KOMMENTAR | Soziale Medien sind gezielt so entworfen, dass sie uns fesseln. Unser Scrollverhalten ist längst nicht nur eine schlechte Angewohnheit – es könnte sogar Suizidgedanken verstärken.
So gerne wir zum Handy greifen, um uns zu beschäftigen und mit Reizen berieseln zu lassen – gut tut es uns nicht. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass Medizinstudierende, die häufig Social Media nutzen, auch häufiger von Suizidgedanken berichten. Und das liegt erstaunlicherweise nicht nur am Social Media Inhalt, sondern vor allem an dem Schlaf, den wir dafür einbüßen.
Die 2025 publizierte Studie untersuchte mehr als 5.000 Medizinstudierende im Alter von 18 bis 26 Jahren zu ihrem Social Media Nutzungsverhalten. Neben der Online-Abfrage von Schlafverhalten und Tagesmüdigkeit wurden auch die Häufigkeit von Suizidgedanken untersucht. Das zentrale Ergebnis: Eine häufigere Social Media-Nutzung war mit einer signifikant häufigeren Nennung von Suizidgedanken assoziiert. Gleichzeitig hing eine intensive Nutzung auch mit stärkerer Tagesmüdigkeit sowie schlechterer Schlafqualität zusammen.
In der Debatte um Social Media geht es oft um Vergleichsdruck, Cybermobbing oder die algorithmisch verstärkte Negativität. Und tatsächlich zeigen auch neuere Studien (hier und hier), dass soziale Vergleiche, digitale Aggression und Empfehlungsalgorithmen die psychische Gesundheit Jugendlicher messbar beeinträchtigen. Die Studie erinnert aber daran, dass manchmal schon ein banaler Mechanismus ausreichen kann, um die Psyche zu destabilisieren. Wer bis nachts scrollt, schläft schlechter, ist tagsüber erschöpfter und wird psychisch anfälliger.
Also beschließen wir jetzt einfach „Handy weg und gut ist“? Naja, so einfach ist es nicht. Die Untersuchung ist als Querschnittstudie konzipiert und zeigt damit zwar Zusammenhänge auf, aber eben keine Kausalität. Es bleibt genauso möglich, dass psychisch belastete Studierende eher zu einer intensiven Social-Media-Nutzung neigen, schlechter schlafen und dadurch dann häufiger Suizidgedanken entwickeln.
Trotzdem hat die Arbeit klinische Relevanz. Wer junge Erwachsene mit psychischer Belastung oder Suizidgedanken sieht, sollte bei der Anamnese eben nicht nur nach Hoffnungslosigkeit und Substanzkonsum fragen, sondern auch nach den digitalen Abendroutinen. Die Frage „Wie lange hängen Sie abends noch am Handy?“ ist dann nicht banal, sondern diagnostisch relevant. Gerade bei Medizinstudierenden dürfte diese Frage dann genau ins Schwarze treffen. Viele funktionieren tagsüber durchgetaktet, verschieben die Entspannung in die Nacht und gönnen sich dann mit Hilfe von Social Media das, was wie Erholung aussieht, aber oft keine ist: Ablenkung, dumme Sprüche, Vergleiche und algorithmisch verstärkte Negativität. Damit liegt der Körper zwar im Bett, das Gehirn ist aber noch lange nicht offline.
Die Nutzung von Social Media pauschal zu verteufeln, ist sicherlich zu kurz gedacht. Stattdessen sollten wir lernen, unsere digitalen Gewohnheiten als Teil der psychischen Gesundheit ernst zu nehmen. Und vielleicht ist genau das die unangenehme Pointe dieser Studie.
Das Thema Schlafhygiene kann zwar schnell altmodisch wirken – ist in diesem Zusammenhang aber womöglich relevanter als jeder moralische Appell gegen Bildschirmzeit. Denn das Problem besteht nicht nur in den Inhalten von Social Media. Es entsteht vor allem in der endlosen Verschiebung von Bettzeiten, dem scheinbar belohnenden Durchscrollen bis spät in die Nacht und der daraus resultierenden Erschöpfung am Tag. Aus diesem Dopamin-Teufelskreis auszubrechen, ist selbst für die klügsten Köpfe eine Herausforderung, die es jeden Tag aufs Neue zu meistern gilt.
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