Sie ist effizient und schützt langfristig vor Karzinomen – und doch kommt die HPV-Impfung in Deutschland nicht in Fahrt. Aufklärung, aber auch ärztliches Engagement sind überfällig.
Weltweit sind HPV-Infektionen die häufigsten sexuell übertragenen Viruserkrankungen. Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich mit HPV vorwiegend bei den ersten sexuellen Kontakten. Der Großteil der HPV-Infektionen ist innerhalb von 2 Jahren nicht mehr nachweisbar. Bei circa 10 % der Betroffenen persistiert die Infektion länger und kann zur Entstehung von präkanzerösen Läsionen führen. Ein Teil dieser Läsionen geht in HPV-bedingte Tumorerkrankungen über.
Im Jahr 2008 wurde der Nobelpreis für Medizin einem Virologen verliehen, der durch seine Forschung die Grundlagen für eine wichtige und einzigartige Impfung gelegt hat: Prof. Harald zu Hausen, ehemaliger Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, hatte erkannt, dass HP-Viren - insbesondere die beiden Hochrisikotypen HPV 16 und HPV 18 Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Eine HPV-Impfung bedeutet damit nicht nur Schutz gegen lästige Viren, sondern verhindert signifikant lebensverkürzende Karzinome. Kondome leisten hier keinen sicheren Schutz, da die Viren auch durch Hautkontakt übertragen werden können.
Eine Zulassung des ersten HPV-Impfstoffes erfolgte 2006 in den USA und Australien. Im Jahr 2007 wurde die HPV-Impfung von der STIKO in das Standardimpfprogramm für Mädchen zwischen 9 und 17 Jahren aufgenommen, für Jungs erfolgte die Empfehlung 2018. Damit gilt als neues HPV-Impfziel nicht mehr allein die Vermeidung des Zervixkarzinoms, sondern die Reduktion der Krankheitslast möglichst aller HPV-assoziierten Tumoren. Zunächst wurden 2-valente und 4-valente Impfstoffe verwendet, die mittlerweile durch ein 9-valentes Präparat ersetzt wurden. Die Immunisierung sollte möglichst früh und vor dem ersten Sexualkontakt erfolgen. Zwischen 9 und 14 Jahren sind zwei Impfdosen ausreichend, ab dem 15. Lebensjahr werden drei Dosen benötigt. Der Impfstoff ist gut verträglich, Nebenwirkungen werden sehr selten beobachtet. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten, sofern die Impfung vor dem 18. Lebensjahr begonnen wurde, mittlerweile auch zum Teil darüber hinaus.
In Deutschland wurde 1971 die gynäkologische Krebsfrüherkennungsuntersuchung mittels PAP-Abstrich eingeführt. Erst im Jahr 2020 erfolgte eine Reform des Screening-Programms, indem ein HPV-Test zusätzlich Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung wurde. Das ist besonders deshalb von Bedeutung, da eine HPV-Infektion meist ohne Symptome abläuft.
Jährlich erkranken in Deutschland nahezu 8.000 Menschen an HPV-bedingten Tumoren, die neben der häufigsten Lokalisation am Gebärmutterhals auch bei beiden Geschlechtern im Mund-Rachen-Raum und Anogenitalbereich auftreten können.
Das Zervixkarzinom ist weltweit das vierthäufigste und in Deutschland das zwölfthäufigste Karzinom der Frau. Nach Einführung der gesetzlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchung sind Inzidenz und Mortalität rückläufig, im Jahr 2022 wurden hierzulande 4.388 Fälle diagnostiziert. Das mittlere Erkrankungsalter beträgt 53 Jahre. Werden nicht die Vorstufen, sondern bereits ein invasives Zervixkarzinom diagnostiziert, liegt das relative 5-Jahres-Überleben bei 64 %. Länder mit einem langjährigen, gesetzlichen organisierten Früherkennungsprogramm haben eine niedrigere Sterberate im internationalen Vergleich.
Die HPV-Impfung schützt nicht nur zuverlässig gegen das Zervixkarzinom, sondern auch gegen Vulva-, Vaginal-, Anal-, Penis-, Mundhöhlen- und Oropharynxkarzinome. Weiterhin werden belastende Genitalwarzen (Condylomata acuminata) durch die Impfung vermieden. Eine Impfung nach der operativen Therapie von intraepithelialen Neoplasien (CIN), sogenannten Vorstufen des Zervixkarzinoms, wird in Fachkreisen schon länger als sinnvoll betrachtet. Eine groß angelegte Studie belegt bei HPV-positiven Schwangeren erhöhte Inzidenzen für einen vorzeitigen Blasensprung, Frühgeburten und neonatale Mortalität.
Aktuelle Langzeiterfahrungen aus Schweden, wo die Impfquote mittlerweile bei 76 % liegt, zeigen eine hohe und langfristige Wirkung der HPV-Impfung. Im gesamten Zeitraum von 2006 bis 2023 haben 365.502 von 926.362 in Schweden lebenden Mädchen und Frauen (39,5 %) mindestens eine Impfdosis erhalten. Es wurden 930 Fälle eines invasiven Zervixkarzinoms diagnostiziert, darunter 97 Erkrankungen bei geimpften Frauen gegenüber 833 Erkrankungen bei Frauen, die keine Impfung hatten. Für Teenager, die vor dem 17. Lebensjahr geimpft wurden, betrug der Rückgang der relativen Inzidenzrate im Vergleich zur ungeimpften Gruppe 79 %.
Auch 13–15 Jahre nach der Impfung war ein anhaltender Impfschutz nachweisbar. Wurden Frauen erst mit 17 Jahren oder später geimpft, war die Schutzwirkung zunächst geringer als bei den Teenagern, da bereits eine höhere Infektionsrate mit HPV vorlag. Nach 13–15 Jahren war allerdings ebenfalls ein ähnlich effizienter und langanhaltender Impfschutz zu verzeichnen, der das Krebsrisiko im Vergleich zu ungeimpften Frauen signifikant reduzierte. Im Untersuchungszeitraum wurde überwiegend ein 4-valenter Impfstoff eingesetzt, der mittlerweile von einem 9-valenten Präparat abgelöst wird, von dem man sich eine nochmalige Steigerung der Schutzwirkung für die Zukunft verspricht.
Die Schlussfolgerung der Studie: Ein signifikant reduziertes Risiko für ein Zervixkarzinom nach der 4-valenten HPV-Impfung hielt während der Langzeitkontrolle an, ohne das Anzeichen eines nachlassenden Schutzes zu verzeichnen waren.
Während es in anderen Ländern (z.B. Spanien, Portugal, Norwegen, England) gelungen ist, HPV-Impfquoten von 80 bis 95 % zu erreichen, gehört Deutschland nicht zu den Spitzenreitern. Dort sorgen staatliche Impfprogramme und Schulkampagnen für hohe Impfquoten, hier verzeichnet das RKI eine vollständige Impfung lediglich bei 55 % der Mädchen und 36 % der Jungen im Alter von 15 Jahren.
Die überwiegende Mehrheit der Länder in Europa nutzt strukturierte Impfsysteme, was in Deutschland nicht der Fall ist. In strukturierten Impfsystemen wird systematisch allen Personen innerhalb einer Zielgruppe aktiv ein Impfangebot vorgestellt. Häufig beinhaltet ein strukturiertes Impfsystem auch Erinnerungsmeldungen, die einen positiven Effekt auf die Impfquote haben, wie Studien zeigen. Besonders Eltern spielen eine entscheidende Rolle darin, ob Kinder und Jugendliche gegen HPV geimpft werden oder nicht. Eine tragende Verantwortung liegt bei Pädiatern, Allgemeinmedizinern und Frauenärzten. Sie sollten darauf achten, dass die HPV-Impfung routinemäßig ins Standardimpfprogramm einfließt. In der Frauenarztpraxis hat es sich als praktikabel erwiesen, junge Mädchen über ihre Mütter, die bereits Patientinnen sind, zu erreichen. Das hat den Vorteil, dass mittels eines Erstkontaktes durch die Impfung die Hemmschwelle für den ersten gynäkologischen Praxisbesuch verringert wird. Plakate und Infobroschüren im Wartebereich unterstützen das Vorhaben.
Eine Aufnahme in den Lehrplan und eigene Schulimpfprogramme wären sehr sinnvoll und Aufklärungsaktionen in den sozialen Medien würden ein breites Publikum altersgerecht erreichen. Eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen generell über das 18. Lebensjahr hinaus bzw. nach operativen Therapien von Karzinomvorstufen ist zu befürworten. Damit würden hohe Therapiekosten vermieden, abgesehen von der Reduktion menschlichen Leids durch schwere, lebensverkürzende Erkrankungen. Erinnerungsschreiben durch die Krankenkassen wären ein Promotor für die Impfquote.
Eine HPV-Impfung erhöht den Eigenschutz und bewahrt die Partnerin oder den Partner effizient und langjährig vor einer Karzinomerkrankung. Grund genug, um alle Hebel für mehr Akzeptanz in Bewegung zu setzen.
Osmani et al: HPV-Impfung zur Prävention von Genitalwarzen und Krebsvorstufen – Evidenzlage und Bewertung. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung- Gesundheitsschutz, 2021. doi: https://doi.org/10.1007/s00103-021-03316-x.
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Stübs et al: Epidemiologie des Zervixkarzinoms in Deutschland. Registerbasierte Analyse von Inzidenz, Überleben, Tumorcharakteristika (2003–2021). Deutsches Ärzteblatt, 2025. online
Dannecker: HPV-Impfung nach Therapie einer zervikalen intraepithelialen Neoplasie (CIN/HDIL). Die Gynäkologie, 2021. online
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HPV-Impfung schützt langfristig vor Zervixkarzinom, Deutsches Ärzteblatt, 2026. online
Robert Koch Institut: Humane Papillomviren (HPV): VacMap-Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. Arbeitsmappe: VacMap, 2025. online
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