Trans- und genderdiverse Menschen mit Epilepsie stehen vor besonderen Herausforderungen: Ihre Hormontherapie kann die Anfallskontrolle beeinflussen – und anfallssuppressive Medikamente die Hormontherapie.
Trans- und genderdiverse (TGD) Menschen erleben im Gesundheitssystem häufig Diskriminierung, Stigmatisierung und einen erschwerten Zugang zur Versorgung. Für Menschen mit Epilepsie ist das besonders relevant. Chronischer Stress, Schlafstörungen und eine eingeschränkte Medikamentenadhärenz als Folge dieser Belastungen können die Anfallskontrolle zusätzlich verschlechtern.
Dabei ist die Gruppe keineswegs klein: Nach aktuellen Erhebungen identifizieren sich etwa 0,5–4,5 % der Erwachsenen und 2,5–8,4 % der Kinder und Jugendlichen als genderdivers. Hochgerechnet auf die weltweite Epilepsieprävalenz von rund 50 Millionen Betroffenen ergibt sich eine Patientengruppe von potenziell bis zu 4,2 Millionen TGD-Menschen mit Epilepsie – deren spezifische Versorgungsbedürfnisse bislang kaum systematisch untersucht sind. Viele von ihnen erhalten oder planen eine gender-affirmierende Hormontherapie (GAHT), die auf vielfältige Weise mit Anfallssuppressiva (ASM) interagieren kann.GAHT: potenzieller Einfluss auf das Anfallsgeschehen und Wechselwirkungen mit Anfallssuppressiva
Die Datenlage zu den Auswirkungen von Sexualhormonen auf das Anfallsgeschehen ist komplex und zum Teil widersprüchlich. Einige Studien deuten darauf hin, dass Östrogene eher prokonvulsive Eigenschaften besitzen, während Progesteron und Testosteron möglicherweise antikonvulsiv wirken – die Ergebnisse sind jedoch gemischt. Daraus lässt sich vorsichtig ableiten, dass eine feminisierende Hormontherapie das Risiko für Durchbruchsanfälle erhöhen könnte, während eine maskulinisierende Therapie mit Testosteron die Anfallshäufigkeit möglicherweise weniger beeinflusst. Direkte Studiendaten zur Auswirkung der GAHT auf die Anfallskontrolle bei TGD-Menschen fehlen jedoch bislang. Die klinische Einschätzung stützt sich daher auf Erkenntnisse aus cisgeschlechtlichen Populationen – etwa aus der Forschung zu Kontrazeption, Schwangerschaft und Hormonersatztherapie.
Konkreter belegt ist hingegen die pharmakologische Wechselwirkung zwischen Östrogen und Anfallssuppressiva:Östrogene induzieren Glukuronidierungsenzyme und beschleunigen so den Abbau von Lamotrigin erheblich, was zu einem deutlichen Abfall des Wirkspiegels führen kann. Da die in der GAHT eingesetzten Östrogendosen um ein Vielfaches höher liegen als in oralen Kontrazeptiva, ist dieser Effekt besonders ausgeprägt. In geringerem Maße kann auch der Valproinsäurespiegel beeinflusst werden. Regelmäßige Spiegelkontrollen und eine bedarfsgerechte Dosisanpassung sind in diesen Fällen unerlässlich.
Umgekehrt können enzyminduzierende ASM wie Cenobamat, Eslicarbazepin oder Perampanel in höheren Dosierungen den Metabolismus von Östrogenen und Androgenen beschleunigen und zusätzlich die Produktion von Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG) steigern – mit der Folge, dass die freie Hormonverfügbarkeit sinkt und die Wirksamkeit der GAHT beeinträchtigt werden kann. Für TGD-Personen mit Epilepsie sollten daher bevorzugt nicht-enzyminduzierende ASM in Betracht gezogen werden.Psychosoziale Belastungen nicht unterschätzen
Auch psychosoziale Belastungen dürfen im klinischen Alltag nicht aus dem Blick geraten. Eine genderinklusive Kommunikation – beginnend mit der konsequenten Verwendung des bevorzugten Namens und der richtigen Pronomen – ist nicht nur eine Frage des Respekts, sondern eine Grundvoraussetzung für Vertrauen und Adhärenz.
Die Behandlung erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen unter Einbindung von Neurologie, Endokrinologie und psychosozialer Begleitung. Der klinische Handlungsbedarf ist real – auch wenn spezifische Studiendaten für diese Patientengruppe noch weitgehend fehlen.
Referenzen: Kulick-Soper CV, Waldman G. Epilepsy Management in Transgender and Gender Diverse People. Current Treatment Options in Neurology 2023;25:419–427. https://doi.org/10.1007/s11940-023-00771-6(Artikel abgerufen am 13.04.2026)
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