Während einer Krebstherapie gelten Vitamin-B3-Derivate als harmlose Helfer. Doch ausgerechnet von Mechanismen, die gesunde Zellen vor Stress schützen, könnten auch Tumorzellen profitieren. Welche Supplemente ihr auf dem Schirm haben solltet.
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland boomt. Ob Mineralstoffe oder Vitamine – entsprechende Produkte sind längst im Alltag vieler Menschen angekommen. Etwa jeder Zweite schluckt regelmäßig Supplemente. Der Gesamtmarkt wächst und hat im Jahr 2025 deutschlandweit ein Umsatzvolumen von über vier Milliarden Euro erreicht.
Bei vielen Indikationen, auch in der Onkologie, ist der Griff zu freiverkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln Routine. Insbesondere Derivate des Vitamins B3 – etwa Nicotinamid (NAM), Nicotinamid-Ribosid (NR) oder Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) – sind beliebt. Sie erhöhen intrazellulär die Konzentration von NAD⁺, einem Kofaktor der Energieproduktion, der DNA-Reparatur und der zellulären Stressantwort. Das Problem: Mechanismen, die gesunde Zellen vor Stress schützen, könnten Tumorzellen zugutekommen und sie vor dem erwünschten Untergang bewahren. Davor warnen Forscher jetzt in Cancer Letters.
Die aktuelle Arbeit zeigt beispielhaft, dass Zellen eines Pankreaskarzinoms ihren NAD⁺-Stoffwechsel aktiv hochregulieren – insbesondere unter Stressbedingungen wie Nährstoffmangel oder einer Chemotherapie. Das Pankreaskarzinom zeichnet sich durch ein extrem nährstoffarmes und schlecht vaskularisiertes Tumormilieu aus. Diese Bedingungen führen zu chronischem metabolischen Stress, den Tumorzellen aktiv kompensieren. Selbst ohne Stressfaktoren weisen sie höhere NAD⁺-Spiegel auf als nicht-maligne Pankreaszellen. Unter Chemotherapien steigt der Bedarf weiter an, offenbar um wichtige Überlebensmechanismen aufrechtzuerhalten. Dazu zählen vor allem die Stabilisierung mitochondrialer Funktionen, die Aufrechterhaltung des Redoxgleichgewichts sowie die Reparatur von DNA-Schäden. Genau hier ist NAD⁺ ein limitierender Faktor für das Überleben von Tumorzellen unter therapeutischem Druck.
Brisant ist der experimentelle Befund, dass die Gabe von NAD⁺-Vorstufen, allen voran NMN, die Wirksamkeit gängiger Chemotherapeutika deutlich verringert. In vitro führte NMN zu einer bis zu siebenfachen Erhöhung der IC50-Werte von Oxaliplatin und 5-Fluorouracil.
Auch in Tiermodellen bestätigte sich dieser Effekt. Sowohl NMN als auch NAM beschleunigten das Tumorwachstum und schwächten die Wirkung der Chemotherapie signifikant. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass Nahrungsergänzungsmittel auch bei Patienten die zytotoxische Wirkung systemischer Therapien unterlaufen. Auch biologisch ist das plausibel: NAD⁺-Vorstufen verbessern die mitochondriale Funktion und steigern die ATP-Produktion, selbst unter einer Chemotherapie. Gleichzeitig verringern sie durch erhöhte NADPH- und Glutathion-Spiegel oxidativen Stress. Das führt zu weniger reaktiven Sauerstoffspezies, zu weniger DNA-Schäden und zu einer Verringerung der Apoptose. Parallel dazu wird die DNA-Reparatur durch verstärkte PARP-Aktivität unterstützt. So entsteht ein zelluläres Schutzprogramm, das Tumorzellen resilient gegenüber genau jenen Mechanismen macht, die typisch für Chemotherapeutika sind.
Die Daten sind zwar präklinisch, sollten aber dennoch zur Vorsicht mahnen. Denn viele Patienten nehmen Nahrungsergänzungsmittel eigenständig ein, oft ohne Rücksprache mit ihren behandelnden Onkologen. Gleichzeitig werden Vitamin-B3-Derivate gezielt zur Linderung therapiebedingter Nebenwirkungen diskutiert.
Die Gefahr: Einerseits könnten NAD⁺-Booster gesunde Gewebe schützen, aber auch Tumorzellen stabilisieren. Besonders beim Pankreaskarzinom, das durch ein stark nährstofflimitiertes und oxidativ belastetes Mikromilieu geprägt ist, scheint dieser Effekt recht ausgeprägt zu sein. Wie stark andere Krebsarten auf Supplemente reagieren, muss in weiteren Studien behandelt werden.
Für die klinische Praxis bedeutet das vor allem: Eine strukturierte Anamnese zur Supplement-Einnahme macht vor jeder Tumortherapie Sinn. Und Patienten sollten aktiv über mögliche Risiken aufgeklärt werden – gerade bei Substanzen, die landläufig als natürlich oder harmlos gelten.
Nakazzi et al.: Vitamin B3 derivatives support pancreatic cancer cell survival and chemotherapy resistance. Cancer Letters, 2026. doi: 10.1016/j.canlet.2026.218334
Bildquelle: Midjourney