Ein Akademiker in U-Haft erklärt mir, warum der deutsche Strafvollzug menschenunwürdig sei – und zieht einen Alcatraz-Vergleich. Über privilegiertes Jammern, moralische Erpressung und Haftbedingungen in Deutschland.
„Waren Sie denn schon mal in Alcatraz?! Nein? Dann reden Sie gefälligst NICHT SO EINEN STUSS DAHER! Herrgott…“
Habe ich das gerade laut gesagt? Ja, habe ich. Was mich dazu gebracht hat, die professionelle Distanz in den Papierkorb zu feuern? Vielleicht der letzte Urlaub, der sich anfühlte, als wäre er in einem anderen Leben gewesen. Oder mein Terminkalender, der seit Wochen aussieht wie ein Tetris-Spiel für Masochisten? Oder diese eine Ärztin, deren Diskurs mir langsam die letzte Nervenfaser verzundert? Vielleicht. Aber der Funke, der die lecke Gasflasche meiner Selbstbeherrschung endgültig hochjagt, sitzt mir gegenüber.
Ein „Akademiker“, wie er nicht müde wird zu betonen. Gehobener Lebensstandard, U-Haft. Tatvorwurf: Geldwäsche, Betrug und Steuerhinterziehung einer halben Million Euro. Er sitzt da und jammert, es gehe ihm schlecht. Und wer ist schuld? Ich. „Nicht Sie persönlich“, schiebt er gönnerhaft nach, als würde er Trinkgeld geben. Aber ich als Rädchen im Getriebe. Als „Erfüllungsgehilfin“ der Justiz. Dann kommt die Klassiker-Platte: Er habe sein Leben lang Steuern gezahlt. Irgendwer scheint diesen Klein- und Mittelschwerverbrechern ins Hirn gepflanzt zu haben, dass Steuern zahlen vor Inhaftierung schützt. Ein Freibrief sozusagen, weil man ja ein redlicher Bürger sei. Und natürlich: die Familie. Ob ich an die gedacht hätte? Was seine kleine Luisa dafür könne? Das System sei verbrecherisch, es treffe die Schwächsten.
Ich hätte ihm gerne über den Tisch hinweg erklärt, dass nicht ich, sondern allein er Luisas Kindheit gegen die Wand gefahren hat. Aber der Herr ist nicht verurteilt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Also muss ich ihn auch so behandeln. Ob er es getan hat oder ob es, wie er sagt, „ein dummer Leichtsinnsfehler bei der Steuererklärung“ war (wer verlegt nicht mal versehentlich 500.000 Euro?), ist mir eigentlich auch egal. Er ist hier drinnen. Luisa ist draußen. Ende der Durchsage.
Genau das habe ich ihm gesagt, was er nicht witzig fand. Er wurde persönlich und fragte, ob ich meinen Magister auf kleinanzeigen.de ersteigert hätte. „Ich bin so alt, ich habe noch ein Diplom“, versuchte ich einen deeskalativen Scherz. „Sie können ja nichts dafür“, lenkte der Betrüger ein, großmütig wie ein König im Exil. „Sie sind ja selbst gefangen in diesem System.“ Nein, Kumpel, ich habe den Schlüssel. Du nicht. Schluckte ich gerade noch hinunter. „Was wollen Sie jetzt von mir?“, knallte ich stattdessen auf den Tisch. Mein Standardsatz, wenn mir die Lust auf Diplomatie ausgeht. „Ich hatte gehofft, hier mal jemanden mit Rückgrat zu finden. Darauf gehofft, dass Sie als Fachkraft sich gegen diese Missstände erheben. Das hier ist keine menschenwürdige Behandlung.“ Ich holte tief Luft und atmete hörbar wieder aus. „Ihre Situation ist mies, aber menschenunwürdig ist unser Vollzug nicht. Wir können gerne überlegen, was genau…“ „MANN!“, unterbrach er mich. „Ich darf nicht telefonieren! Ich bin von meinen Geschäften abgeschnitten! Jede Sekunde verliere ich Geld! Die Hygiene ist ein Witz! Das Essen ist Fraß! Das hier ist schlimmer als Alcatraz!!“
Und da riss der Faden. Es waren weder Tonfall noch Anspruchshaltung und nicht einmal, dass er seine Tochter als emotionalen Rammbock benutzte. Es war der Vergleich. Alcatraz. Ich habe ein wenig Ahnung von den Kerkern dieser Welt und weiß, dass Deutschland eines der 5-Sterne-Hotels unter den Gefängnissen ist. In Mexiko schläfst du mit einem Auge offen, damit dich keiner absticht. In Russland erfrierst du oder wirst von den Wärtern kaputtgespielt. In China foltern sie dich, in Nordkorea existierst du einfach nicht mehr. Selbst in Rumänien – mitten in Europa – teilst du dir eine Matratze mit einem Fremden, weil kein Platz ist.
Aber Alcatraz? Als der Fels in der Bucht von San Francisco noch in Betrieb war, herrschte dort Sprechverbot mit den Gefangenen und für die Gefangenen. Komplette Isolation. Hospitalisierung. Die Zellen: 1,5 mal 3 Meter, strenge Einzelhaft. So groß wie eine Toilettenkabine. Und wenn du dort Mist gebaut hast, ging es in den „D-Block“. 24/7 komplette Dunkelheit im eiskalten Loch, nackt und ohne Licht, kein Zeitgefühl, kaum Essen, zwei Wochen lang. Schläge und Folter standen nicht explizit in den Dienstanweisungen, aber die Wärter mussten sich vor niemandem rechtfertigen, wenn sie zu hart anpackten. Alcatraz wurde gebaut für den Abschaum unter den Verbrechern. Für die, bei denen nichts mehr half. Diese Gefangenen hatten keine Lobby.
Und der werte Herr Steuer-Dyskalkulie? Der glaubt ernsthaft, sein Recht auf eine warme Dusche und Börsenkurse wiege schwerer als das Leid der Männer, die im D-Block verreckten. Er ist damit nicht allein. Ich höre es täglich. Das große Leiden. In Berlin gibt’s Telefone, in Italien Wein, in Mexiko angeblich Nutten und Kokain. Überall ist das Gras grüner, sogar hinter Gittern.
Es ist eine Krankheit. Wir Deutschen gehören zu den reichsten zwei Prozent der Welt, aber jammern, als stünden wir kurz vor dem Hungertod. Menschen in Pakistan oder Syrien würden töten für unseren Bürgergeld-Satz. Frauenrechte im Iran? Meinungsfreiheit in China? Googeln Sie das mal. Dieser Artikel hier wäre dort mein Todesurteil. Jetzt höre ich Sie schreien: „Amerika ist uns in so vielen Dingen voraus!“ „In Dubai zahlt man keine Steuern!“ Ja, sicher. Keine Steuern, das fand mein Akademiker auch gut. Aber waren Sie mal krank zu Hause in letzter Zeit? Und haben weiter Geld bekommen? Ohne Kreditkarte im Krankenhaus? Haben bezahlten Urlaub genommen und erhalten später mal eine Rente? In Dubai können Sie im Alter Flaschen sammeln. Blöd nur: Es gibt dort keinen Pfand.
Mein Akademiker war kurz still, nachdem ich ihn angeschrien hatte. Ich habe ihm dann einen Bericht über Alcatraz ausgedruckt. Hausaufgabe: Er soll seinen Ärger in die Kategorien „menschenunwürdig“, „illegal“ und „einfach nur unangenehm“ sortieren. In mein Protokoll schrieb ich: „Psychoedukation und mentale Strukturierung der Lebensumstände.“ Ich bin gespannt, ob ich je wieder von ihm höre.
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