INTERVIEW | Die Nachfrage explodiert, die Vergütung schrumpft: Psychotherapeuten stehen unter wachsendem Druck – und fragen sich, wie lange sich ihre Arbeit finanziell noch lohnt.
Die geplanten Sparmaßnahmen im deutschen Gesundheitssystem treffen einen Bereich, der ohnehin seit Jahren unter Druck steht, besonders schwer: die ambulante psychotherapeutische Versorgung. Bereits seit April bekommen niedergelassene Psychotherapeuten 4,5 % weniger Honorar. Darüber hinaus sieht der gerade vom Kabinett beschlossene Gesetzesvorschlag zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz) weitere Sparmaßnahmen im psychotherapeutischen Bereich vor: Neben einer Streichung der Zuschläge für Kurzzeittherapien ist demnach auch eine erneute Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen geplant – ein Schritt, der die wirtschaftliche Grundlage vieler Praxen infrage stellen könnte.Sonja Gruhn, psychologische Psychotherapeutin in DüsseldorfVor diesem Hintergrund wächst in der Fachwelt die Sorge, dass hier an der falschen Stelle gespart wird. Schon jetzt sind Therapieplätze knapp, die Wartelisten lang und die Nachfrage hoch. Diese Situation könnte sich durch die geplanten Reformen und die bereits geltende Honorarkürzung noch verstärken. Sonja Gruhn, Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Düsseldorf, berichtet im Interview, wie sich die Änderungen auf ihren Arbeitsalltag auswirken und was sie besonders wütend macht.
DocCheck: Die Honorarkürzung ist jetzt schon seit Anfang April in Kraft. Was bedeutet das für Ihre Praxis?
Gruhn: Auf einer ganz basalen Ebene bedeutet das erstmal: weniger Geld und weniger Planungssicherheit. Ich habe erst letztes Jahr einen Kassensitz übernommen, für mehrere 10.000 €. Das Geld muss ich wieder reinkriegen. Mit der Honorarkürzung stellt sich plötzlich die Frage, ob ich mehr privat Versicherte aufnehmen muss, die pro Stunde besser vergütet werden. Dabei ist das eigentlich nicht das, was ich will. Ich habe mich gezielt für einen Kassensitz entschieden und gegen eine Privatpraxis. Ich wollte Teil der kassenärztlichen Versorgung sein und finde es sehr schade, nach so kurzer Zeit schon so eine Klatsche zu bekommen. Es fühlt sich an, als würde unsere Leistung mit Füßen getreten und abgewertet.
DocCheck: Nun wird ja auch eine Wiedereinführung der Budgetierung für psychotherapeutische Maßnahmen diskutiert. Was bedeutet das konkret?
Gruhn: Mit der Budgetierung gäbe es einen großen Topf, aus dem die psychotherapeutischen Leistungen bezahlt würden. Wenn dieser Topf leer ist, dann ist er leer. Es gibt auch jetzt schon Leistungen, die budgetiert sind, z. B. Porto oder Testziffern. Ob man am Ende 100 % der Leistungen bezahlt bekommt, oder 70 bis 80 %, hängt davon ab, wie viele Leute die jeweilige Ziffer abgerechnet haben. Wenn es viele sind, kriegst du weniger. Wenn jetzt auch die psychotherapeutische Leistung budgetiert wird, können wir Therapeuten nicht mehr verlässlich kalkulieren, wie viel wir verdienen. Gerade für halbe Kassensitze kann das existenzbedrohend werden. Da mache ich mir wirklich Sorgen: Kann ich mit einem halben Kassensitz überhaupt bestehen, oder brauche ich ein zweites Standbein? Ähnliche Sorgen höre ich auch von Kollegen.
DocCheck: Dabei verbessert sich die Versorgungssituation eigentlich, wenn man einen Kassensitz auf zwei Therapeuten aufteilt, weil mit zwei halben Sitzen mehr Patienten behandelt werden können, als mit einem.
Gruhn: Genau. Das war eigentlich die Idee. Ursprünglich war ein halber Sitz gedeckelt, und man konnte nur halb so viel arbeiten, wie mit einem ganzen Sitz. Das waren 18 Sitzungen. Mittlerweile wurde die Deckelung für einen halben Sitz aufgehoben – jetzt kann ich ungefähr bis zu 30 Sitzungen in der Woche anbieten. Ich kann also mit einem halben Sitz in Vollzeit arbeiten und das machen auch die meisten. So wurde die Kapazität erhöht, ohne dass mehr Sitze geschaffen werden mussten. Das finde ich auch erstmal eine gute Idee.
DocCheck: Wie ist denn die Situation in Ihrer Praxis?
Gruhn: Bei mir ist die Warteliste mittlerweile anderthalb Jahre lang – nach einem Jahr Tätigkeit. Und ich kenne niemanden, wo sie kürzer ist. Es gibt Therapeuten, die führen keine Warteliste. Die nehmen dann Patienten an, sobald ein Platz frei ist. Das verfälscht vielleicht etwas die Statistik, weil es dadurch natürlich auch Leute gibt, die sofort einen Platz finden. Das liegt aber nicht daran, dass es ständig freie Kapazitäten gibt, sondern an der Organisation. Viele nehmen jetzt an, dass halbe Sitze im Rahmen der Budgetierung auch wieder gedeckelt werden. Dadurch wird der Engpass weiter deutlich verschärft und man bräuchte eigentlich wieder einen ganzen Sitz, den es aber nicht gibt. Und dann steht man da. Auch für den Nachwuchs wird der Beruf unattraktiver und viele überlegen sich zukünftig vielleicht zweimal, ob sie diesen Weg – der sowieso schon lang und teuer ist – überhaupt gehen wollen.
DocCheck: Im Gesetzentwurf steht zur Budgetierung wenig Konkretes. Ist schon bekannt, wie eine Budgetierung aussehen könnte?
Gruhn: Wie genau die Budgetierung umgesetzt wird, ist noch unklar. Vieles davon passiert im Stillen. Was die Budgetierung konkret bedeutet, wird einfach unter den Tisch fallen gelassen. Es wird nicht mal gesagt: „Wir gestalten die Budgetierung so, dass sich eine Praxis weiterhin rechnet“. Ich finde es sehr bezeichnend und auch ehrlichgesagt sehr verdächtig, dass da kein Wort drüber verloren wird. Dabei ist das Thema so einschneidend. Ähnliche Themen betreffen ja auch andere Fachbereiche.
DocCheck: Die GKV argumentiert, die Honorare der Psychotherapeuten seien in den letzten Jahren überproportional stark gestiegen. Ist das ein berechtigter Punkt?
Gruhn: Ja, formal stimmt das erstmal. Aber die Ursache dafür sind Urteile vom Bundessozialgericht, weil Psychotherapeuten im Vergleich zu anderen Fachgruppen deutlich schlechter verdient haben. Diese Anpassungen sollten die als rechtswidrig eingeordnete Lücke schließen. Wenn man die Einnahmen der verschiedenen Fachdisziplinen anschaut, dann sind wir Psychotherapeuten immer noch ganz, ganz, ganz unten. Die nächsten verdienen schon mehr als doppelt so viel wie wir, auch nach Abzug der Kosten für Geräte und Personal. Diese Gehaltserhöhung der letzten Jahre jetzt als Argument zu nehmen ist eigentlich ein Witz.
DocCheck: Die KBV hat auch bereits eine Klage gegen die Honorarkürzung eingereicht.
Gruhn: Ja, ich glaube schon daran, dass diese Klage Erfolg haben wir und irgendwann entschieden wird, dass die Honorarkürzung nicht rechtens ist, weil sie aufhebt, was vorher gerichtlich festgelegt wurde. Es würde mich sehr wundern – und an unserem Rechtsstaat zweifeln lassen – wenn das jetzt plötzlich okay wäre.
DocCheck: Wie groß ist der Spareffekt der Maßnahmen überhaupt?
Gruhn: Wirklich viel bringen wird das nicht. Die ambulante Psychotherapie macht insgesamt nur 0,7 Prozent der Gesamtausgaben der GKV aus. Diese Honorarkürzung von 4,5 % stellt gerade einmal eine Einsparung von etwa 0,05 % an den Gesamtkosten dar. Und dafür schwächt man dann einen ganzen Bereich, der langfristig sogar Kosten spart: Eine ambulante Psychotherapie verhindert z. B. stationäre Klinikaufenthalte oder Frühberentungen. Durch Psychotherapie können Menschen früher wieder arbeiten gehen oder werden überhaupt nicht erst arbeitsunfähig. Oder sie werden einfach an sich leistungsfähiger. Es ist tatsächlich nachgewiesen, dass jeder Euro, der in eine Psychotherapie investiert wird, auf lange Sicht 2 bis 4 € – andere Quellen nennen auch 3 bis 6 € – einspart, aus rein volkswirtschaftlicher Sicht.
DocCheck: Das erfordert aber langfristiges Denken.
Gruhn: Ja. Wenn man alle ethischen Dinge einmal ausklammert und sich wirklich nur die Zahlen anguckt, erscheint mir die Sache klar. Da frage ich mich: Wer guckt sich eigentlich die Zahlen an? Ich finde das sehr frustrierend. Es geht ja nicht nur um eine Entwertung von meiner Arbeit; das wird uns als Gesellschaft irgendwann richtig auf die Füße fallen.
DocCheck: Mittlerweile gibt es bundesweite Proteste von Psychotherapeuten und Unterstützern. Haben Sie das Gefühl, dass diese Proteste etwas bewirken?
Gruhn: In Teilen auf jeden Fall. Wir erkämpfen uns gerade, dass dieses Thema mediale Aufmerksamkeit bekommt und damit auch in der Gesellschaft immer mehr ankommt. Und die Zahlen sprechen ja auch für sich: Die erste Petition auf change.org hat innerhalb von kürzester Zeit über 500.000 Unterschriften bekommen. Und auch bei den Demos sind wirklich viele Menschen auf die Straße gegangen. Alleine in Düsseldorf waren es zum Beispiel 1.500 Leute und das, obwohl es in NRW nur ungefähr 7.000 Psychotherapeuten gibt. Doch auch wenn die mediale Aufmerksamkeit steigt, vermisse ich das Thema doch z. B. in den Tagesthemen. Wenn bei der Bahn oder der Lufthansa eine 4,5%ige Honorarsenkung 3 Wochen vor Inkrafttreten angekündigt würde, dann würde das halbe Land lahmgelegt werden.
Auch auf politischer Ebene bleibt die Reaktion bisher aus. Dieses Schweigen macht mich sehr wütend. Das Thema bewegt so viele Menschen, warum kommt das nicht oben an? Dabei ist beim Gesetzentwurf das letzte Wort noch nicht gesprochen, der Bundestag muss dem Gesetzentwurf noch zustimmen. Die Berufsverbände rufen daher aktuell dazu auf, die Abgeordneten der eigenen Wahlkreise direkt zu kontaktieren. Ich hoffe, dass der Druck aus der Bevölkerung doch noch etwas bewegt.
DocCheck: Was macht diese Entwicklung aus Ihrer Sicht so problematisch, auch über den Praxisalltag hinaus?
Gruhn: Dieses ganze Thema macht mir aus zweifacher Sicht Sorge, was unseren Sozialstaat und unser Gesundheitssystem angeht: Als Person, die im Gesundheitssystem arbeitet und auf das Geld angewiesen ist, aber auch als Person, die krank werden kann und vielleicht in Zukunft eine Psychotherapie braucht – auch Psychotherapeuten müssen das vielleicht mal in Anspruch nehmen. Ich erlebe aktuell bei vielen Kollegen, dass sie sehr belastet sind. Dieses ganze Thema hat auch eine Auswirkung darauf, wie man täglich zur Arbeit geht. Ich mache meinen Beruf total gerne. Aber gerade entsteht der Eindruck, dass die sprechende Medizin offensichtlich weniger wert ist als andere Fachbereiche. Natürlich freue ich mich über die Wertschätzung von Patienten und freue mich, ihnen helfen zu können. Aber es ist eben kein Ehrenamt – von Dankbarkeit und Wertschätzung kann ich meine Miete nicht bezahlen.
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