KOMMENTAR | Hausarztpraxis vs. Apotheke: Aus einem schiefen Entfernungsvergleich wird Konkurrenz konstruiert. Warum das keine Versorgungsanalyse mehr ist.
Es ist bemerkenswert, wie schnell aus ein paar hundert Metern Entfernung plötzlich Gesundheitspolitik wird. Das Zi (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung) rechnet vor, dass die nächste Hausarztpraxis im Durchschnitt näher liegt als die nächste Apotheke – und zieht daraus den Schluss, erweiterte Aufgaben für Apotheken seien überflüssig. Genau an diesem Punkt kippt in meinen Augen Analyse in Standespolitik. Denn selbstverständlich ersetzt keine Apotheke die Hausarztpraxis. Aber ebenso selbstverständlich ersetzt die Hausarztpraxis auch nicht die Apotheke. Wer beides gegeneinander in Stellung bringt, erklärt Versorgung nicht realitätsnah, sondern macht sie künstlich kleiner.
Der erste Denkfehler liegt schon im Aufbau des Vergleichs: Das Zi stellt 55.882 Hausärzte 17.041 Apotheken gegenüber. Also Personen auf der einen, Betriebsstätten auf der anderen Seite. Das ist kein sauberer struktureller Vergleich, sondern ein rhetorischer Vorsprung für die Seite, die man ohnehin politisch stärken will. Noch fragwürdiger ist aber die implizite Botschaft: Weil die Hausarztpraxis im Schnitt 500 Meter näher liegt, brauche es keine stärkere pharmazeutische Einbindung in die wohnortnahe Versorgung. Das ist ungefähr so überzeugend, als würde man behaupten, der Rettungsdienst mache die Pflege überflüssig, weil er im Ernstfall wichtiger sei.
Hinzu kommt: Das Zi wählt ausgerechnet den Wohnortvergleich, obwohl die arzneimittelbezogene Versorgung häufig an einem anderen Punkt beginnt, nämlich nach dem Arztkontakt. Und genau dort wird es unerquicklich für die eigene Erzählung. Eine im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes erstellte IGES-Auswertung hält ausdrücklich fest, dass die für rezeptpflichtige Arzneimittel relevante Erreichbarkeit einer Apotheke nach dem Arztbesuch deutlich besser ist als vom Wohnort aus.
Von knapp zwei Dritteln der Arztpraxen aus ist eine Apotheke in zehn Minuten zu Fuß erreichbar, von gut einem Drittel sogar in fünf Minuten. Anders gesagt: Ausgerechnet dort, wo die Apotheke im Versorgungspfad konkret gebraucht wird, funktioniert das Zusammenspiel häufig ziemlich gut. Warum also dieser Versuch, aus Versorgungspartnern Konkurrenten zu machen?
Was in der Zi-Kommunikation außerdem auffällt: Die Rolle der Apotheke wird auf „qualitätsgesicherte Abgabe und Beratung zu Medikamenten“ reduziert, während die Hausarztmedizin zur einzig legitimen wohnortnahen Versorgungsinstanz aufgewertet wird. Dabei spricht selbst der Gesetzentwurf der Bundesregierung von Apotheken als tragender Säule der Arzneimittelversorgung und als niedrigschwellige Anlaufstelle für Gesundheitsfragen. Genau das sind sie im Alltag auch: kein Ersatz für Diagnostik, sondern ein leicht erreichbarer, sofort nutzbarer Teil eines arbeitsteiligen Systems. Wer das als „Parallelstruktur“ diffamiert, verwechselt Kooperation mit Kontrollverlust.
Der eigentliche Skandal ist ohnehin ein anderer: Während die Zahl der Apotheken weiter sinkt, werden ihnen ausgerechnet von ärztlicher Seite öffentlich Relevanz und Erweiterungspotenzial abgesprochen. Ende 2025 zählte Deutschland nur noch 16.601 Apotheken, 440 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig haben diese Apotheken mehr als 308.000 Nacht- und Notdienste geleistet. Die Bevölkerung weiß sehr genau, warum das wichtig ist: 96 Prozent halten Apotheken vor Ort für wichtig. Wer in dieser Lage ernsthaft meint, man müsse die Apotheke politisch kleinreden, weil die Hausarztpraxis im Schnitt 1,5 Autominuten näher sei, hat kein Versorgungsproblem beschrieben, sondern ein Besitzstandsproblem.
Mein Fazit lautet deshalb: Ja, Hausärzte sind Diagnostiker, Koordinatoren und Lotsen. Das bestreitet niemand. Aber daraus folgt nicht, dass Apotheken sich auf die Rolle passiver Ausgabestellen zurückziehen sollten. Wohnortnahe Versorgung ist kein Nullsummenspiel. Sie wird besser, wenn ärztliche und pharmazeutische Kompetenz sinnvoll verzahnt werden. Wer stattdessen 500 Meter Distanzunterschied zur Systemfrage aufbläst, verteidigt nicht die Versorgung, sondern Reviergrenzen.
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