In der Medizin diskutieren wir intensiv über vermeidbare Risikofaktoren. Deutlich seltener geht es um Stoffe, denen praktisch jeder Mensch ausgesetzt ist. Warum PFAS aus ärztlicher Sicht mehr Aufmerksamkeit verdienen.
„Getreideprodukte enthalten viele Ewigkeitschemikalien.“ Auch wenn die Meldung eher eine Fußnote war, hat mich die Headline letztens ziemlich getroffen. Für diejenigen, die jetzt fragen „Was sind denn Ewigkeitschemikalien oder PFAS?“, hier ein kleiner Exkurs:
Ja, mir ist klar, dass das nicht sofort eine Kausalität bedeuten muss, aber ich finde solche Daten schon erst einmal bedenkenswert. Und genau dieses Bedenken scheint überhaupt nicht zu passieren.
In der Medizin gibt es für Medikamente jede Menge Nachbeobachtungsstudien und Meldesysteme, aber was wir uns mit dem Essen in den Mund stecken, scheint völlig egal zu sein und wird deutlich weniger (oder mit mehr Verzögerung) reguliert. Für mich war es schon heftig, zu sehen, dass Parkinson seit 2012 in Frankreich als Berufserkrankung anerkannt wurde und erst ab 2024 in Deutschland. Aber beim Thema PFAS-Belastung sprechen wir ja von einer noch viel größeren Gruppe – nämlich der gesamten Bevölkerung.
Ich finde das schwierig: Wir tun als Mediziner meistens so, als seien die Patienten mehr oder weniger selbst schuld an ihren Erkrankungen wie, Übergewicht und Diabetes. Und ja, ich habe auch viele Patienten, die sehr deutlich machen, dass sie gar kein Interesse daran haben, mit ihrem Verhalten irgendetwas an ihren Erkrankungen zu verbessern. Aber ich wage zu behaupten, dass die PFAS-Belastung für die meisten Menschen gar kein bekanntes Thema ist. Die meisten Labore können es nicht testen und eine Kassenleistung wäre es sowieso nicht, aber in Studien ist es ein wichtiger Risikofaktor.
Einen Gedankengang habe ich dabei auch noch im Hinterkopf: Wenn wir „viel Gemüse, wenig Kohlenhydrate und Vorsicht mit tierischen Produkten“ empfehlen – entspricht das AUCH der unterschiedlichen PFAS-Belastung (Gemüse und Obst ist eher weniger belastet). Ich konnte aber keine Studie finden (und die wäre wahrscheinlich im größeren Umfang faktisch nicht durchführbar), bei der mal getestet wird, ob die Gesundheitseffekte einer pflanzenbasierten Kost nicht zumindest partiell auch auf die geringere PFAS-Belastung zurückzuführen sind. Wäre das eine mögliche Erklärung, warum es sich (gefühlt) in den letzten Jahren immer stärker beschleunigt mit dem schlechteren Gesundheitszustand? Ja, wir werden als Bevölkerung immer älter, aber es gibt ja auch eine Zunahme der Erkrankungen bei jüngeren Menschen. Und da sich ärmere Bevölkerungsschichten weniger Bio-Produkte (die weniger mit PFAS belastet sind) leisten können bzw. häufiger abgepackte Nahrung essen, wäre das auch da ein möglicher Faktor.
Gerade wenn wir als Gesellschaft immer stärker merken, dass wir ein zunehmendes Problem mit der Gesundheit vieler Menschen haben, müssen wir doch über solche Dinge reden und sie dringend erforschen! Oder (so wie es zum Beispiel in der Medizin normal ist): ERST muss die absolute gesundheitliche Unbedenklichkeit in Studien bewiesen sein, DANN kann man die Produkte (in unserem Fall jetzt Gemüse und so weiter) auf den Markt geben.
In unserer Familie haben mein Mann und ich entschieden, dass wir PFAS meiden, so gut es geht. Backformen aus Emaille statt Silikon, Bratpfannen ohne Antihaftbeschichtung, Kuchenformen einfetten statt beschichtetes Backpapier benutzen. Ja, das ist nicht immer so praktisch, aber bis das geklärt ist, werden wir das weiterführen.
Bei meinen Patienten wäge ich ab: Als mich mal eine Brustkrebspatientin ansprach, was sie denn noch tun könnte, habe ich ihr schon erzählt, dass es da Korrelationsstudien gibt und ich ihr empfehlen würde, PFAS so gut es geht zu reduzieren und bei Neuanschaffungen auf PFAS-Freiheit zu achten. Aber wenn jemand schon von vornherein abwehrend ist, wenn es um Lebensstil-Änderungen geht, erwähne ich es kurz und mache da kein größeres Thema draus. Das ist nicht optimal, aber letztlich werde ich dieses Problem in meiner Hausarztpraxis nicht lösen können. Das wäre Sache der Politik – aber da ist der Fokus gerade woanders.
Und ganz ehrlich: Genau deswegen schreibe ich es auch hier – denn ich glaube, dass viel zu wenig Leute um das Thema PFAS wissen. Und nur, wenn das wirklich mal angesprochen wird, kann sich überhaupt etwas bewegen.
Bildquelle: Tomasz Filipek, Unsplash