Ein einfaches Messgerät, ein kurzes Zudrücken und schon soll sich ablesen lassen, ob der Patient eine Depression hatte. Der Händedruck als Marker für die Psyche – kann es wirklich so leicht sein?
Es gibt Momente, in denen ein Händedruck Bände spricht. Der feste Griff beim Vorstellungsgespräch, das zaghaft-feuchte Händeschütteln vor einer Prüfung oder der „Knochenbrecher“ als Dominanzgeste. Der Händedruck gibt allerdings nicht nur über die aktuelle Gemütslage Auskunft, sondern anscheinend auch über die psychische Gesundheit der vergangenen Jahre. Dieses Ergebnis legt eine Studie nahe, die in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde. Möglicherweise ergeben sich aus dieser Erkenntnis neue Ansätze für Diagnose und Therapie.
Die Schwierigkeit bei psychischen Erkrankungen ist, dass sie für Außenstehende einschließlich Fachkräfte in vielen Fällen nicht gleich unsichtbar sind. Kein Blutbild, kein Röntgenbild und kein eindeutiger Laborwert zeigt, wie es jemandem wirklich geht. Umso mehr sucht die Psychiatrie nach Biomarkern, die Auskunft über den Zustand der Psyche geben können.
Die Handgriffstärke könnte als so ein Marker nutzbar sein. Mit einem einfachen elektronischen Manometer – man drückt, das Gerät misst – lässt sich in Sekunden ablesen, wie viel Kraft jemand aufbringen kann. Die Handkraft korreliert dabei mit der allgemeinen körperlichen Fitness, dem Herz-Kreislauf-System und sogar der Lebenserwartung. Auch mit der psychischen Gesundheit gibt es einen Zusammenhang. Menschen mit Depressionen oder Schizophrenie haben eine messbar schwächere Handkraft als psychisch gesunde Menschen. Das war schon vor der aktuellen Studie bekannt.
Erholt sich die Handkraft, wenn die Depression überwunden ist? Intuitiv würden die meisten davon ausgehen, dass wer gesundet, auch wieder stärker zudrücken kann. Die Studie zeigt jedoch etwas anderes. Das Team untersuchte 533 Personen in vier Gruppen:
Das Ergebnis der letzten Gruppe war unerwartet: Ihre Handkraft unterschied sich kaum von der der akut Erkrankten. Selbst Monate oder Jahre nach der depressiven Episode zeigte der Körper also noch immer dieselbe Schwäche wie auf dem Tiefpunkt der Erkrankung. Der Befund wirft die Frage auf, auf welche Weise eine Depression dauerhaft körperliche Spuren hinterlässt.
Dazu bieten sich zwei mögliche Erklärungen an:
Welche der beiden Erklärungen zutrifft oder ob es vielleicht eine Mischung aus beidem ist, müssen weitere Studien zeigen.
In jedem Fall bestätigt diese Studie, dass eine Depression keine rein seelische Angelegenheit ist. Sie greift tief in den Körper ein. So ist schon lange bekannt, dass Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und chronische Erschöpfung die Erkrankung begleiten. Dass die körperlichen Auswirkungen auch nach der Genesung messbar bestehen bleiben, ist jedoch eine eher neue Erkenntnis.
In dem Zusammenhang sollte auch bedacht werden, dass die Lebenserwartung bei psychischen Erkrankungen sinkt. Laut einer älteren Metaanalyse aus 2015, die auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, sterben Menschen mit Depressionen im Schnitt rund zehn Jahre früher als psychisch gesunde Menschen. Wenn also die Handkraft als mögliches Frühwarnsignal für körperlichen Abbau gewertet wird, könnte mit gezielter körperlicher Intervention nicht nur die Fitness, sondern womöglich die Langzeitprognose insgesamt verbessert werden. Des Weiteren kann sich die antidepressive Wirkung von körperlicher Aktivität bekanntlich in manchen Fällen mit der Wirksamkeit von Medikamenten messen. Die aktuelle Würzburger Studie bestätigt den Ansatz, dass strukturierte körperliche Rehabilitation – ob Krafttraining, Physiotherapie oder Koordinationsübungen – Teil einer vollständigen Genesung sein könnte. Der Händedruck, so banal er auch ist, könnte helfen, die körperliche Gesundung im Blick zu behalten.
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