Vier Medikamente gegen Long COVID können künftig per Kassenrezept verschrieben werden. Ein Lichtblick für das Patienten-Portemonnaie? Was Ärzte jetzt wissen sollten und wieviel Hoffnung wir uns erlauben können.
Ärzte müssen bei der Therapie von Long/Post-COVID oft improvisieren – und Patienten bisher die Kosten meist selbst tragen. Doch jetzt bewegt sich etwas: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat erstmals vier Wirkstoffe für den Off-Label-Einsatz als Kassenleistung freigegeben. Ein Durchbruch in der Therapie oder nur Tropfen auf den heißen Stein? Eine Einordnung von Experten.
Folgende bereits zugelassene Medikamente dürfen künftig gezielt bei Long/Post-COVID eingesetzt werden – auf Kassenrezept, zumindest off-label.
Bisher mussten viele Patienten diese Medikamente selbst zahlen oder auf Einzelfallentscheidungen ihrer jeweiligen Kasse hoffen. Das dürfte nun besser werden. Grundlage der Entscheidung war eine systematische Sichtung der Studienlage zu möglichen Long/Post-COVID-Medikamenten, welche einer Expertengruppe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vornahm. Im Oktober 2025 leitete sie ihre Empfehlungen an den G-BA weiter – nun wurden diese angenommen. In der Zwischenzeit lief ein formales Anhörungsverfahren, in dem Fachgesellschaften und Patientenvertreter zu der Empfehlung Stellung nehmen konnten. Für Prof. Clara Lehmann, Infektiologin von der Uniklinik Köln, ist das nun ein wichtiger Schritt: Off-Label-Erstattungen „erleichtern Ärzt:innen die Verordnung, reduzieren Regressängste und verbessern den Zugang zur Behandlung deutlich“.
Die strukturellen Probleme bleiben aber, denn es gibt weiterhin keine zugelassenen kausalen Therapien. „Es fehlt eine einheitliche klinische Definition und Standardisierung, es gibt unterschiedliche Krankheits-Cluster mit hoher Heterogenität, es gibt zu wenig spezialisierte Versorgungszentren, es gibt keine kausalen Therapien, sondern bisher überwiegend Symptomkontrollen und die Finanzierung der Behandlung ist unzureichend. Off-Label-Erstattungen sind daher sehr wichtig“, so Lehmann. Prof. Andreas Stallmach, Mitautor der S1-Leitlinie Long/Post-COVID, bringt die aktuell für Patienten weiterhin unbefriedigende Lage auf den Punkt: „Der Schritt ist wichtig, aber klein.“ Zwar verbessere sich die Versorgung, doch „effektive, kausale Behandlungen gibt es bisher trotz vieler Anstrengungen nicht“.
Für die Praxis heißt das: Symptomorientiertes Vorgehen bleibt Standard. Immerhin kann Ivabradin bei POTS nun unkomplizierter verordnet werden – das ist relevant, da laut Stallmach rund 30 % der Betroffenen darunter leiden. Aus neurologischer Sicht bleibt die Lage ernüchternd. Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Mitautor der S1-Leitlinie Long/Post-COVID, betont: „Wir haben nach wie vor das Problem, dass es für Beschwerden nach durchgemachter COVID-19-Erkrankung weder valide Biomarker noch evidenzbasierte Behandlungen gibt.“
Die neuen Optionen erweitern also vor allem die symptomatische Therapie – etwa bei Fatigue, kognitiven Defiziten oder Dysautonomie. Nicht-medikamentöse Maßnahmen bleiben dabei ebenfalls essenziell, sagt Prof. Martin Walter, Leiter der Task-Force Post-COVID der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. „Zur Behandlung psychischer Komorbiditäten ist eine Psychotherapie indiziert. Sie sollte auch Betroffenen ohne Komorbiditäten angeboten werden – zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung oder zur Verbesserung der Fatigue-Symptome. Bei allen Interventionen muss eine Anpassung an individuelle Belastungsgrenzen berücksichtigt werden, denn die Vermeidung von pathologischer Überlastung, zum Beispiel durch ,Pacing‘, ist für viele Betroffene essenziell“, so Walter.
Dass Off-Label-Therapien jetzt offiziell erstattungsfähig sind, hat auch eine Signalwirkung – gehören sie für viele Ärzte doch längst zum Alltag. „Schon heute sind Off-Label-Medikamente zentral für die symptomorientierte Behandlung“, sagt Lehmann. Auch Prof. Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz, Sektion Immundefekte und Postinfektiöse Syndrome an der Charité Berlin, sieht Fortschritte: Die G-BA-Entscheidung könne „die Versorgung der Betroffenen verbessern“. Gleichzeitig verweist sie auf weitere Kandidaten wie Low-Dose-Naltrexon, für die noch Studiendaten fehlen. Hier würden zurzeit die Ergebnisse einer randomisierten kanadischen Studie abgewartet, die im Mai dieses Jahres auf der internationalen ME/CFS-Konferenz in Berlin vorgetragen werden sollen.
Neben therapeutischen Lücken bleibt ein weiteres Problem: die Wahrnehmung der Erkrankung. Prof. Walter warnt: „Long/Post-COVID wird aktuell häufig bagatellisiert“. Das führe zur Unter- und Fehlbehandlung. Gleichzeitig herrsche Unsicherheit – bei Ärzten wie Patienten. Die Erkrankung ist heterogen, klare Biomarker fehlen, die Differentialdiagnostik ist anspruchsvoll. „Eine einseitige Zuschreibung der Erkrankung – ob einseitig auf psychische oder auf körperliche Ursachen – ist verbreitet, aber nicht evidenzbasiert. Stattdessen gehen wir von einem Wechselspiel körperlicher und psychosozialer Prozesse bei der Entstehung und dem Fortbestehen der Erkrankung aus. Insbesondere bei der Begutachtung ist es daher wichtig, dass sich diese streng an den funktionellen Einschränkungen der Betroffenen unabhängig von der Ursache orientiert. Relevant ist hier die Orientierung an der internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Auch eine sorgfältige Abklärung von Komorbiditäten ist aktuell nicht immer gegeben. […] Eine sorgfältige Differentialdiagnostik, bei der auch psychiatrische und psychosomatische Differentialdiagnosen und Komorbiditäten mit abgeklärt werden, ist im Interesse der Betroffenen und entspricht der ärztlichen Sorgfaltspflicht.“
Prof. Scheibenbogen sagt: „In der Umsetzung sind wir […] noch weit von einer guten Versorgung entfernt. Das Wissen über diese Erkrankung ist bislang nicht ausreichend in Ausbildung und Fortbildung verankert. Darüber hinaus gibt es wenige evidenzbasierte Behandlungsansätze.“ Sie appelliert weiter: „Oberstes Ziel muss es sein, Therapien zu entwickeln, die nicht nur Symptome lindern, sondern eine Heilung ermöglichen. Dafür sind sowohl die weitere Aufklärung der Krankheitsmechanismen als auch Medikamentenstudien erforderlich. Die stärkere Einbindung pharmazeutischer Unternehmen wäre auch ein wichtiger Schritt.“
Die gute Nachricht ist zurzeit: Die Zahl der Neuerkrankungen sinkt deutlich. Während Anfang 2022 noch knapp 243.000 neue Post-COVID-Fälle pro Quartal dokumentiert wurden, waren es Anfang 2025 nur noch rund 18.600. Das Risiko für Langzeitfolgen ist heute ebenfalls geringer – vermutlich dank Impfungen, Immunität und milderer zirkulierender Varianten. Die schlechte Nachricht: Viele Patienten aus der frühen Pandemiephase sind weiterhin schwer krank. Schätzungen gehen von rund einer Million Betroffenen in Deutschland aus. Prof. Scheibenbogen erklärt: „In unseren Studien, in denen wir Patienten seit Beginn der Pandemie nachverfolgen, zeigt sich, dass die meisten der schwer an Long COVID erkrankten Patienten, viele davon mit ME/CFS, bis heute unverändert schwer krank sind.“
Für Ärzte bedeutet die aktuelle Entscheidung vor allem eine spürbare Entlastung im Alltag: Therapieversuche, die bislang mit Unsicherheit behaftet waren, lassen sich nun deutlich unkomplizierter verordnen. Der Weg über Einzelfallanträge entfällt, die Sorge vor Regressen nimmt ab – und damit auch die Zurückhaltung, symptomorientierte Behandlungen überhaupt einzusetzen. Gleichzeitig sollte man die Erwartungen nicht zu hoch hängen. Die neuen Möglichkeiten ersetzen keine kausale Therapie, sondern erweitern lediglich das bestehende Werkzeug für die Symptombehandlung. Im Patientengespräch wird es daher um eine ehrliche Balance gehen: Es gibt mehr Optionen – aber weiterhin keine gesicherte Heilung.
Umso wichtiger bleibt die klinische Sorgfalt. Eine strukturierte Differentialdiagnostik, das Erkennen von Komorbiditäten und die sinnvolle Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen sind entscheidend. Gerade Ansätze wie Pacing, Psychotherapie oder rehabilitative Maßnahmen behalten ihren Stellenwert. Unterm Strich gilt: Die Rahmenbedingungen werden besser – die eigentliche Herausforderung, Long/Post-COVID gezielt und ursächlich zu behandeln, bleibt.
Bildquelle: Jakub Żerdzicki, Unsplash