Wir predigen Prävention, aber leben sie selten selbst: Überstunden, Dauerstress, Schlafmangel. Warum die mentale Gesundheit im Gesundheitswesen oft auf der Strecke bleibt – und wie es besser geht.
Wir impfen gegen Grippe, screenen auf Krebs und erklären unseren Patienten geduldig, warum zehn Stunden Schlaf keine Faulheit, sondern Prävention sind. Und dann? Sitzen wir selbst um 22 Uhr noch am PC, finalisieren Abrechnungen, beantworten die letzte E-Mail und überlegen, ob vier Stunden Schlaf heute reichen. Willkommen in der Gesundheitsbranche; dem Bereich, der am lautesten für das Wohlbefinden der anderen eintritt und über das eigene schweigt. Dabei ist mentale Gesundheit im medizinischen Umfeld kein Lifestyle-Thema, sondern eins mit messbaren Konsequenzen – für Mitarbeiter, Patienten und Praxisinhaber gleichermaßen.
Ich schreibe diesen Artikel aus der Perspektive eines Menschen, der mittendrin steht: Ich arbeite im Projektmanagement und in der Personalverwaltung der Hausarztpraxis Knoop in Köln-Nippes. Ich bin Schnittstelle zwischen Geschäftsstelle und rund 100 Angestellten und bekomme jeden Tag mit, wie es dem Team wirklich geht – in Gesprächen, in Blicken, in kleinen Sätzen zwischen zwei Terminen.
Bevor wir über Gefühle reden, lassen wir kurz die Daten sprechen. Europaweite Erhebungen zeigen, dass medizinisches Fachpersonal ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen trägt. In großen Studien erfüllte etwa jede dritte befragte Person im Gesundheitswesen Kriterien für eine depressive Erkrankung oder Angststörung; ein relevanter Anteil berichtete sogar von Suizidgedanken in den letzten Wochen. In Deutschland liegt der Anteil von Beschäftigten im Gesundheitswesen mit klinisch relevanten depressiven Symptomen im hohen ein- bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich – deutlich über dem, was sich eine Gesellschaft leisten kann, wenn genau diese Menschen die Versorgung sichern sollen.
Hinzu kommt die ökonomische Dimension: Psychische Erkrankungen verursachen Milliardenkosten durch Fehlzeiten, Minderleistung und Fluktuation. Führungskräfte und Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegebereich weisen besonders hohe Ausfallzeiten durch stressassoziierte Erkrankungen auf – teilweise ein Mehrfaches des Durchschnitts anderer Branchen (hier). Mentale Gesundheit ist also kein „softes“ Thema, sondern ein harter Standortfaktor für jede Praxis.
Warum Medizin Stress machtWer verstehen will, warum der Praxisalltag so belastend sein kann, kommt an zwei psychologischen Modellen kaum vorbei:
Unsere Hausarztpraxis ist eher ein mittelgroßer Gesundheitscampus als eine kleine Eckpraxis. Jährlich zählen wir etwa 50.000 Patientenkontakte, betreut von rund 100 Menschen: Oberärzte, Fachärzte, Ärzte in Zulassung, Weiterbildungsassistenten, MFA, Verwaltung, Backoffice, IT, Praxismanagement, Azubis – und dazu Werkstudenten, Famulanten, Praktikanten und duale Studenten.
Als Bindeglied zwischen Geschäftsführung und Team gehört es zu meinen Aufgaben, Stimmungen im Haus wahrzunehmen und als Ansprechpartner für Azubis und jüngere Mitarbeiter zur Verfügung zu stehen. Zu den typischen Belastungsquellen, die ich immer wieder wahrnehme, gehören:
Wenn man diese Faktoren nicht adressiert, entsteht als Ergebnis von dauerhaft ungünstig gestalteter Arbeit, was wir später Burnout nennen. Um dies zu verhindern, haben wir in unserer Praxis mehrere Bausteine etabliert.
Die Ausbilder in unserer Praxis treffen sich wöchentlich zum Austausch: Was läuft gut? Wo gibt es Irritationen? Wer braucht Unterstützung? Auch die Auszubildenden selbst haben einen festen Termin untereinander, gemeinsam mit einer verlässlichen Ansprechperson. Das schafft Raum für Fragen, Unsicherheiten, und das Teilen von Erfolgserlebnissen – ohne Noten und ohne Chefvisite. Einmal pro Schuljahr findet ein Austausch mit Berufsschullehrkräften statt. Dabei besprechen wir, wie unsere Azubis sich im Unterricht zeigen: Gibt es Auffälligkeiten? Wo brauchen sie mehr Unterstützung oder Struktur? Solche Praxis-Schule-Kooperationen gelten als wichtiger Schutzfaktor für Ausbildungserfolg und psychische Gesundheit. Zudem gibt es ein Mentoring von Azubi zu Azubi: Ausgelernte Kollegen, die ihre Ausbildung bei uns absolviert haben, fungieren als Mentoren für neue Azubis. Das senkt die Schwelle, Probleme anzusprechen, „Ich war da, wo du jetzt bist.“ Mentoring-Programme werden in Studien als wirksame Maßnahme zur Reduktion von Belastung und zur Erhöhung von Bindung beschrieben.
Auch die Ärzte treffen sich täglich. So kann jeder von seinen aktuellen Fällen berichten. Fachliche Fragen oder Sorgen und schwierige Situationen mit Patienten können hier unmittelbar im Team reflektiert werden – ein niederschwelliger Beitrag zu kollegialer Fallbesprechung und psychischer Entlastung.
Bei uns herrscht eine Policy der offenen Tür: Führungskräfte, Praxismanagement und zentrale Personen sind ansprechbar, auch spontan, wenn es brennt. Eine solche Kultur der psychologischen Sicherheit gilt als zentraler Faktor für mentale Gesundheit im Team. Die Dienstpläne werden bei uns möglichst individuell gestaltet. Kinderbetreuung, lange Anfahrtswege, Zweitjobs, Schulzeiten der Berufsschule – all das versuchen wir, in der Dienstplanung zu berücksichtigen, soweit der Betrieb zulässt. Ein Dienstplan, der das Leben der Mitarbeiter komplett ignoriert, ist auf Dauer eine Einladung zur (inneren) Kündigung.
Wer Mehrleistung bringt, kann auf Anfrage Freizeitausgleich nehmen. Rund um Prüfungen erhalten Auszubildende freie Tage zur Vorbereitung. Wer gleichzeitig Vollschicht arbeitet und Abschlussprüfungen schreibt, braucht keine Resilienzschulung, sondern Zeit. Mitarbeiter, die sich durch außergewöhnliches Engagement oder besondere Eigeninitiative hervortun, erhalten Gutscheinkarten als sichtbares Zeichen der Anerkennung. Wertschätzung, die man spüren kann, wirkt anders als Wertschätzung, die man nur hört. Relevante Fort- und Weiterbildungen – zum Beispiel die AEVO-Qualifikation (Ausbildereignung) – werden von der Praxis übernommen. Das stärkt Fachlichkeit, Identifikation und Bindung an den Arbeitgeber.
Rechtlich ist das Thema ebenfalls klar: Nach Arbeitsschutzgesetz (§ 5) sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, psychische Belastungen zu erfassen und davon geeignete Maßnahmen abzuleiten – das gilt auch für Arztpraxen. Einmal im Monat erhält bei uns jedes Teammitglied über die HR-Software einen kurzen anonymen Fragebogen zu den Themen subjektives Stressempfinden, wahrgenommene Wertschätzung, Kommunikation im Team, Belastung. Die Ergebnisse werden bereichsweise ausgewertet und in die Teams zurückgespiegelt. Das schafft psychologische Sicherheit und liefert uns als Leitung Daten, um früh gegenzusteuern. Wer erkennt, dass Mitarbeiter überlastet sind, hat die Pflicht, zu reagieren. Mit Entlastung, Gesprächen, Anpassung der Arbeitsbedingungen oder Vermittlung von Hilfe. Wichtig ist dabei: Wenn Strukturen krank machen, kann man die Folgen nicht mit ein bisschen Achtsamkeit wegatmen. Strukturprobleme brauchen Strukturantworten – ergänzt durch Angebote zur individuellen Stärkung, nicht ersetzt.
Im Gesundheitswesen konkurrieren Praxen heute nicht nur um Patienten, sondern vor allem um gute Mitarbeiter. Eine Praxis, die mentale Gesundheit ernst nimmt, gewinnt mehrfach: durch geringere Fluktuation, weniger Fehlzeiten, höheres Engagement und authentisches Employer-Branding, gerade bei jüngeren Generationen.
Klar ist: Mentale Gesundheit in einer großen Praxis ist kein Projekt einer Einzelperson. Aber es braucht Rollen, die ausdrücklich hinsehen dürfen. Genau dort sehe ich mich:
Heiler dürfen sich nicht selbst vergessen. Und Praxen, die das verstanden haben, werden die Arbeitgeber sein, zu denen man nicht nur geht – sondern bei denen man bleibt.
Bildquelle: ChatGPT