Auf dem Papier exzellent, in der Realität zunehmend pathologisch: Medizinisches Personal leidet immer häufiger unter Burnouts. Warum diese Dauerbelastung Symptom eines ganzen Systems ist.
Frau Karl ist 44 Jahre alt, W2-Professorin für translationale Humangenetik, leitende Oberärztin, hat drei Kinder und kürzlich mehrere Drittmittelstudien bewilligt bekommen – von außen also eine beeindruckende Karriere wie aus dem Bilderbuch! Und von innen? Da sieht es ganz anders aus! Schlafstörungen, permanente Erschöpfung, eine innere Leere und das Gefühl, nur noch zu funktionieren, gelten als klassische Burnout-Symptome, die bei Ärzten und Hochschulbeschäftigten mit Prävalenzen von über 50 % überdurchschnittlich häufig auftreten (hier und hier).
Aktuelle Studien zeigen, dass die Mehrheit der Ärzteschaft eine anhaltende Überlastung erlebt und auch von deutlichen Burnout-Symptomen berichtet. Besonders häufig zeigt sich die Erkrankungslast jedoch in der universitären Medizin. Hier werden hohe Leistungsanforderungen gestellt, ständige Erreichbarkeit erwartet und eine Kultur gelebt, in der das Um-Hilfe-Bitten verpönt ist und mehr ein Zeichen von Schwäche darstellt, als wirklich ernstgenommen zu werden.
Ein Burnout ist dabei aber keine Diagnose nach ICD-10, sondern wird im ICD‑11 als arbeitsbezogenes Phänomen beschrieben (QD85). Symptome sind dabei:
Auch Frau Karl kommt nicht in unsere Sprechstunde „wegen Stress“, sondern nach einer Panikattacke während der Erstsemestervorlesung. Unter Tränen berichtet sie im Aufnahmegespräch von einem nicht aufhörenden Überforderungserleben, monatelang durchgearbeiteten Nächten, zunehmender Fehlerangst, ausgeprägten Grübelschleifen, Verlust von Freude an Forschung und Lehre – und zynischen Kommentaren gegenüber den Patienten und Kollegen, bei denen sie sich selbst als völlig fremd vorkam. Hinzu kam die strukturelle Überlastung mit einer vollen klinischen Stelle, Leitungsfunktion, Forschung, Lehre und Publikationsdruck ohne wirkliche Delegationsmöglichkeiten oder kollegiale Unterstützung. Für Frau Karl fühlte sich das „Nein-Sagen“ wie ein Verrat an den Patienten, ihrem Team oder der Forschung selbst an.
Die Behandlung in der Praxis ähnelt der bei anderen stressassoziierten Erkrankungen wie Depressionen oder Anpassungsstörungen. Aktuelle Leitlinien und Übersichtsarbeiten empfehlen eine Kombination aus Psychotherapie und gezielten Veränderungen der Arbeits- und Lebensumstände. In den psychotherapeutischen Gesprächen geht es dann insbesondere um die Bearbeitung von Perfektionismus und einem dysfunktionalen Rollenverständnis (z. B. „Ohne mich geht es nicht“). Denn Studien belegen, dass besonders perfektionistische Tendenzen eher zur psychischen Erschöpfung beitragen.
In der Praxis hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Diese hilft, rigide Leistungs- und Verantwortungsüberzeugungen zu hinterfragen, realistische Standards zu entwickeln und schützende Verhaltensweisen wie Pausen, Delegation und das Setzen klarer Grenzen im Arbeitskontext gemeinsam mit den Patienten aufzubauen. Ergänzend können achtsamkeitsbasierte Verfahren die Erholung fördern und das Stresserleben nachweislich reduzieren. Eine unterstützende medikamentöse Behandlung kommt vor allem dann in Betracht, wenn sich im Rahmen des Burnouts eine behandlungsbedürftige depressive Episode, eine Angststörung oder eine ausgeprägte Schlafstörung entwickelt hat. Hier werden in der Regel Antidepressiva, wie SSRIs oder SNRIs, eingesetzt, um die Symptome zu lindern und die Umsetzung psychotherapeutischer und lebensstilbezogener Veränderungen zu erleichtern.
Frau Karl hat die Notbremse gezogen und sich für ihre Gesundheit entschieden. Sie hat mit der Personalabteilung gesprochen, ihren Stellenanteil reduziert, die Leitungsfunktion abgegeben und eine Therapie begonnen. Keine Wissenschaft, keine Kongresse und kein Publikationsdruck mehr. Dafür hat Frau Karl jetzt endlich Zeit für ihre Kinder und kann sogar mit ihrem Mann wieder Abende zu zweit verbringen.
Entscheidend ist, dass ein Burnout kein individuelles Versagen, sondern meistens ein Ausdruck struktureller Fehlanreize und eines anti-sozialen Systems ist. Frau Karls Geschichte zeigt, dass unsere Arbeitskultur im Gesundheitswesen dringend lernen muss, dass Exzellenz und Selbstfürsorge nicht länger als Widerspruch dastehen. Durch echte Teamarbeit und eine klare Aufgabenverteilung lassen sich Mitarbeitende aktiv vor stressassoziierten Erkrankungen schützen, die Freude an der Arbeit bewahren und eine hervorragende Patientenversorgung durch kollegiale Zusammenarbeit und faire Aufgabenteilung sichern.
Bildquelle: Patrycja Jadach, Unsplash