Sie hat es bis in die Kabinen des Profisports geschafft: Homöopathie. Doch was als sanfte Medizin verkauft wird, wirft unbequeme Fragen auf – zur Evidenz, zur Ethik und zu alten Mustern, die man längst überwunden glaubte.
Am 9. September 2019 beschloss die Bremer Landesärztekammer unter dem Vorsitz von Heidrun Gitter eine neue Weiterbildungsordnung (WBO). Welche Folgen dieser Beschluss bundesweit nach sich ziehen sollte, ahnte damals wohl noch niemand. In Kreisen von Journalisten war dagegen schnell von einem „Dammbruch“ die Rede. Selbstbewusst titelte der Bremer Weser-Kurier: „Homöopathie-Weiterbildungen werden künftig nicht mehr anerkannt“. Ein Jahr zuvor wurde das „Münsteraner Memorandum Homöopathie“ veröffentlicht – ein von der Öffentlichkeit viel beachtetes Statement des Münsteraner Kreises unter der Leitung der renommierten Münsteraner Medizin-Ethikerin Prof. Bettina Schöne-Seifert. Es erfüllt mich mit Freude, dass ich durch meine Vermittlung an die Leitung der Bremer Landesärztekammer einige Steine, die zu einer Lawine werden sollten, ins Rollen bringen durfte.
Nun also, sieben Jahre später, soll es endlich so weit sein, dass die Homöopathie aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen gestrichen wird. Ich bin gespannt, ob diese überfällige Streichung auch Auswirkungen auf andere gesellschaftliche Bereiche zeigen wird. Ob wir vielleicht aus der Sportmedizin Neuigkeiten vernehmen werden, sollte die Homöopathie endlich aus der GKV-Finanzierung gestrichen werden.
Zuversichtlich bin ich schon, hat man doch schon einmal eine sportliche Kehrtwende vollzogen, um Sportler vor gefährlicher Scharlatanerie zu schützen. Armin Klümper hieß er, der Mann, der im weißen Kittel bunte Cocktails („Klümper-Cocktail“) mixte und sie den ihm anvertrauten Sportlern injizierte. So auch Birgit Dressel (kennt die noch jemand?), mit der ich einst die Schulbank drückte. Birgit war ein vielversprechendes Talent in der Bremer Leichtathletikszene in der Königinnendisziplin Siebenkampf. Unser damaliger Sportlehrer Heinz Lauer warnte uns alle im Sportunterricht vor den Folgen gefährlichen Dopings.
Veranschaulicht hatte Lauer die unkalkulierbaren Gefahren von Doping mit der damals nicht nur in Sportlerkreisen geführten Diskussion um Diskuswerferinnen und Kugelstoßerinnen aus der damaligen Sowjetunion. Nein, so etwas wollten wir nicht. Das hat uns als Schüler nachhaltig beeindruckt und uns auch eine gehörige Portion Angst vermittelt. Keine Angst jedoch hatte Birgit, glaubte sie sich bei dem Sportmediziner Armin Klümper doch in besten Händen. Der tragische Ausgang ist bekannt. Aber man gab sich in den Reihen der Verantwortlichen geläutert und es gab nach ihrem Tod in der Sportmedizin eine Kehrtwende.
Während man die Praktiken der Sportmedizin nicht nur in Freiburg neu ordnete, wanderte Herr Klümper schon mal Richtung Süden aus. So ein Neuanfang kann ja schließlich befreiend sein. Auch sein gelehriger Schüler, der Orthopäde und Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ist bekannt in Deutschland. Hofiert wurde er von Talk-Mastern, Journalisten und der gesamten Szene der Sportmedizin. Ungeniert und unwidersprochen durfte der medial zur sportmedizinischen Koryphäe hochgelobte und gesockelte Herr Müller-Wohlfahrt schwurbelverdächtige Theorien über den Einsatz von Homöopathie in Kombination mit seiner von ihm angewendeten manuellen Medizin verbreiten.
Müller-Wohlfahrt injizierte seinen Patienten ebenfalls „Cocktails“, aber mit geänderter Rezeptur. Sie bestanden aus Kälberblut (Actovegin), Analgetika oder gar „homöopathischen Komplexmittel“ und waren seinerzeit probates Vorgehen. Dass sein Mentor Klümper wegen dessen hanebüchenen und nachweislich lebensgefährlichen Praktiken in die Schlagzeilen geriet, blieb von Müller-Wohlfahrt unkommentiert. Klümper, der laut Sprinter Manfred Ommer „größte Doper des Planeten“, wanderte nach dem Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel nach Südafrika aus und verfasste ein Buch über „Naturheilmittel“, nutzte dabei Thesen von Ryke Geerd Hamer. Nein, das ist kein Witz, sondern bittere Wahrheit.
Nicht alle sind auf das Lausbublächeln des einstigen Bayern-München-Arztes hereingefallen. Kenner der Szene äußerten sich sehr kritisch, z. B. Dr. Willi Heepe, anerkannter Sportmediziner aus Berlin: „Ein guter Arzt wird mit diesem Placebo dosiert und seriös umgehen. Ob das Müller-Wohlfahrt tut, da habe ich meine Zweifel.“ Heepe sieht in der gefährlichen Praxis, Sportlern Mittel zu injizieren, Parallelen zu Klümper. „Der Klümper sagt ‚Kein Problem, das spritzen wir‘ und holt seine Zaubermittel raus und gibt Injektionen. Dann wird es kriminell, weil ich nicht heile“, sagt Heepe in einem interessanten Beitrag aus dem Jahre 2010 zum Thema Doping von Sebastian Krause, Jonathan Sachse und Daniel Drepper.
Im Bereich der Sportmedizin haben Schwurbel und die Anwendung ritualisierter Injektionen offenbar einen wichtigen Verbündeten gefunden. In Anzeigen des Herstellers Heel warb die in der Sportmedizin bekannte Prof. Anja Hirschmüller („Sportmedizinerin des Jahres 2021“) für Traumeel®. Das homöopathische Komplexmittel wird von einigen anderen Sportmedizinern ebenfalls gerne benutzt und enthält 14 sorgfältig ausgesuchten Homöopathika, geschüttelt und gut verrührt. Gelöst ist es in der standardisierten NaCl-Lösung – eine Art universelles Verdünnungsmittel für pathologische Zustände analog zum Terpentin in der Malerei oder Alleskleber im Werkunterricht. Hirschmüller beruft sich auf meine Nachfrage zum Sinn dieser Praxis dabei auf „einige – zumindest tierexperimentelle – Daten, die Wirkmechanismen belegen“ (persönliche Mail vom 30.11.22), obwohl es für das Tiermodell an Evidenz mangelt.
Aber so ein Leistungssportler ist schließlich keine Schildkröte und ein Zehnkämpfer keine Labormaus. Die FDA warnte schon 2020 eindringlich vor den unkalkulierbaren Risiken intraartikulärer Injektionen dieser Komplexmittel, aber Amerika ist weit weg. Wie es scheint, ist der Sportbereich wohl eine Art idealer Nährboden für durch Kostenübernahme von deutschen Krankenkassen geadelte gefährliche Scharlatanerie. Junge Patienten mit maximalen Selbstheilungskräften und hohem Idol-Charakter machen sie als Projektionsfläche und Werbeträger zudem hochattraktiv. Vom oft zitiertem Müller-Wohlfahrt, der Klümper nach eigenen Aussagen in einem Interview mit dem Spiegel als seinen Mentor bezeichnet, konnte man zur geplanten Streichung der Homöopathie bisher noch nichts vernehmen.
Es wird dann sehr große Anstrengungen von den Marketingmenschen erfordern, um ein homöopathisches „Weiter so!“ in der Sportmedizin plausibel zu vermitteln. Von Klümpers Praktiken distanzierte er sich wohl, wenngleich er das Cocktail-Prinzip offensichtlich übernahm und es mit eigener Rezeptur weiterhin mit großem handwerklichem Geschick praktizierte: „Dann nehme ich eine Mischung zu gleichen Teilen aus Actovegin, Myo-Melcain und Segmentan und infiltriere sie über die gleichen Nadeln.“
In Werbeanzeigen warb die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (Deutscher Sportärztebund) für den Hersteller homöopathischer Komplexmittel Heel und nutzte hierbei ihre wichtige Vorbildfunktion. Nach meiner Anfrage wurde die Seite im Sprint gelöscht. Aber das Internet vergisst nichts. Ich hoffe auf ein Statement der DGSP zur gefährlichen Homöopathie und ebenso hoffe ich auf ein Statement von Herrn Müller-Wohlfahrt zum Thema Scharlatanerie in der Sportmedizin. Das Thema der heilenden Hände hat er ja bereits abgehandelt.
Bildquelle: Midjourney