagnostik sagte der Oberarzt: „Das ist die Haut.“ Ich war etwas verunsichert, aber spätestens morgen würde der umwerfende Herr Professor ja auch noch seinen Senf dazu geben. Was sollte da schon passieren?
Der nächste Tag, wieder brütend heiß. Abmarsch in Reih und Glied zur Chefarztvisite, dankbarerweise bereits gegen 15:00 Uhr. Während ich im Patientenzimmer Frau L. vorstellte, die topische Therapie und ihre Brustschmerzepisode beschrieb und was deshalb veranlasst worden wäre, schweifte der Blick meines Chefs aus dem Fenster Richtung Sonne. Gefühlt hatte er die Patientin nach einsekündiger Betrachtung bereits als uninteressant, vielleicht seiner Zeit unwürdig, abgestempelt. Letzte Woche lag sie doch, seitdem augenscheinlich keinen Millimeter bewegt, ebenso im Bett. Bezüglich der Brustschmerzen zuckte er unmerklich mit den Achseln. Der Oberarzt ließ erneut seinen „Bei der Haut hätte ich auch Schmerzen!“-Spruch vom Stapel. Erfreulich früh wurden wir im Anschluss in den sonnigen Feierabend entlassen. Schließlich gab es doch nichts mehr zu tun. Oder?
Nach einem ereignislosen Wochenende fand ich mich montags ca. 30 Minuten vor Arbeitsbeginn alleine im Arztzimmer wieder. Wie immer würde am Wochenende wohl nichts Maßgebliches passiert sein? Schließlich sind wir hier in der Dermatologie und der große Chef hatte alles abgesegnet. Ein Name fehlte jedoch in der Stationsgrafik: Frau L. Einen halben Schweißausbruch durchlebend, suchte ich sie mithilfe der Krankenhaussoftware und machte eine albtraumartige Entdeckung: Samstagtagmittag ging Frau L. notfallmäßig ins Herzkatheterlabor, abends auf die Intensivstation. Am Sonntag war sie tot. Ihre Familie hatte lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt. Die Übergabe hatte ich zwar nicht mitbekommen, die Derma-Kollegin vom Dienst hatte aber wohl unter Tränen „vom größten Horrordienst, den sie in all den Jahren hatte“, berichtet. Frau L. verschlechterte sich samstags zusehend, musste notfallmäßig verlegt werden. Die Diagnose der Kardiologen? NSTEMI. Die wunderbare Welt der Medizin verwandelte sich für mich plötzlich in einen schrecklichen, furchteinflößenden Ort. Was würde nun passieren? Wer war verantwortlich?
Im Team besprochen wurde der Fall nie. Der Oberarzt sagte mir diesen Morgen leise, wir hätten es mit den Brustschmerzen wohl etwas auf die leichte Schulter genommen. Mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, schien ihm, zumindest in diesem Fall, unangemessen. Schließlich hatte ich alles wahrheitsgemäß und präzise in der Kurve dokumentiert. Der Chef gab keinen Kommentar mehr ab. Von der Familie, die traurigerweise sowieso nicht besonders an Frau L. zu hängen schien, hörten wir nichts mehr.
Hiermit war mein Abgang aus dieser Abteilung besiegelt. Der umwerfende Herr Professor, nach außen in seinem Selbstbild durch diesen Vorfall absolut unbeschädigt, und dessen Oberärzte erschienen mir nun als engstirnige Schaumschläger und Fachidioten. Die Derma war für mich kein Thema mehr. Ich kündigte und wechselte in die Innere. So etwas wie mit Frau L. sollte mir nicht noch mal vorkommen, wenn ich ein Wörtchen mitzureden hätte. Auch sollte ich in meiner Karriere keinem Ober- oder Chefarzt mehr blind glauben. Denn auch, wenn mir keine Schuld zukam, ich formell alles richtig gemacht hatte, hatte ich es mir in der vermeintlichen Sicherheit der Autoritäten wahrscheinlich zu bequem gemacht. Manchmal denke ich immer noch kurz an Frau L. Wie es dem umwerfenden Herrn Professor wohl damit geht?
Bildquelle: Midjourney