Gesund alt werden – ein Privileg, das nicht jeder hat. Forschung und Tech-Milliardäre investieren fleißig in den sogenannten Longevity-Trend. Welche Fragen wir uns jetzt stellen sollten, bevor das Kind in den Jungbrunnen gefallen ist.
Wer wünscht es sich nicht? Ein langes, erfülltes Leben. „Longevity“, der Wunsch nach einer möglichst langen Lebensspanne, ist nicht nur Klickzahl-treibender Trend auf Social Media – er ist bereits seit Jahrzehnten Ziel von Forschung und Medizin. Foto: Reiner Zensen, Rechte: Christiane Woopen Die Suche nach dem ewigen Jungbrunnen motiviert Tech-Milliardäre wie Bryan Johnson, selbsternannter Biohacker, und Paypal-Gründer Peter Thiel Millionen in Longevity-Startups zu pumpen. Doch was ist medizinisch möglich und wann sollten wir uns grundsätzliche ethische Fragen stellen? Im Gespräch mit Professor Christiane Woopen, Ethikerin am Center for Life Ethics an der Universität Bonn, gehen wir der Frage auf den Jungbrunnen-Grund.
Der Wunsch nach einem langen Leben ist nicht neu – er zeigt sich bereits in Schriften des alten Ägyptens und im antiken Griechenland. Doch ist er nicht bedingungslos: Christiane Woopen gibt zu bedenken, dass die Lebenslänge für die meisten Menschen in unmittelbarem Bezug zur Lebensqualität stehe.
„Ich glaube, dass durchschnittlich die Menschen sehr gerne sehr lange leben – vorausgesetzt, das ist ein Leben ohne massive Einschränkungen und gesundheitliche Leiden, ohne Schmerzen oder soziale Einsamkeit.“
Doch was, wenn wir unsere eigene Gebrechlichkeit im Alter zunehmend bezwingen können – wie einen medizinischen Defekt? Wollen wir wirklich 120 werden? Was passiert mit einer Gesellschaft, die nicht mehr stirbt?
Was Altern auf zellulärer Ebene bedeutet, ist heute deutlich besser verstanden als noch vor einigen Jahrzehnten. Doch je besser wir das Altern verstehen, desto weniger scheinen wir bereit zu sein, es hinzunehmen. Um dem eigenen Verfall entgegenzuwirken, gibt es mehr oder weniger effiziente Tricks: von Nahrungsergänzungspillen über radikale Selbsterfassung bis hin zum skurrilen Blutplasma-Austausch. Hier trennt sich also nicht nur wissenschaftliche Evidenz von bloßer Spekulation, sondern auch der gesunde Geist vom krankhaften Wahn.
Wie wir altern, wird sehr unterschiedlich bewertet, beobachtet Woopen: Die einen nehmen das Altern als gegeben hin, die anderen möchten es bekämpfen. Hinter dem Longevity-Trend steckt eine grundsätzliche Frage: Ist Altern noch ein natürlicher Prozess – oder bereits eine Krankheit? Letzteres stützt sich auf die sogenannte Geroscience-Hypothese: Anstatt jede Krankheit einzelnen Organsystemen zuzuordnen und getrennt zu betrachten, rückt der Alternsprozess selbst als gemeinsamer Auslöser in den Fokus.
Für Christiane Woopen stellt das Bekämpfen natürlichen Alterns allerdings kein Tabu dar. Zum Vergleich: Niemand würde eine bakterielle Lungenentzündung „als natürlichen Prozess hinnehmen“ und auf Antibiotika verzichten. Solange ein körperlicher Prozess Krankheit oder Leiden verursacht, spricht aus ihrer Sicht nichts dagegen, ihn medizinisch in den Griff zu bekommen. Bedenklicher wird es, wenn die Grenze zwischen sinnvoller Therapie und reiner Selbstoptimierung verwischt. Doch auch hier bleibt Woopen pragmatisch:
„Es spricht grundsätzlich nichts gegen Enhancement – denn das tun wir jeden Tag. Wenn wir Sport betreiben, dann wollen wir unsere Körperfunktion ja nicht therapieren. Wir wollen bestimmte Körperformen oder Funktionen verbessern. Wir wollen stärker werden, wir wollen schlanker werden, wir wollen kräftiger werden.“
Ethisch problematisch wird es dann, wenn Medikamente oder Verhaltensweisen mehr Schaden anrichten als sie nützen. Doch selbst dann gilt auf individueller Ebene: Werden die Risiken selbstbestimmt in Kauf genommen, ist das für Woopen schlicht Teil einer freien Lebensführung – wenn sie wirklich frei ist und nicht durch sozialen Druck und erwartete Stereotype erzwungen wird.
Deutlich problematischer als die Selbstoptimierung im Verjüngungswahn sieht die Ethikerin allerdings die Eingrenzung des Alterns auf die rein biologische Sichtweise:
„Unsere Gesundheit hängt ja nicht nur von der Biologie und den medizinischen Möglichkeiten ab, diese zu beeinflussen. Die sozioökonomischen Determinanten von Gesundheit spielen in der Summe eine viel größere Rolle für unsere Lebenserwartung, unsere Lebensqualität und auch die Lebenslänge, die man letztlich erreicht.“
Woopen verweist hier auf den durch die Alternswissenschaften geprägten Begriff des sozialen Exposoms – also all das, was das Leben gesellschaftlich prägt, beispielsweise Hygienevorstellungen, die Gestaltung des öffentlichen Raums, Arbeit und Wohnen. Letztlich, so Woopen, geht es um eine Frage des Menschenbilds: Sehen wir uns als Summe aus Körper, Geist und Gefühl oder als verkörperte Einheit in einer sozialen und ökologischen Umwelt?
Nicht nur unser Selbstbild verändert sich, auch die Gesellschaft spürt die Folgen von Langlebigkeit. Denn die Rechnung geht nicht auf: Wenn wir immer älter werden, erwartet uns nicht der wohlverdiente Ruhestand, sondern einfach ein längeres Arbeitsleben. Doch wo kommen die Arbeitsplätze her, wenn ein 75-Jähriger noch im Beruf steht? Wann ziehen sich Ältere zurück, damit Jüngere nachrücken können? Und wer finanziert eine Rentenphase, die plötzlich nicht 20, sondern 35 Jahre dauert? Fragen, die uns bereits heute beschäftigen – ächzt das System doch schon unter unserer demographischen Last. Ein längeres Leben ist automatisch auch mit erheblichen Änderungen im Lebensgefühl und dem sozialen Miteinander verbunden:
„Was macht das mit einer Familie, wenn sie nicht nur aus zwei oder drei, sondern aus fünf lebenden Generationen besteht? Welche Generation trägt welche Verantwortung und wie werden Rechte und Pflichten in der Familie verteilt?“
Gleichzeitig leben wir in einer Welt, die sich ständig verändert und in der die Technik sich rasant weiterentwickelt – ein Tempo, mit dem wir erst einmal lernen müssen, Schritt zu halten. Lebenslanges Lernen ist deshalb für Woopen längst keine Bildungsphrase mehr, sondern eine Voraussetzung, sich nicht gesellschaftlich aussortiert oder abgehängt zu fühlen. Das verlangt nach neuen Institutionen und einem anderen Verständnis davon, was Bildung überhaupt heißt. Denn die Frage, wie wir künftig leben, lernen und altern, lässt sich immer weniger nur individuell beantworten.
Gesund alt zu werden, scheint auf den ersten Blick wie eine rein persönliche Entscheidung. Kaufe ich mir das Schokoladeneis oder gehe ich lieber für meine Gesundheit ins Fitnessstudio? Was auf individueller Ebene banal erscheint, kann also im großen Stil schnell zur Gerechtigkeitsfrage werden. Langlebigkeit ist somit nicht nur eine Frage von Disziplin oder Lebensstil, sondern oft auch von den Faktoren Zeit, Geld und Wissen abhängig.
„Prävention kann teuer werden, beispielsweise wenn dafür teure Medikamente erforderlich sind. Das würde derzeit jedenfalls nicht von der solidarischen Krankenversicherung getragen werden.“
Reines Enhancement bleibt Privatsache. Werden solche Techniken aber zum kostspieligen Privileg, vergrößert sich aus Woopens Sicht die ohnehin bestehende Schere in der Lebenserwartung. Das bestätigt auch eine Studie des RKI, wonach Menschen mit niedrigem Einkommen vier bis acht Jahre weniger leben als Menschen mit hohem Einkommen. Hinzu kommt der altbekannte Gruppenzwang: In einer Welt, in der Longevity-Praktiken wie der Gang zum Blutplasma-Austausch zur Normalität werden, könnte sich auch ohne expliziten Zwang das Gefühl einstellen, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man nicht mitzieht – die individuelle Selbstbestimmung gerät unter Druck.
Longevity wirft damit drei zentrale Gerechtigkeitsfragen auf: Wer zahlt? Wer hat Zugang? Wer entscheidet wirklich frei? Woopen zufolge ist das Thema der Langlebigkeit allumfassend und geht quer durch alle Politikbereiche, von Generationengerechtigkeit über Lebensgestaltung, Bildung und Gesundheitsversorgung bis hin zu Arbeitswelt, Wohnen und sozialen Sicherungssystemen, „oder sozialen Ermöglichungssystemen, wie ich sie eigentlich lieber nenne.“
Doch ganz unabhängig davon, was machbar und verfügbar ist – bringt ein längeres Leben mehr Ruhe und Balance? Woopen sieht das skeptisch.
„Ich glaube nicht, dass automatisch mehr Zeit zu mehr Ausgeglichenheit und Balance führt. Denn die Art und Weise, wie wir unsere Zeit füllen, hat etwas mit unseren inneren Antrieben zu tun. Diese inneren Antriebe sind oft von individuellen, familiären, biografischen, aber auch sozialen Gesetzlichkeiten geprägt.“
Leistungszwang, wirtschaftlicher Druck und Dauerkrisen sorgen dafür, „dass wir nicht einfach mal in Ruhe – und mit Zuversicht – unser Leben gestalten können.“ Das Ziel sollte deshalb nicht sein, möglichst lange zu leben – sondern möglichst gut. Mehr Lebenszeit allein, so legt es Christiane Woopen nahe, macht weder ausgeglichener noch glücklicher. Was es braucht, sind Strukturen, die ein gutes Leben ermöglichen – und der Mut, sich nicht von jedem Optimierungsversprechen mitreißen zu lassen.Bildquelle: Emmanuel Phaeton, Unsplash