Zu wenig Lehre, zu viel Lückenfüller: Das ärztliche PJ steht seit Jahren in der Kritik. Neue Zahlen zeigen jetzt, wie ernst die Lage wirklich ist. Ein Blick hinter die Kulissen eines Systems, das Nachwuchs eher abschreckt als vorbereitet.
Ein Drittel der angehenden Ärzte im Praktischen Jahr überlegt, die kurative Medizin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren – das ergab das PJ-Barometer 2025 vom Marburger Bund. Höchste Zeit, sich Sorgen um die zukünftige medizinische Versorgung zu machen, oder?
Befragt wurden für das Barometer 1.800 Medizinstudenten im PJ und Ärzte, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt. Von den Umfrageteilnehmern befanden sich knapp die Hälfte zum Befragungszeitraum im PJ.
Die Ergebnisse auf einen Blick:
Erstmals wurde auch gefragt, ob die angehenden Ärzte in der kurativen Medizin bleiben wollen: Ein Drittel denkt tatsächlich darüber nach, sie zu verlassen, 52 % verneinen und 15 % sind unentschieden.
Wir haben uns bei Medizinstudenten umgehört, die gerade im PJ sind, wie sie das Jahr erleben und ob sie ihre Entscheidung in die Medizin zu gehen, schon bereuen.
„Meistens macht man Tätigkeiten, die die Ärzte abgeben können und wollen. Ich bin nicht zufrieden mit meinem PJ. Ich finde, man wird nicht gut auf das Berufsleben vorbereitet“, erzählt uns ein PJler. „Die Ärzte haben sich nicht oft Zeit genommen, um mal etwas zu erklären – es bleibt einfach kaum Raum für Lehre. Man kann Glück haben, das ist aber dann Zufall. Durch mein Tertial in der Schweiz fühle ich mich etwas sicherer und mehr als Arzt, weil man ein paar Tätigkeiten übernehmen durfte, die sonst auch ein Assistenzarzt machen würde. Das gilt allerdings leider nicht für den OP – da ist es in Deutschland schon etwas besser gewesen. Hätte ich meine Erfahrungen in der Schweiz aber nicht gehabt, wäre ich extrem Unsicher hinsichtlich meines Arbeitseintritts.“
„Dass das PJ eine anspruchsvolle und fordernde Phase ist, dürfte den meisten vor Beginn klar sein. Der tatsächliche Klinikalltag bringt jedoch noch einmal ganz eigene Herausforderungen mit sich, auf die einen keiner im Studium vorbereitet“, erzählt eine Studentin. „Überall steht groß ‚Personalmangel‘ geschrieben – in der Pflege, die der festen Überzeugung ist, wir sind ein Teil von ihnen oder bei den Ärzten, die keine Zeit für Unterricht haben und froh sind, Aufgaben abdrücken zu können.“ Es sei schon sehr frustrierend, wenn sie von anderen PJlern lerne, was sie klinisch wie machen soll und dann noch Ärger bekäme, wenn sie es falsch mache. Sie empfinde sich mehr als Aushilfe denn als eine zusätzliche Kraft, die da ist, um zu lernen. Denn viel Zeit für Lernen bleibe nicht. „Am besten weiß ich alles schon vor dem Teaching.“ Sie höre auch oft von Kommilitonen, dass diese täglich mit einer Sinnkrise aufstehen und diese Zeit einfach nur hinter sich bringen wollten. „Ich liebe die Medizin, aber ich habe schon häufiger gezweifelt, ob ich in einem System arbeiten möchte, was uns krank macht. Ich habe für mich entschieden, es zu versuchen und meine Leidenschaft trotz der Schwierigkeiten zu leben. Ich verstehe aber auch meine Kommilitonen, die diesen Preis nicht zahlen wollen.“
Eine andere PJlerin berichtet: „Mein erstes Tertial in der Chirurgie einer Uniklinik war relativ entspannt – perfekt für mich, da ich auch zeitgleich promoviere. Ich war nur 2–3 Tage pro Woche in der Klinik, meistens 3–6 Stunden pro Tag. Weil ich vorher noch nie wirklich Stationsarbeit gemacht habe, war es ganz gut um meine Blutabnahme- und Verbandswechsel-Skills auszubauen. Das war aber leider auch das einzige, was ich gelernt habe. Von den Patienten wusste ich nie die Krankheitsbilder und man hat leider nie irgendwas mit den Ärzten durchgesprochen oder eine Form von Teaching bekommen. Im zweiten Tertial bin ich nun in Bozen. Die Ärzte sind hier auf jeden Fall zugewandter und erklären auch mal, was der Patient für Beschwerden hat, was jetzt differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden muss und wie man therapeutisch vorgeht.“
Ein Student berichtet uns: „In der ZNA an der Uniklinik gefällt es mir gut. Man kann eigenständig mit den Patienten arbeiten, bespricht mit dem betreuenden Arzt die Verdachtsdiagnose und das weitere Vorgehen. Ich kann viel mitnehmen für mich. Ich durfte auch mal ein Aszites punktieren. Oft ist man auch in den Schockräumen dabei. In der Uniklinik ist das teilweise schon sehr heftig, was man da so erlebt, das ist eine sehr besondere Erfahrung. Einmal die Woche hat man sogar ein PJ-Seminar mit einem Oberarzt, da wird man auch abgefragt. Da bereitet man sich deshalb mehr vor, auch wenn es etwas beängstigend ist.“ Abgeschreckt bezüglich des Berufseinstiegs ist er nicht vom PJ.
Ein weiterer angehender Arzt erzählt: „Bei meiner Stelle in der Chirurgie waren die PJler hauptsächlich mit Blutentnahmen und Haken halten beauftragt.“ Es habe zwar Fortbildungen gegeben und die Stimmung sei gut gewesen, aber selbst wenn er eigene Patienten übernehmen sollte, sei dies oft daran gescheitert, dass er entweder in den OP musste, zum Blut entnehmen geschickt wurde oder es gar keinen freien Computer für PJler gab. „Auch als ich in diesem Krankenhaus in die Notaufnahme rotierte, gab es insgesamt zu wenig PJler, sodass ich dort praktisch keine Zeit verbrachte, sondern wieder Blut abnahm. So entstand kein Lerneffekt, kein wirklicher Überblick über die Arbeit als Assistenzarzt und auch keine Vorfreude auf den Beginn des Arbeitslebens. In meinem PJ-Tertial in der Schweiz war ich im Gegenzug viel in der Notaufnahme.“ Hier habe sich eine direkte Zusammenarbeit mit den Assistenzärzten ergeben, wobei er als PJler häufig die Erstuntersuchung des Patienten übernehmen durfte und dann das weitere Procedere mit dem Assistenzarzt besprach. „Ich habe die Patienten weiter betreut, Diagnostik angemeldet oder sie dem Oberarzt vorgestellt. Blutentnahmen sind in der Schweiz klar pflegerische Aufgabe. Wenn man so involviert ist in die klinische Arbeit, dann sind lange Arbeitszeiten viel weniger ein Problem, denn mit jeder extra Stunde lernt man durch die praktische Arbeit etwas dazu.“ An der kurativen Medizin habe ihn das PJ nie zweifeln lassen. „Meiner Meinung nach muss es sich zu einem ausreichend bezahlten Praktikum entwickeln, welches mit Urlaubstagen und natürlich der Möglichkeit, krank sein zu dürfen, einhergeht. Zusätzlich ist eine enge Zusammenarbeit mit den Assistenzärzten deutlich wichtiger, als Studientage oder geplante Fortbildungen – ab einem gewissen Punkt muss man die Medizin praktisch erlernen und nicht mehr theoretisch.“
„Das PJ ist für mich kein guter letzter Schritt im Medizinstudium. Man wird nicht gut vorbereitet und dadurch im Prinzip mit offenen Augen ins kalte Wasser geschmissen danach. Alle Assistenten, mit denen ich gesprochen habe, haben es auch so empfunden, leider“, berichtet eine Studentin im PJ. Sie hat das Gefühl, die PJler seien nur dafür da, damit sie die Assistenzärzte entlasten. Diese wiederum hätten trotzdem kaum Zeit für Lehre. „Und am Ende fühlt sich auch selten jemand verantwortlich für dich. Ich weiß, dass es nicht an den Menschen direkt liegt, sondern am System. Aber ich weiß auch jetzt schon: Ich muss hoffen und beten, dass ich eine Stelle finden werde, wo sich die Leute die Zeit nehmen, mich gut einzuarbeiten. Das hat man aber leider nicht oft. Mir graut es schon vor der Zeit danach.“
Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes bringt es auf den Punkt: „Wer im PJ vor allem Lücken im System stopft, statt strukturiert zu lernen, verliert Vertrauen in den ärztlichen Beruf. Dass bereits ein Drittel der angehenden Ärztinnen und Ärzte über einen Ausstieg aus der kurativen Medizin nachdenkt, ist ein deutliches Warnsignal für die gesamte Gesundheitsversorgung. Gute Ausbildung braucht verlässliche Strukturen, ausreichende Betreuung, gute Rahmenbedingungen und ein wertschätzendes Arbeitsklima“.
Ist es naiv zu glauben, die Lösung sei mehr Personal und damit Entlastung der Ärzte in den Kliniken? Würden sie sich mehr Zeit für Lehre nehmen und würden dann auch mehr PJler positiv dem Berufseinstieg entgegensehen? Das greift vermutlich zu kurz. Mögliche Ansatzpunkte liegen auf der Hand: verbindliche Lehrkonzepte, feste Ansprechpartner, geschützte Lernzeiten und eine Vergütung, die zumindest den Lebensunterhalt sichert. Entscheidend ist aber vielleicht auch ein Perspektivwechsel. Das PJ ist keine verlängerte Famulatur, sondern der letzte Schritt vor dem Berufseinstieg – und damit eine Investition in die Qualität der zukünftigen Versorgung. Wenn es nicht gelingt, diesen Anspruch im Klinikalltag abzubilden, wird aus dem „Praxisschock“ schnell ein systemrelevantes Problem. Denn der Berufseinstieg entscheidet am Ende mit darüber, wer bleibt – und wer geht.
Bildquelle: ChatGPT