Wer in Teilzeit arbeitet, braucht länger zum Facharzt – logisch, oder? Eine Petition stellt den Grundsatz infrage und fordert: Kompetenz statt Stundenzählen. Könnte das den Ärztemangel entschärfen?
Expertise braucht Zeit. Das gilt auch für die Medizin und lässt sich an der Länge der Ausbildung ablesen: Auf 6 Jahre Studium folgen meist 5 bis 6 Jahre Facharztweiterbildung – in Summe also mindestens 11 Jahre. Mit Betonung auf dem kleinen Wort mindestens. Arbeitet man nämlich in Teilzeit, verlängert sich die Facharztausbildung proportional: Bei einer 50%-Stelle kann sich die Weiterbildungszeit so zum Beispiel – je nach Fachrichtung – auf 10 bis 12 Jahre ausdehnen. Teilzeit bremst also den Karrierefortschritt, verlangsamt die Einkommenssteigerung und verschärft die Ärzteknappheit, gerade im ambulanten Bereich: Wer seinen Facharzttitel erst spät erhält, kann sich auch erst spät niederlassen.
Mit dieser Problematik beschäftigt sich eine aktuelle Petition, initiiert von Dr. Martin Weihrauch. Seine Forderungen:
Den Kern der Argumentation der Petition bildet die Überlegung, dass der Grundsatz „Wer weniger arbeitet, braucht länger“ auf den ersten Blick zwar logisch scheint, aber bei genauerem Hinsehen zu kurz greift. Die Länge der Weiterbildung ausschließlich über die Arbeitszeit zu definieren sei „weder fair noch zeitgemäß“, da Faktoren wie der tatsächliche Lernfortschritt, das individuelle Tätigkeitsprofil sowie die tatsächliche Kompetenzentwicklung nicht ausreichend berücksichtigt würden.
Damit die aktuelle Regelung der Weiterbildungszeit gerechtfertigt ist, müsste folgende Prämisse auch stimmen: Der Lernfortschritt steigt proportional mit der Zeit. Sprich: Arbeite ich 20 Stunden, habe ich doppelt so viel gelernt wie in 10 Stunden. In einer Klausurvorbereitung mag dieser Zusammenhang vielleicht etwa stimmen, doch im Klinikalltag sind die Lerngelegenheiten nicht gleichmäßig verteilt und die Lernkurve ist nicht nur von der Zeit abhängig, sondern unter anderem auch von Fallzahlen, Betreuung durch erfahrene Kollegen, Supervision und strukturierte Lernformate. Gerade bei gut organisierter Weiterbildung erscheint es möglich, dass Teilzeitkräfte ähnliche Kompetenzen in kürzerer Kalenderzeit erwerben als die reine Stundenlogik vermuten lässt.
In der Petition wird betont, dass Teilzeitkräfte häufig in den lernintensiven Kernzeiten des Klinikalltags arbeiten, in denen Visite, Diagnostik und Therapieplanung stattfinden. Weihrauch zitiert zudem lerntheoretische Modelle, die belegen, dass Lernen in kürzeren intensiven Einheiten mit ausreichenden Pausen – die in Teilzeit eher gewährleistet sind als bei einer vollen Stelle – den Lernerfolg verbessern können (s. Exkurs). Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus plausibel, dass ein Arzt, der jede Woche fünf Vormittage arbeitet, in einem Jahr mehr lernt als ein Arzt in Vollzeit in sechs Monaten. Wenn der Kompetenzerwerb zur Bestimmung der Weiterbildungszeit durch Lernerfolgskontrollen regelmäßig überprüft würde, könne zudem die Qualität der Weiterbildung sogar insgesamt erhöht werden, statt sie zu gefährden, so Weihrauch.
Der Verteilungseffekt (englisch: Spacing Effect) beschreibt das Phänomen, dass zeitlich verteiltes Lernen zu besserer Langzeitretention führt als beim sogenannten massierten Lernen (viele Wiederholungen in kurzen Abständen). Bei gleicher Gesamtlernzeit verbessert ein längeres Intervall zwischen Wiederholungen die langfristige Gedächtnisleistung. Dieser Effekt zeigt sich über ein breites Spektrum von Lernmaterialien und in verschiedenen Altersgruppen. (Fun Fact: Der Verteilungseffekt wurde sogar bei wirbellosen Tieren nachgewiesen.)
Die Cognitive Load Theory beschreibt, dass das Arbeitsgedächtnis des Menschen nur eine begrenzte Anzahl von Informationselementen gleichzeitig verarbeiten kann – eine Art Flaschenhals für das Lernen. Sobald die kognitive Gesamtbelastung die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses übersteigt, werden Leistung und Lernen beeinträchtigt.
Die aktuelle Regelung benachteiligt eine Gruppe an Teilzeitkräften besonders: Eltern, die für die Kinderbetreuung ihre Arbeitszeit reduzieren. Auch heute betrifft das überdurchschnittlich häufig Frauen, die durch die bisher gültige Regelung systematisch benachteiligt sind. Gleichzeitig wird die Medizin seit Jahrzehnten zunehmend weiblich, sodass die langen Weiterbildungszeiten den ebenso bestehenden Ärztemangel weiterhin verschärfen. „Jede unnötige Verlängerung von Weiterbildungszeiten bedeutet, dass Ärztinnen und Ärzte später als Fachärzte zur Versorgung beitragen können – obwohl ihre Kompetenz in vielen Fällen bereits früher ausreichend vorhanden wäre“, formuliert Weihrauch es in seiner Petition.
Mögliche Vorbilder für eine kompetenzorientierte Weiterbildung sind Kanada oder die Niederlande, wo bereits schwerpunktmäßig auf den Kompetenzerwerb geachtet wird. So wurde in unserem Nachbarland beispielsweise die fixe Dauer der Facharztweiterbildung aufgehoben und Assistenzärzte können durch einen früheren Kompetenznachweis das Weiterbildungsprogramm verkürzen. Bei einer Ausbildung in Teilzeit verlängert sich die Weiterbildungszeit zwar auch dort grundsätzlich, kann sich jedoch auch individuell durch Kompetenznachweise wieder verkürzen. Die individuelle Lernleistung zählt also mehr, die tatsächliche Wochenarbeitszeit hingegen weniger als es aktuell in Deutschland der Fall ist.
Einige Punkte lässt die Petition noch offen, so z. B., wie eine Kompetenzüberprüfung konkret aussehen könnte und wie dieser Mehraufwand abgebildet werden kann. Was nämlich unter einer eventuellen Neuregelung nicht sinken darf, sind Qualitätsstandards. Es müsste entsprechend verhindert werden, dass Kliniken aus Personalmangel Kompetenzen zu großzügig bescheinigen. Ebenso erscheint es schwierig, eine einheitliche Regelung für alle Fachrichtungen zu etablieren, da z. B. besonders chirurgische Fächer stärker von der absoluten Fallzahl abhängig sind, für die es einfach Zeit braucht.
Zudem drängt sich ein häufiger Einwand auf: Würde eine solche Neuregelung nicht dazu führen, dass sich noch mehr Ärzte für Teilzeit entscheiden – und damit den ohnehin bestehenden Ärztemangel weiter verschärfen? Diese Sorge ist nachvollziehbar, greift jedoch möglicherweise zu kurz. Denn ebenso denkbar ist ein gegenteiliger Effekt: Flexiblere Arbeitszeitmodelle, die sich an der individuellen Lebensrealität ausrichten, könnten auch dazu beitragen, mehr Ärzte im Beruf zu halten. Doch um sich mit diesen Punkten auseinanderzusetzen, braucht das Thema zuerst mehr Aufmerksamkeit und einen ersten Schritt – zum Beispiel in Form einer Petition.
Bildquelle: Midjourney