Bei Sepsis ging der Griff bisher reflexartig zum Breitband-Antibiotikum. Eine veraltete Annahme? Bei welchen Patienten Ärzte sich ein individuelles Vorgehen leisten können.
In der Sepsisversorgung hat sich in letzter Zeit einiges verändert. Nach der Veröffentlichung der neuen deutschen Sepsisleitlinie im Jahr 2025 und der Einführung verpflichtender Qualitätssicherungsmaßnahmen, die viele Kliniken vor organisatorische Herausforderungen gestellt haben, wurde nun auch die Leitlinie der Surviving Sepsis Campaign (SSC) überarbeitet und 2026 neu veröffentlicht.
Die SSC-Leitlinie richtet sich an die Versorgung erwachsener Patienten mit Sepsis und umfasst das Management im präklinischen Bereich, im Krankenhaus sowie in der frühen Phase nach Entlassung. Insgesamt enthält sie 129 Empfehlungen, darunter 46 neue Punkte, die vor allem dazu beitragen sollen, klinische Entscheidungen differenzierter zu treffen.
Ein zentrales Thema der neuen Leitlinie ist der Umgang mit antiinfektiver Therapie. Prinzipien des Antimicrobial Stewardship spielen dabei eine größere Rolle als zuvor. Gemeint ist damit vor allem ein gezielter Einsatz von Antibiotika, eine strukturierte Diagnostik und die konsequente Anpassung der Therapie im Verlauf.
Die grundlegenden Prinzipien der Sepsistherapie bleiben unverändert: eine möglichst frühe Erkennung, eine rasche antiinfektive Behandlung und die Stabilisierung der Hämodynamik. Neu ist vor allem, dass infektiologische Aspekte stärker gewichtet werden. Ziel ist es, unnötig breit(e) Therapien zu vermeiden und gleichzeitig eine ausreichende Behandlung schwerer Infektionen sicherzustellen.
Beim Timing der Antibiotikagabe bleibt die Empfehlung beim septischen Schock klar: Die Therapie sollte so schnell wie möglich begonnen werden, idealerweise innerhalb einer Stunde. Neu ist jedoch die differenziertere Betrachtung bei Patienten ohne Schock. Bei unklarem Infektionsfokus wird erstmals ausdrücklich eine kurze diagnostische Abklärung vor Beginn der Antibiotikatherapie empfohlen. Das entspricht eher der klinischen Realität und unterstützt einen zurückhaltenderen, gezielteren Einsatz von Antibiotika. Zudem wird erstmals auch die Möglichkeit einer präklinischen Antibiotikagabe angesprochen, wenn sich eine relevante Verzögerung bis zum Therapiebeginn abzeichnet.
Insgesamt geht die Leitlinie einen Schritt weg von standardisierten, breit angelegten Therapieschemata hin zu einem stärker individuellen Vorgehen. Die empirische antiinfektive Therapie soll sich stärker am jeweiligen Risiko orientieren und nicht mehr pauschal möglichst breit gewählt werden.
Beginn der Antibiotikatherapie auf dem Weg ins Krankenhaus
Empirische MDR-Abdeckung
Empirische anaerobe Therapie
Rapid Diagnostics
Mikrobiologisches Surveillance-Screening
Candida-Biomarker
Selektive Darmdekontamination (SDD)
Insgesamt zeigt sich, dass die neue SSC-Leitlinie keinen Paradigmenwechsel darstellt, wohl aber eine klare Weiterentwicklung hin zu einer differenzierten, risikoadaptierten antiinfektiven Therapie. Die Infektiologie rückt damit noch stärker in den Mittelpunkt der Sepsisversorgung und wird zunehmend zu einem entscheidenden Faktor für Therapiequalität, Resistenzentwicklung und letztlich das Outcome des Patienten.
Quellen:
Bildquelle: Simon Ray, Unsplash