Die Schweizer sind uns Deutschen scheinbar wieder einen Schritt voraus. Diesmal geht es um die Anästhesiepflege – und darum, ob sie den Facharzt überflüssig macht.
„Wie, du bist kein Arzt?“ Ich schaue Martin verduzt an, während er den Tubus des Patienten fixiert. Hinter mir lacht Lina auf. „Von meinem Gehalt kann Martin nur träumen.“ In nullkommanix notiert sie die verabreichten Medikamente – und weg ist sie. „Die meisten von uns, die du über den Vorhang luschern siehst, sind Pfleger. Diejenigen, die du weniger siehst, sind Ärzte. Saaleinfahrt!“
Dass im Schweizer Gesundheitswesen einiges anders (besser?) läuft als bei uns, ist klar. Aber was mich hier wirklich aus den Socken haut, ist die Anästhesiepflege. Ich meine, bis zur zweiten Woche im OP habe ich nicht zwischen Ärzteschaft und Pflege unterscheiden können. Wie auch, wenn sie genau das Gleiche machen. Zumindest, was ich aus Deutschland von den Anästhesisten kenne. Hier in der Schweiz ist die Pflege meist an der Kopfposition und intubiert. Und auch im Saal führt die Pflege die Narkose. Beobachtet den Blutdruck. Steigert die Dosis des Noradrenalinperfursors. Behandelt den Bronchospasmus. Spritzt Muskelrelaxans nach. Leitet aus. Leitet ein.
Nach der Hernien-OP treffe ich Lina beim Kaffee. „Du fragst dich bestimmt, wieso ich hier sitze und Martin im OP hinterm Vorhang steht“, sagt die Ärztin lachend. „Ich habe auch in Deutschland studiert und gearbeitet, bis ich hierhin ausgewandert bin. Ich war am Anfang auch verblüfft, wie viel die Pflege hier machen darf und kann. Die Ausbildung ist deutlich spezialisierter.“ Tatsächlich beobachte ich die Anästhesiepflege in den nächsten Tagen und Wochen und bin beeindruckt. Eigentlich arbeiten sie doch genau wie die Ärzte. Wo ist da der Unterschied?
Nun, immerhin die Punktionen sind ärztliche Tätigkeit. Spinale, Blöcke, Arterien, Katheter werden ausschließlich von ärztlichem Personal durchgeführt. Und das präoperative Gespräch zur Ermittlung von wichtigen Faktoren wie Vordiagnosen oder Medikamente wird auch von den Ärzten geführt. Glück gehabt: Sonst hätte man nämlich behaupten können, dass Anästhesisten in diesem Land überflüssig seien. Denn, sagt Lina, „Intubieren kann auch ein dressierter Affe. Was mich von Martin unterscheidet, ist, dass ich weiß, wie mit Patienten mit Myasthenia gravis oder Leberzirrhose umgehen muss, was ich spritze und wie viel, wie genau es wirkt. Und natürlich die Verantwortung“.
Da liegt also der Unterschied. Und trotzdem frage ich mich, ob in Zukunft nicht auch die Punktion von der Anästhesiepflege übernommen wird. Einen Pfleger einzustellen, kostet das Krankenhaus sicherlich weniger als einen Anästhesist. Wird es in Zukunft einfach weniger Anästhesisten geben, die dann primär für die Verantwortung und Koordination angestellt sind? Vielleicht. Aber wenn man so denkt, könnte man Ärzte in vielen weiteren Fachgebieten streichen. Allen voran in der Chirurgie, was auch pure Handwerkskunst ist (die Worte der Chirurgen, nicht meine!). Was das ärztliche Personal von der Pflege unterscheiden sollte, ist der Umgang mit Komplikationen, das Beachten von externen Einflüssen, das über die mechanische Tätigkeit hinausgehende theoretische Wissen. „Im Notfall muss ja auch ich entscheiden zu koniotomieren, nicht Martin“, sagt Lina – und verordnet flink ein PCA postoperativ.
Bildquelle: A Friend, Unsplash