Jeder Medizinstudent träumt wohl vom Doktortitel. Der Weg dahin ist aber nicht immer gleich steinig. Am Ende kriegen ihn alle, mehr oder weniger verdient. Ich wollte mir meine Promotion ehrlich erarbeiten – und bin am Ende trotzdem enttäuscht.
Frau Dr. med. Student 007. Das klingt doch wunderbar, oder nicht? Auch ich habe mich um eine Stelle als Doktorandin bemüht. Und nach einigen Jahren im Doktorarbeits-Business kann ich nur sagen: Wir sind doch alle Blender.
Es fängt schon bei der Wahl der Promotion an. Denn da gibt’s drei Schwierigkeitsstufen.
Wie sich die verschiedenen Bemühungen für den Titel unterscheiden? Ehrlich gesagt: gar nicht. Denn der Workload fließt nicht immer in die Benotung ein. Am Ende kann man ein ganzes Jahr im Labor malocht haben und kriegt das Magna Cum Laude trotzdem nicht. Gute Arbeit, schlechte Ergebnisse eben. Und auch Paper kann man mit fast jedem Projekt veröffentlichen, solange man es gut begründet. Ob die statistische Ausführung sauber und fehlerfrei ist, sei dahingestellt. Am Ende zählt fürs eigene Gefühl doch nur, dass man stolz „Mama, Papa, ich habe ein Paper!“ sagen kann.
Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist das, was einige Mediziner für ihre Promotion produzieren, aus Forschungssicht absoluter Müll. Von statistisch falsch angewandten Tests über im Zeitverlauf schnell geänderte Hypothesen bis hin zum bewussten (!) Auslassen von Daten, um da schöne p < 0,05 zu erlangen: Ich habe alles gehört und gesehen. Da ich Promovierende aus anderen Bereichen (Psychologie, Biologie, Pharmazie) kenne und weiß, was man für den Dr. rer. nat. und Dr. rer. med. alles machen muss, schäme ich mich für mein lächerliches Dr. med. ein bisschen. Denn hierfür betreiben die wenigsten wirklich gute, saubere Forschung.
Am Ende ist das aber schnurzpiepegal, denn der Laie kennt den Unterschied zwischen Dr. med. und Dr. rer. nat. nicht. Und der Laie kennt auch den Unterschied zwischen statistischer und experimenteller Doktorarbeit nicht. Was der Laie kennt, sind die beiden Buchstaben D und R. Und für unsere oftmals schlechte Forschung werden wir Mediziner dann auch noch damit belohnt, dass der Laie diesen Titel nur mit Ärzten assoziiert. Habt ihr mal versucht, einem nicht akademischen Nichtmediziner zu erklären, dass die Promotion ein Add-on ist und man auch ohne Doktortitel Arzt sein kann? Oder dass die Psychologin mit dem Doktortitel keine Ärztin ist und weitaus mehr für den Titel machen musste als ich?
Fürs Protokoll muss ich nur aber einmal betonen, dass meine Kritik natürlich nicht auf jeden zutrifft. Es gibt durchaus Mediziner, die ihre Promotion ernst nehmen und sich Mühe geben, gute Forschung zu betreiben. Das gilt auch für statistische Doktorarbeiten. Aber aus eigener Erfahrung sind es eben die Wenigsten.
Mein Ehrgeiz und mein Ego waren groß genug, um mich an eine experimentelle Doktorarbeit zu wagen. Ein Semester lang habe ich geackert, war teilweise 14 Stunden täglich in der Klinik und im Labor. Hat es sich gelohnt? Überhaupt nicht. Was unterscheidet mich schon von meinem Kommilitonen, der seine Excel-Tabelle neben dem Studium fleißig ausgefüllt hat? Gar nichts, außer Neid. Ja, liebe Leser, ich bin neidisch. Ich habe gedacht, dass ich mich irgendwie besser fühlen würde mit meinem Projekt. Tue ich aber nicht. Meine Betreuung ist schlecht und mein Projekt ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Eine tolle Note kriege ich wahrscheinlich nur, wenn Weihnachten und Ostern zusammenfallen – trotz meiner wirklich guten Leistung. Ich bin wegen des Zeitaufwands finanziell in die Bredouille geraten. Das Forschungsumfeld ist so toxisch und falsch, dass ich zum Teil dachte, ich wäre in einer schlechten Soap gelandet. Ich sehe solche Vertuschungen und Aufhübschungen von Ergebnissen, das kann man keinem erzählen.
Also nein, ich fühle mich nicht besser. Sehnsüchtig warte ich auf den Tag, an dem ich diesen billigen Titel erlange – und dieses Kapitel einfach abschließen kann.
Bildquelle: Midjourney