Die Castor-Transporte rollen wieder. Demonstrationen zeigen: Sorge machen nicht nur die Risiken atomarer Unfälle. Wie gefährlich ist der strahlende Abfall für unsere Gesundheit?
Seit Jahren sorgen gesundheitliche Folgen einer langfristigen, niedrigen Strahlenbelastung in der Umgebung von Kernkraftwerken für Kontroversen in der wissenschaftlichen Community. Zwar gelten hohe Dosen eindeutig als krebserregend. Doch welche Effekte dauerhaft geringe Dosen haben, wird nach wie vor diskutiert. Epidemiologische Studien lieferten bislang kein klares Bild: Manche Untersuchungen fanden keine Hinweise auf erhöhte Krebsrisiken, andere fanden Hinweise auf höhere Krebs-Inzidenzen in der Nähe von Kernkraftwerken. Vor diesem Hintergrund werteten Forscher Mortalitätsdaten aus den USA zwischen den Jahren 2000 bis 2018 aus. Sie wollten wissen, ob ein Zusammenhang zwischen der Krebssterblichkeit und der räumlichen Nähe zu Kernkraftwerken besteht.
Die Daten wurden auf County-Ebene analysiert und für jede Region ein Expositionsindex entwickelt. Dieser berücksichtigte die Distanz zu sämtlichen Kernkraftwerken innerhalb eines Radius von 200 Kilometern. Um mögliche Latenzzeiten sowie kumulative Effekte abzubilden, mittelte das Team alle Werte über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Krebssterblichkeit entnahmen Forscher Aufzeichnungen der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden. Sie werteten alle Daten getrennt nach Alter und Geschlecht aus. In die statistischen Modelle flossen auch zahlreiche potenzielle Störgrößen ein, darunter sozioökonomische Faktoren, Tabakkonsum, Body-Mass-Index, Qualität der Gesundheitsversorgung, Bevölkerungsstruktur und meteorologische Einflüsse. Für ihre Auswertung nutzte das Team ein statistisches Modell, mit dem sich Mortalitätsraten unter Kontrolle dieser Einflussgrößen zuverlässig schätzen lassen.
Die Autoren fanden eine überraschend klare Assoziation zwischen der Nähe zu Kernkraftwerken und der Krebssterblichkeit. Besonders deutlich fiel der Effekt bei Frauen zwischen 55 und 64 Jahren sowie bei Männern zwischen 65 und 74 Jahren aus. In diesen Gruppen lag das geschätzte relative Risiko bei etwa 1,19 bis 1,20.
Über den gesamten Studienzeitraum ordnete das Forschungsteam rund 115.586 Krebssterbefälle statistisch der räumlichen Nähe zu Kernkraftwerken zu. Bei Menschen ab 65 Jahren entsprach dies im Durchschnitt etwa 4.266 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr, bezogen auf die USA. Zudem zeigte die Risikoabschätzung einen klaren Distanzgradienten: In unmittelbarer Nähe zu Kernkraftwerken war das relative Risiko am höchsten. Es nahm mit wachsender Entfernung kontinuierlich ab – etwa zwischen RR 1,15 und 1,20 für ältere Frauen direkt in Reaktornähe auf RR 1,00 bei ca. 150 Kilometern Abstand. Das Muster deute auf einen Zusammenhang zwischen Exposition und Wirkung hin, schreiben die Autoren.
Klar ist aber auch, dass ihre Ergebnisse aufgrund des Studiendesigns keinen kausalen Zusammenhang belegen. Statt direkter Messungen radioaktiver Belastung nutzte das Team ausschließlich geografische Distanzparameter als Näherungswert. Auch war es nicht möglich, zwischen einzelnen Tumorarten zu unterscheiden. Zudem ließen sich Effekte nicht komplett von Störgrößen eliminieren. Damit bleibt das Bild weiter uneinheitlich, wie schon in früheren Jahren.
Die Ergebnisse aus den USA lassen sich nur eingeschränkt auf Deutschland übertragen. Während in den USA innerhalb des Studienzeitraums eine große Zahl von Kernkraftwerken betrieben wurde und viele Anlagen ein hohes Alter aufwiesen, sind in Deutschland die letzten Reaktoren bereits 2023 vom Netz gegangen. Sie werden schwrittweise zurückgebaut. Auch bei der Strahlenschutzüberwachung gibt es Unterschiede. In Deutschland werden radioaktive Emissionen kontinuierlich über das Integrierte Mess- und Informationssystem (IMIS) erfasst. Diese engmaschige Überwachung ermöglicht eine präzisere Bewertung tatsächlicher Expositionen.
Daten zu Krebs liegen auch für Deutschland vor: Die KiKK-Studie (Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken) sorgte für etliche Diskussionen. Forscher untersuchten zwischen 2003 und 2007 im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz, ob Kinder unter fünf Jahren in der Nähe deutscher Kernkraftwerke häufiger an Krebs erkranken. Grundlage war eine große Fall-Kontroll-Studie mit rund 1.600 erkrankten Kindern und mehr als 4.700 Kontrollen.
Tatsächlich fanden Wissenschaftler im Nahbereich von Kernkraftwerken ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko, vor allem durch Leukämien. Innerhalb eines Radius von fünf Kilometern erkrankten statistisch etwa doppelt so viele Kinder wie zu erwarten wäre. Eine eindeutige Ursache konnten die Forscher jedoch nicht identifizieren. Die Strahlenbelastung der Kinder ließ sich nicht individuell messen. Nach heutigem Kenntnisstand sind die von Kernkraftwerken ausgehenden Emissionen laut IMIS allein zu gering, um den beobachteten Effekt zu erklären. Und für das Kernkraftwerk Krümmel, in dessen Umgebung lange Zeit ein Leukämie-Cluster beobachtet wurde, stieg die Erkrankungsrate nach der Abschaltung des Kernkraftwerks und dem Abtransport der Brennstäbe sogar an. Die Befunde lassen sich bislang nicht erklären. Leukämien haben komplexe Ursachen.
Die neue US-Studie zeigt eine statistische Assoziation zwischen der Nähe zu Kernkraftwerken und der Krebssterblichkeit, insbesondere bei älteren Erwachsenen. Aufgrund des Studiendesigns kann jedoch kein kausaler Zusammenhang abgeleitet werden. Für Deutschland ist die Übertragbarkeit ohnehin begrenzt, da sich Reaktorstruktur, Bevölkerungsdichte und Strahlenschutzsysteme unterscheiden. Es bleibt wie so oft, wenn Unsicherheit besteht, beim alten Satz: Primum non nocere „Zuerst nicht schaden.“
Quelle
Alwadi et al.: National analysis of cancer mortality and proximity to nuclear power plants in the United States. Nature Communications, 2026. doi: 10.1038/s41467-026-69285-4
Bildquelle: Klara Kulikova, Unsplash